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03.02.2019

08:54

Fleischlos kochen – das schmeckt nicht jedem, Klimawandel hin oder her. icons8-team für unsplash

Küchenkram

Fleischlos kochen – das schmeckt nicht jedem, Klimawandel hin oder her.

Kolumne Abgeschmeckt: Klimaneutralität

Wie Greta Thunberg plötzlich mit am Küchentisch sitzt

Von: Corinna Nohn

Die junge schwedische Klimaaktivistin fordert Panik – und ihre Aufforderung trägt im Wortsinne Früchte. Denn sie berührt uns bis ins Mark: beim Essen.

DüsseldorfSeit Jahresbeginn hat eine junge Schwedin für ziemlich viel emotionale Aufwallung in meiner Lebenswirklichkeit gesorgt: die Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Zuallererst natürlich medial, als sie mit dem Zug von Schweden nach Davos tuckerte, ein Tweet von ihrer veganen Zwischenmahlzeit Aufsehen erregte und sie dann, baaaam, auf dem Weltwirtschaftsforum ihre Zuhörerschaft aus der saturierten westlichen Hemisphäre ganz schnörkellos zu Panik und sofortigen Maßnahmen gegen den Klimawandel aufrief.

Dieser Appell raste durch sämtliche Timelines, wurde dort gefeiert, auseinandergenommen, wieder zusammengesetzt, um nun, um mal einen Begriff aus der Ernährungswelt zu gebrauchen, auch Früchte im echten Leben zu tragen. Vor ein paar Tagen erst wieder, im Supermarkt.

Die Szene im Kurzen: Familie an der Wursttheke, Vater ordert Salami, Verkäuferin bietet der geschätzt elfjährigen Tochter und dem kleinen Bruder je eine Scheibe Fleischwurst an. „Ich kann doch nicht streiken wollen und jetzt weiter Wurst fressen!“, ruft das Mädchen, stampft mit dem Fuß auf.

Die Verkäuferin saugt hörbar Luft ein, der Vater wird rot, entschuldigt sich in alle Richtungen, während er Einkaufswagen, Salami und Kinder eilig aus dem Sichtfeld der Wurstthekenverantwortlichen schiebt. Minuten später treffe ich das Trio erneut an, vor dem Regal mit Milchprodukten, zu meinen Ohren wabern Wortfetzen wie „CO2“, „Weltklima“, „Schuld“.

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Ein Klick und schon ist man Orangenbauer

Gen-Food, Gifte und andere Geschmacklosigkeiten machen Lust auf den eigenen Bauernhof. Weniger romantisch, aber realistischer: Crowdfarming.

Also müssen wir jetzt wirklich alle Panik schieben? Auch beim Essen? Müssen wir jetzt, unseren Kindern zuliebe, etwa doch unser Leben ändern und unsere Ernährung umstellen? Käfer statt Carbonara, Bohnen statt Burger? (By the way: Nichts gegen Bohnen!)

Ich finde die Vorstellung ganz schön, dass die nächste Generation, die Gretas und Finns der westlichen Welt, jetzt etwas in Bewegung bringt, woran wir uns trotz aller Warnungen durch renommierte Experten, trotz aller Bilder von untergehenden Inselparadiesen, trotz besseren Wissens geklammert haben. Zumindest war der klimabewusste Nachwuchs vor dem Altar der tierverarbeitenden Lebensmittelproduktionskette, also der Wursttheke, kein Einzelfall.

Zur selben Zeit ging nämlich in meiner virtuellen Blase ein Posting viral: zwei Eltern, die die Vorwürfe ihrer – freitags nach Greta Thunbergs Vorbild streikenden – Teenager-Kinder, die Erwachsenen sollten gefälligst für eine gesündere Welt sorgen, wie folgt konterten: Ok, dann werde jetzt vegan gekocht.

Food Kolumne „Abgeschmeckt“: Neues Jahr, gute Vorsätze – so klappt es (nicht)!

Food Kolumne „Abgeschmeckt“

Neues Jahr, gute Vorsätze – so klappt es (nicht)!

Ab morgen zuckerfrei leben? Auf Kohlenhydrate oder Alkohol verzichten? Veganer werden? Bitte weniger Radikalität bei Fragen der Ernährung!

