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14.04.2019

09:12

Wie zwei andere Neubauten der italienischen Werft ist die Yacht mehr als 100 Meter lang. (Foto: Azimut)

Superyacht FB 275

Wie zwei andere Neubauten der italienischen Werft ist die Yacht mehr als 100 Meter lang.

(Foto: Azimut)

50 Jahre Azimut

Wie ein Bootsvermieter zum Top-Player im Superyacht-Business wurde

Von: Sandra-Valeska Bruhns

Ihren runden Geburtstag feiert die italienische Werft Azimut um Gründer Paolo Vitelli mit drei spektakulären Neubauten – allesamt über 100 Meter lang.

HamburgGeschichten von erfolgreichen Familienunternehmen haben meist drei Faktoren gemeinsam: unternehmerisches Geschick, Visionen und die Gabe, im richtigen Moment auf die entscheidenden Menschen zu treffen. So liest sich auch die Firmenhistorie der italienischen Motoryachtwerft Azimut, die dieses Jahr ihr 50. Bestehen feiert.

1969, der Sommer in Bella Italia war schön und lang, entschied sich Student Paolo Vitelli, der gerne mal eine Segelyacht charterte, um von Norditalien aus die französische Riviera zu erkunden, selbst in das Vermietungsgeschäft mit kleinen Yachten einzusteigen. Bei der Genua Boat Show im kommenden Jahr mietete er einen kleinen Stand für seine frisch gegründete Firma. Aus Kostengründen mit einer so geringen Fläche, dass er die ausgestellten Yachten hinter seinem Auto deponierte.

Doch er kam ins Gespräch mit dem niederländischen Vertreter der renommierten Werft Amerglass, die zu den führenden Herstellern von Yachten gehörte, die bereits Schiffe aus GFK, glasfaserverstärktem Kunststoff, bauten. Zusammen entwickelten sie die erste Azimut, eine Bali 43, mit einer Länge von 13 Metern damals eine der größten Motoryachten aus dem neuartigen Werkstoff GFK.

„Pleasureboats“ für das komfortable Kreuzen

Parallel dazu baute Paolo Vitelli seine Charteragentur und vor allem den Vertrieb von Motoryachten für verschiedene europäische Firmen weiter aus und entwickelte Ideen für neue Yachten. Die Entwicklung von „Pleasureboats“, Schiffen, die nur dafür gemacht sind, komfortabel mit einem angemessenen Speed von einem Hafen zum anderen zu kreuzen, während die Gäste an Deck in der Sonne liegen, wurde seine beherrschende Geschäftsidee.

Mit der noch heute als „Model T“ bekannten Targa 32 stieg er 1977 zum ersten Mal in die Serienyachtproduktion ein – und war auf Anhieb erfolgreich.

Von der für heutige Maßstäbe mit einer Länge von knapp zehn Metern recht bescheidenen Motoryacht, die sich vor allem durch gute Seetüchtigkeit auszeichnete, wurden über 200 Stück gebaut. Noch immer findet man in Gebrauchtbootbörsen Modelle des inzwischen in die Jahre gekommenen Schiffes. Die Kaufpreise lesen sich – gemessen an dem Wert neuer Yachten – bescheiden. Für rund 30.000 Euro bekommt man eine echte Azimut.

Mit dem „Model T“ stieg Azimut in die Serienyachtproduktion ein. (Foto: Azimut)

AZ Targa 32

Mit dem „Model T“ stieg Azimut in die Serienyachtproduktion ein.

(Foto: Azimut)

In Ausstattung, Größe und Preis steht der Erstling allerdings in krassem Widerspruch zu dem aktuell erfolgreichsten Modell der Werft. Von der 27 Meter langen Azimut Grande, die vor zwei Jahren zum ersten Mal vom Stapel lief, wurden innerhalb eines Jahres über 20 Schiffe verkauft. Der Neupreis der Yacht liegt dabei – je nach Ausstattung – bei über fünf Millionen Euro.

