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31.03.2019

08:10

Die einen stören sie – die anderen sehen sie als Sakrileg. picture alliance / Westend61

Kinder im Café

Die einen stören sie – die anderen sehen sie als Sakrileg.

Food Kolumne „Abgeschmeckt“

Kinder, Kaffee, Kokolores: Warum Hamburgs #Schnullergate uns alle angeht

Von: Corinna Nohn

In einem Hamburger Szene-Café haben Kinder unter sechs keinen Eintritt – das erregt einen Shitstorm, Empörung oder grelle Zustimmung. Ja geht’s denn noch?

HamburgKurz zu den Fakten: Das Hamburger Brunch-Restaurant „moki’s goodies“ mit dem Motto „Love, Peace and Happiness“ beschließt nach einschlägigen Erfahrungen, nur noch Reservierungen von Gästen über sechs anzunehmen.

Es dauert nicht lang, und dann kochen nicht mehr nur Kaffee und Porridge, sondern auch die Emotionen der Befürworter („endlich Ruhe“) und Empörten („kinderfeindlich“) hoch. #Schnullergate nimmt seinen Lauf, am Ende landet ein Farbbeutel an der Fassade des Cafés.

Puh. Geht’s eigentlich noch?

Es ist nicht das erste Mal, dass die aus Helikoptereltern, Super-Papas und Barista-Experten gemischte Bevölkerung durchdreht bei der Debatte darüber, ob und was kleine Kinder in Cafés zu suchen haben. Die Ausfälligkeiten auf beiden Seiten sind für alle in den sozialen Medien nachvollziehbar und mit den einschlägigen Benimmregeln für öffentliche Auftritte nicht in Einklang zu bringen.

Kinder, Kinder, denke ich. Beziehungsweise: Können wir uns bitte wie Erwachsene verhalten?

Dabei haben die Hamburger Latte-Macchiato-Wellen noch mal höhergeschlagen – und einiges unter sich verschüttet. Zuallererst mal: Hallo, es geht um ein Café in Deutschlands zweitgrößter Stadt. Ich kann auf die Schnelle keine Statistik zur Anzahl der Restaurants in Hamburg auffinden, aber es dürfte wohl eine vierstellige Zahl sein.

„Kein spendenfinanziertes Mutter-Kind-Projekt“

Aber noch grundsätzlicher ist die Frage: Was wollen die Leute mit kleinen Kindern überhaupt in so einem chilligen Place-to-be? Auf den höchst geschmackvoll arrangierten Instagram-Posts des betreffenden Cafés finden sich die „gesunde Acai-Smoothie Bowl“, „Avocadobrot“ und „Shakshuka“ – pardon, liebe Eltern: Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Wahrscheinlichkeit, dass diese Köstlichkeiten bei unter Sechsjährigen auf die angebrachte Gegenliebe stoßen, höchst gering ist.

Selbst wenn der Vorwurf der Kinderfeindlichkeit zutreffen würde: So what? Es ist ein freies Land, freie Café-Wahl für freie Bürger, es muss da ja keiner hin.

Oder, wie es die Inhaberin via Instagram ausgedrückt hat: „Das moki’s goodies ist kein spendenfinanziertes demokratisches Mutter-Kind-Projekt, sondern ein Restaurant für das ich mir ein Konzept überlegt und in das ich mein privates Geld investiert habe. Weil ich meine eigenen Entscheidungen treffen möchte ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen.“

Meinetwegen kann man über die Art und Weise der Kommunikation streiten, wie bei so vielen Geschmacksfragen. Aber kommen wir zum Knackpunkt dieser ganzen Auseinandersetzung: Als ich so durch die zahlreichen Posts scrollte, entstand bei mir der Eindruck, dass sich hier vor allem eine trend- und ernährungsbewusste Klientel empörte. Und das „moki’s goodies“ ist zweifelsfrei ein Ort, der den aktuellen Trends zu Superfoods, Bowls, veganen Köstlichkeiten huldigt.

Mit Superfoods, Bowls und veganer Küche wird eine trend- und ernährungsbewusste Klientel angelockt.

Szene-Cafés

Mit Superfoods, Bowls und veganer Küche wird eine trend- und ernährungsbewusste Klientel angelockt.

Hier kommt also zusammen: erstens die Haltung, dass das Leben und damit auch die kulinarischen und gastronomischen Elemente des Lebens mit Kindern so weitergeht wie vorher, was an sich schon eine gewagte These ist. Zum Problem wird es aber erst durch den zwanghaften Drang, Foodtrends und Trendcafés und Trends überhaupt zu folgen. Wenn das am Ende das wichtigste ist, ist das doch geschmacklos.

Ganz ehrlich: Ich finde es nicht nur legitim, sondern begrüßenswert transparent, dass ein Restaurant klarstellt, wer zur kulinarischen Zielgruppe zählt. Dann fühlt man sich wenigstens nicht deplatziert, wenn man als frisch verliebtes Teenagerpärchen im Tanzcafé landet.

Andere hängen Regenbogenfahnen auf, lassen ihre Fenster verschmocken (soll heißen: hier würde gerne noch geraucht) oder wenden eine – in Bezug auf Kinder effektive und offenbar eher goutierte – Methode an: Sie gestalten einfach den Preis entsprechend.

Mehr: Warum der Gender-Trend bei Lebensmitteln an den Zielen vorbeiführt, lesen Sie hier.

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