Mehr noch: Es würden die Diesel-Autos verkauft, die Smartphones durch einen Festnetzanschluss ersetzt, und und und. „Tiefkühlpizzen, Burger, Fast Food, Getränke in Plastikflaschen und abgepackte Lebensmittel werden reduziert bis abgeschafft.“

Wer sieht die Gesichter dieser Teenager vor sich, als ihnen bewusst wird, dass ihre Eltern das wirklich ernst meinen? Und die der Freunde der Eltern, als sie merken: Die machen das jetzt nicht nur, um ihre Kinder zu foppen? Womit dann auch klar wäre, dass Greta Thunbergs Botschaft oft zu Unrecht auf ihren Verzicht auf Flugzeuge und Schule an Freitagen reduziert wird.

Die Debatten, die die bezopfte und so unverkrampft auftretende Schwedin auslöst, treffen uns durch die Direktheit und Einfachheit ins Mark: in der Küche. Greta Thunberg steigt ja nicht nur in den Zug statt ins Flugzeug, sie macht noch ganz andere Dinge, jeden Tag.

Immer wieder trifft sie Entscheidungen, um ihrem Ideal gerecht zu werden – ein echtes Rolemodel für alle Anhänger von Bequemlichkeit und (kulinarischem) Alltagsluxus der westlichen Welt. Man kann sich nicht vorstellen, dass Greta Thunberg im Winter aus fernen Regionen eingeflogene Erdbeeren essen würde (oder solche, die in spanischen Regionen mit dramatischer Wasserknappheit gezogen worden sind). Sie ist ja sogar um des Klima willen Veganerin, auch ihre Eltern sind ihr zuliebe Veganer, respektive Vegetarierin geworden.

Und so kommt es, dass uns allein dieses viel diskutierte Bild mit dem Toastbrot aufzeigt, wie wir alle gerade beim Essen im Kleinen ganz viele Entscheidungen treffen, die in der großen Masse Auswirkungen haben, die definitiv Panik erregen sollten. Immerhin haben laut Angaben des Bundesumweltministeriums die durch Ernährung verursachten Treibhausgasemissionen einen Anteil von 15 Prozent – und damit unwesentlich weniger als die durch Verkehr erzeugten Emissionen.

Aber wie nun mit dieser Erkenntnis umgehen? Ich bleibe dabei: Es muss ja nicht jeder direkt vegan leben (diese Vorstellung, wir wissen es seit der Debatte um den Veggie-Day, löst ja bei vielen eine Panik ganz anderer Art aus). Es gibt viele Möglichkeiten, einen Beitrag zu leisten.

Wie sich beim Essen das Klima schonen lässt

Tipp 1: Verschwendung vermeiden

Vor dem Verzicht kommt erst mal der bewusste Konsum. Nur etwa die Hälfte aller produzierten Lebensmittel werden gegessen, vieles landet im Müll. Jedes Jahr werden laut WWF allein in Deutschland 18 Millionen Tonnen Essen verschwendet . Jeder kann verantwortungsvoll mit Nahrungsmitteln umgehen: nicht einfach (zu) viel kaufen, nur weil es günstig erscheint.

Tipp 2: Reste verwerten

Und wenn doch was übrigbleibt? Was draus machen! Man kann Omma und Oppa fragen, wie sie das früher gemacht haben. Oder ins Netz gehen, Rezepte zum Weiterkochen mit Resten finden sich zum Beispiel bei Restegourmet.de, in der Rezeptsammlung des Biokostherstellers Rapunzel sowie bei dem vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderten Projekt „zu gut für die Tonne“.

Tipp 3: Wissen, was Saison hat

Der Tipp ist nicht neu: Saisonal und regional kaufen, um Lager- und Transportenergie zu sparen. Aber die wenigsten haben angesichts permanenter Verfügbarkeit in der Gemüsetheke parat, welche Sorten überhaupt gerade Saison haben. Da lohnt ein Blick in einen Saisonkalender, den es z.B. hier zum Herunterladen gibt.

Tipp 4: Hässliches Gemüse kaufen

Es gilt: Hässliches kaufen! Verdrehte Möhren, überkrumme Gurken, gerade Bananen vergammeln oft im Supermarkt – schmecken aber garantiert genau wie ihre passgenormten Artgenossen!