Größer, luxuriöser, aufwendiger

Die Yachtbau-Entwicklung von Azimut ist dabei exemplarisch für die Veränderungen des Markts in den vergangenen vier Jahrzehnten. Schiffe werden immer größer, luxuriöser, technischer und aufwendiger. Dass ein Kapitän und eine Crew bei Schiffen über 25 Meter Länge an Bord ist, ist keine Seltenheit mehr.

Mit dem Erfolg des „Model T“ gab sich Poalo Vitelli nicht zufrieden, er arbeitete daran, seine Vision von schwimmenden Ferienvillen für eine gehobene Klientel voranzutreiben. Und hatte das Glück, die Bekanntschaft des kuwaitischen Scheich Al Salem Al Sabali zu machen. Bei einem gemeinsamen Abendessen zeichnete er auf einer Serviette seine Version von einer luxuriösen, großen Motoryacht – und erhielt von dem finanzstarken Kunden aus dem Nahen Osten den Auftrag, sie zu bauen.

Eine Fibeglass-Yacht aus den 1980er-Jahren. (Foto: Azimut)

AZ 105 Failaka

Eine Fibeglass-Yacht aus den 1980er-Jahren.

(Foto: Azimut)

1983 wurde die Taufe der „Failaka“ gefeiert, mit 105 Fuß Länge die größte zum damaligen Zeitpunkt aus Kunststoff gebaute Motoryacht. Ein 30 Meter langes Schiff, das so auffällig, modern und neuartig war, dass Christina Onassis entschied, ein ebensolches Modell zur Taufe ihrer Tochter zu bestellen. Und auch die US-amerikanische Familie Rockefeller fand Gefallen an der großen Yacht.

Mit diesem Markteintritt in die Welt der Superreichen war der Grundstein für die Entwicklung der Marke Azimut zu einer der größten Motoryachtwerften der Welt gelegt. Ein solides Fundament bekamen die ehrgeizigen Pläne vom Gründer Paolo Vitelli aber erst, als er 1985 die traditionsreiche italienische Werft Benetti übernahm und konsequent zur Luxusmarke weiterentwickelte.

Mit diesem Zukauf verfügte er auf einmal über ausreichend Produktionsstätten für seine prosperierenden Azimut-Modelle und musste seine Yachten nicht mehr im Auftrag bei anderen Werften produzieren lassen. Mit der Übernahme des 1873 gegründeten Unternehmens wurde Azimut zur größten italienischen Werft im Familienbesitz – den Spitzenplatz konnte die Familie bis heute verteidigen.

Lürssen ist der Hauptkonkurrent

Durch die nun zahlreich vorhandenen Produktionsstätten war es möglich, die Serienproduktion großer Motoryachten deutlich zu erhöhen. Dabei blieben die Marken Azimut und Benetti weiterhin erhalten und wurden klar gegeneinander abgegrenzt. „Bei uns sind zwei Marken unter einem Dach versammelt, Azimut mit Gleitern in der Größenrange von zwölf bis 38 Meter und Benetti, das Boote von 30 bis 120 Meter Länge baut. Entweder als klassische Verdränger oder als Halbgleiter“, erklärt Paolo Vitelli.

„Unser Hauptkonkurrent ist vor allem die deutsche Werft Lürssen, die ebenso wie wir Gigayachten ab 80 Metern Länge bauen.“ Seine Firma ist mittlerweile in 70 verschiedenen Ländern vertreten und distribuiert ihre Yachten über ein Netzwerk aus über 100 Händlern.

45 verschiedene Modelle vom kleinen, sportlichen Flitzer bis zur Gigayacht bilden das Portfolio von Azimut. „Mit dem Qualitätsmerkmal made in Italy und einem entsprechenden italienischen Design ist es im internationalen Wettbewerb“, wie Gründer und Werftchef Paolo Vitelli betont.

