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10.03.2019

10:31

Bei Donuts ist die Sache noch klar: Egal ob rosa oder blau – sie sind ungesund und für alle da. Heather Ford on Unsplash

Rosa und blau

Bei Donuts ist die Sache noch klar: Egal ob rosa oder blau – sie sind ungesund und für alle da.

Food-Kolumne „Abgeschmeckt“

Warum Gender Food ein No-Eat ist

Von: Corinna Nohn

Er hellblau, sie rosé? Extra Packungen für Männlein und Weiblein sind das letzte, was wir brauchen. Denn Lebensmittelkonsum ist immer hochpolitisch.

DüsseldorfDiese Kolumne wäre ohne den Freitag nicht denkbar. Ja, freitags, mit dem Rückblick auf die Verzehrmenge einer hinter mir gelassenen Woche, verrichte ich den großen Batzen Arbeit für diese Zeilen.

Nun war vergangenen Freitag Weltfrauentag, Berlin hatte Feiertag, und ich mag Berlin und Berliner und dachte: Machste auch mal frei. Frauentag feiern, was man da so macht: Latte-Macchiato-Tag mit der Freundin, Prosecco, Wurst – stellen Sie sich vor, was Sie wollen, es tut hier nichts zur Sache, was eigentlich angedacht war.

Tatsächlich nämlich saß ich dann mit einer mir bekannten Frau an einem Küchentisch. Wir zwei vor so einem Präsentkörbchen, dass ihr die bald erwachsenen Kinder in sicherlich bester Absicht überreicht hatten. Inhalt: ein Low-Carb-Kochbuch für Frauen, eine Packung Müsli „für sie“, allerhand Kleinig- und Köstlichkeiten in rosé-farbener Ummantelung. (Und dabei nicht mal Pralinen, besagte Bekannte mag keine Schokolade.)

Ich will gar nicht ins Details gehen, was die Schenkenden da an rosa Ummanteltem zusammengetragen hatten, alles speziell für Frauen, Mädchen, Häschen, möchte man fast sagen. Müssen Männer und Frauen jetzt echt getrennte Wege beim Essen gehen?

Die Antwort lautet kurz und knapp: Nein. Vielleicht kennen Sie die nationalen Verzehrstudien, wonach Männer mehr Fleisch, Frauen mehr Gemüse essen. Frauen haben überdies einen erhöhten Nährstoffbedarf, Männerkörper benötigen mehr Kalorien.

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Das ist alles sicher richtig – warum es dafür rosa eingepacktes Futterzeug und blaue Müslidosen (deren Inhalt in Sachen Nährwert ohnehin fragwürdig ist) braucht, erklärt das nicht. Ich weiß es, Sie wissen es: alles nur Marketing. Mach‘ dir einen Markt, die Nachfrage entsteht dann schon.

Und nebenbei lässt auch noch der totale Verlust jedweden Bauchgefühls aus der Klum’schen Topmodelwelt grüßen, wenn der Gender-Krempel obendrein mit guten Tipps für eine tolle Frauenfigur gespickt ist. Mir kommt das Müsli mit der zuckersüß geschwungenen rosa Aufschrift schon vom Gedanken daran wieder hoch. Dabei habe ich es gar nicht gelöffelt.

Nun durchschauen und wissen wir das, aber das Zeug findet trotzdem seinen Absatz. Das ist keine Lappalie, sondern aus meiner Sicht ein echtes No-Go. Oder besser: No-Eat. Nicht nur, weil hier die pastellfarben inspirierte Lebensmittelindustrie einen Reibach macht.

Ich finde: Wer rosa und blaue Packungen in der Speisekammer für Weiblein und Männlein gutheißt – will sagen: Geld dafür ausgibt -, protegiert Klischees der Persil-Werbung aus den 1950er-Jahren. Kein Pardon. Oder, wie es die Pinkstinks-Aktivistin Stevie Schmiedel, die sich gegen sexistische Werbung und Produkte einsetzt, mal in einem Interview mit uns auf den Punkt gebracht hat: „Der Konsumterror zementiert unsere Rollenbilder.“

Gender Food, wie es so schön heißt, ist nicht mal als Scherzartikel oder Einmal-ist-keinmal-Kauf gutzuheißen. Jetzt bitte nicht sagen: „Och, das sah doch einfach nur mal ganz nett aus.“ Oder: „Ich habe mir nichts dabei gedacht.“

Spätestens, seitdem 1973 die erste Packung Kaffee mit einem Siegel für fairen Handel in Deutschland verkauft wurde, gilt: Jeder Griff im Supermarkt ist ein Statement. Für Bio, für industrielle Lebensmittelproduktion, für Monokulturen, gegen Schlankheitswahn à la Heidi Klum, für Tierwohl, für Massentierhaltung, für energieverschwendende Überseetransporte, gegen Kinderarbeit, für Veganismus – je nachdem, in welches Regal der Griff führt.

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Das gilt umso mehr in Zeiten, in denen eine 16-jährige Schwedin Schüler auf der ganzen Welt zu Klimaprotesten mobilisiert und zum Nachdenken bringt, ob sie wirklich so viel Fleisch, Fertigprodukte oder aus fernen Ländern importiertes Zeug konsumieren müssen. Jeder Konsum ist politisch, Lebensmittelkonsum ist hochpolitisch!

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

Kommentare (1)

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Herr Patrick Seum

12.03.2019, 15:05 Uhr

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