Seit dem Jahr 2000 wird der Firmengründer von seiner Tochter unterstützt. (Foto: Azimut)

Giovanna und Paolo Vitelli

Seit dem Jahr 2000 wird der Firmengründer von seiner Tochter unterstützt.

(Foto: Azimut)

Seit dem Jahr 2000 wird er in der Firmenleitung von seiner Tochter Giovanna Vitelli unterstützt, die vor allem für die Neu- und Weiterentwicklung der Boote zuständig ist. „Ein entscheidendes Merkmal der Yachten von Azimut sind die großen Glasflächen, die einen fantastischen Ausblick auf das Meer bieten“, sagt Paolo Vitelli. „Azimut ist es in den 80er Jahren als einer der ersten Firmen gelungen, anstelle der üblichen Bullaugen große verklebte Glasflächen an Bord einzusetzen.“

Zum Start in das Jubiläumsjahr standen vor allem die spektakulären Neubauten von Benetti im Fokus: Im Dezember lief die erste von drei über 100 Meter langen Gigayachten im italienischen Livorno vom Stapel. Eine größere Yacht wurde bisher noch nie von einer privaten italienischen Werft gebaut.

Der Rumpf des Schiffes ist aus Stahl, ein Großteil der Aufbauten an Deck aus gewichtssparenden Kohlefasern. Ein Werkstoff, der in der Yachtindustrie auch zum Bau superleichter Rennyachten sehr gerne verwendet wird.

Versteht sich von selbst, dass ein Schiff dieser Größenordnung über einen Swimmingpool an Deck sowie einen großzügigen Spa-Bereich mit Hammam und angeschlossenen Gym verfügt. Der Hubschrauberlandeplatz, der es Eignern und Gästen ermöglicht, mit dem Hubschrauber schnell zu ihrem in einer romantischen Bucht ankernden Schiff zu gelangen, gehört in dieser Größenordnung zum Standard.

Schlank und elegant – aber in der Verdrängung ein echtes Schwergewicht. (Foto: Azimut)

Superyacht FB 277

Schlank und elegant – aber in der Verdrängung ein echtes Schwergewicht.

(Foto: Azimut)

Die gemessen an der Länge von 107 Metern recht geringe Breite von 15,2 Metern gibt dem Schiff mit der Seriennummer FB277 eine schlanke, elegante Anmutung – die jedoch nur optisch darüber hinwegtäuscht, dass die Yacht mit 3000 Tonnen Verdrängung ein echtes Schwergewicht ist.

Über den Preis der luxuriösen Yacht sowie ihre künftigen Besitzer wird bei Azimut/Benetti in vornehmer Zurückhaltung geschwiegen. Die Loyalität und Diskretion den Auftraggebern gegenüber ist neben dem Bau der qualitativ hochwertigen Schiffe ein wichtiges Kapital der Werft.

Zwölf Gäste haben Platz, sie werden von einer 30-köpfigen Crew betreut. Nach dem Stapellauf der schwimmenden Villa begann der zeitaufwändige Innenausbau der Yacht. Läuft alles nach Plan, wird das Schiff im September fertig werden und dann nach ersten Sea Trials auf seine Jungfernfahrt starten.

Die zweite von drei im Bau befindlichen Gigayachten mit der Baunummer FB272 verließ nur wenige Wochen später, im Februar, die Werfthallen. 100 Meter lang und mit einer Verdrängung von über 5000 Tonnen ausgestattet, ist dieses Schiff vor allem durch den Einbau eines Hybridmotors interessant.

Er soll ein nahezu geräuschloses Fahren, ohne das für Schiffe fast charakteristische Vibrieren der Dieselmotoren, ermöglichen. Um Schiffe dieser Größenordnung fertigen zu können – und damit zu beweisen, dass Benetti auch den Sektor der Gigayachten beherrscht –, investierte die Firma 15 Millionen Euro in den Ausbau der Werft.

Die 27 Meter lange Yacht ist das aktuell erfolgreichste Modell der Werft. 20 Stück wurden bereits verkauft. Der Neupreis liegt bei rund fünf Millionen Euro. (Foto: Azimut)

G27 Metri

Die 27 Meter lange Yacht ist das aktuell erfolgreichste Modell der Werft. 20 Stück wurden bereits verkauft. Der Neupreis liegt bei rund fünf Millionen Euro.

(Foto: Azimut)

Neben dem Mittelmeer als klassisches Eldorado für Yachtliebhaber hat sich in den letzten Jahren vor allem an der Ostküste Südamerikas, vornehmlich in Brasilien, im Nahen Osten und in Asien ein weiterer Markt für luxuriöse Yachten etabliert. Das italienische Familienunternehmen hat seine verschiedenen Produktlinien geschickt auf die vier maßgeblichen Absatzmärkte Europa, USA, Südamerika und Asien abgestimmt.

Während die Motoryachten, die vor allem vor der Küste Brasiliens zum Einsatz kommen, ein besonders großes Platzangebot an Deck zum Sonnenbaden und für ausgedehnte Barbecues bieten, sind die Schiffe für den asiatischen Markt mit einem größeren Innenraum ausgestattet, der dem Wunsch der Kunden nach möglichst viel klimatisierten Flächen entspricht.

„Über 40 Prozent unserer Yachten verkaufen wir in die USA“, sagt Paolo Vitelli. „Die US-amerikanischen Kunden sind sehr anspruchsvoll, konservativ und legen Wert auf ein großes Speedpotenzial, während die europäischen Kunden, die inklusive unserer russischen Kunden rund 30 Prozent ausmachen, Wert auf Eleganz und ein modernes bis zuweilen extravagantes Erscheinungsbild der Yacht legen.“

Der luxuriöse Salon der Azimut G27 hat einen stufenlosen Übergang in die großzügige Loungearea im Heck des Schiffes

Edles Design

Der luxuriöse Salon der Azimut G27 hat einen stufenlosen Übergang in die großzügige Loungearea im Heck des Schiffes

Um das große Portfolio an verschieden großen Motoryachten mit unterschiedlichen Ausstattungsmerkmalen leisten und regelmäßig neue Modelle auf den Markt bringen zu können beschäftigt Azimut 20 Schiffbauingenieure und Konstrukteure in den verschiedenen Produktionsstätten, die alle im Norden Italiens liegen und zusammen über 500.000 Quadratmeter groß sind.

Dazu kommen fast 2000 festangestellte Mitarbeiter, vor allem hochspezialisierte Bootsbauer und Handwerker. Nur zwei Prozent der neugebauten Yachten bleiben in Italien, die übrigen Yachten werden weltweit verkauft.

Paolo Vitelli, inzwischen 72 Jahre alt und noch immer in das Tagesgeschäft der Werft voll eingebunden, hat neben dem Bau von Motoryachten in den letzten Jahren ein zweites, attraktives Standbein im prosperierenden Motoryachtbusiness geschaffen. Er errichtet luxuriöses Marinas, moderne Hafenanlagen, die mehr bieten als Stege, an denen die Yachten festgemacht werden.

Die unter seiner Regie entstandenen Häfen im italienischen Viareggio oder auch in Livorno sowie am nordwestlich von Moskau gelegenen Khimki See bieten neben umfassenden Serviceangeboten auch zahlreiche Freizeitmöglichkeiten für Yachteigner und Touristen.

Ganz wie es Stil der Werft ist, wird der runde Geburtstag dezent, aber dann glamourös und besonders gefeiert. Im Rahmen des im September stattfindenden Yachtfestival in Cannes, die wichtigste In-Water Boatshow in Europa für Yachten der Luxusklasse, wird es fünf aufeinander aufbauende Events geben, die alle eine Dekade in der Entwicklung der erfolgreichen Werft wiederspiegeln.

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