Tipp 5: Reste verschenken

Wer aufs Resteverkochen keine Lust hat oder kurz vor Urlaubsantritt merkt, dass er seine Vorräte unmöglich alle aufbrauchen kann, für den ist verschenken eine Lösung. Die Initiative foodsharing.de, die mittlerweile mehr als 40.000 Food-Sharer verzeichnet und vor allem in Großstädten insgesamt mehrere hundert Sammelpunkte vertreibt, vermittelt Essensspender und -nehmer. Auch die Macher der App „Too Good To Go“ wollen Lebensmittelverschwendung reduzieren – und zwar in der Gastronomie. Das Prinzip: Restaurants, Cafés und Imbisse stellen ihre überschüssigen Speisen kurz vor Ladenschluss in der App ein, die Nutzer können sie reservieren und anschließend abholen.

Tipp 6: Energie sparen beim Kochen

Es muss nicht gleich der Top-Energiesparherd sein. Viel lässt sich einfach dadurch einsparen, dass man beim Kochen – wenn das Rezept nicht das offene Kochen erfordert - den Deckel auf den Töpfen lässt, Hände mit kaltem statt mit warmem Wasser wäscht (ist genauso effektiv!), lieber Umluft als Ober- und Unterhitze nutzt – oder einfach mal durch die Backofentür schaut, als sie dauernd zu öffnen. Das alles mag nach Petitesse klingen, aber in der Kombination und Masse machen solche Angewohnheiten, um das Sprichwort mal umzudrehen, durchaus den Braten fett.

Tipp 7: Ordentlich planen

Den eigenen Bedarf an Lebensmitteln ordentlich planen, idealerweise die Gerichte in einer Woche so aufeinander abstimmen, dass man die Reste von Tag 1 an Tag 2 oder verbraucht, und so weiter – das ist schon was. Aber gerade Autofahrer sollten bitte auch den Einkauf entsprechend vorbereiten und timen. Wer jeden zweiten Tag noch mal zum Supermarkt fährt, weil er die Nudeln oder einen Liter Milch vergessen hat, verschleudert auf kurzer Strecke eine Menge Abgase und Feinstaub, was sich ganz einfach vermeiden ließe.

Tipp 8: Ein bisschen veganer werden

Man muss nicht direkt Veganer werden – es gibt viele Möglichkeiten, sich Schritt für Schritt ein bisschen veganer zu verhalten. Zum Beispiel trüben Apfelsaft trinken, denn klarer Saft (auch Wein) wird in Deutschland meist mit Hilfe von Gelatine geklärt. Auch Bier statt Wein hilft in diesem Sinne – es ist dank deutschem Reinheitsgebot frei von tierischen Stoffen. Eine tolle Übersicht für viele solcher kleinen Schritte hat utopia.de zusammengestellt.

Tipp 9: Anderen Mut machen

Wer sich bei Tipp 1 bis 8 nicht wiederfindet, der sollte wenigstens anderen nicht den Mut und die Motivation nehmen, ihren Alltag diesbezüglich zu durchleuchten.

In diesem Sinne: Es ist völlig in Ordnung, wenn der Nachwuchs die Scheibe Wurst im Supermarkt verweigert. Bitte nicht für den Idealismus der nächsten Generation entschuldigen – zumindest den können wir ihnen doch unbeschädigt hinterlassen.

 

Kommentare (2)

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Frau Reiner Wiegels

04.02.2019, 10:45 Uhr

Schön dass Greta Bananen aus schwedischen Ökoanbau isst. Bananen aus Faretrade wären ja auch eine Umweltbelastung. Toll Greta. Ist eigentlich schon ein Buch geplant?

Herr Matthias Moser

04.02.2019, 19:11 Uhr

Vielleicht sollte sich Greta beraten lassen, was vegane Ernährung bei Heranwachsenden für Mangelerscheinungen und Mangelschäden verursachen kann. Diese trägt man dann ein ganzes Leben mit sich und belastet die Krankenversicherung der Gemeinschaft. Es wäre allerdings wirklich nicht schlecht, sich ausgewogener zu ernähren, wieder mehr selber zu kochen, jahreszeitlich angepasst einzukaufen und heimisches Gemüse und Obst wieder zu schätzen. Warum muß alles immer vom einen in das andere Extrem fallen? Und.. Panik ist völlig unangebracht: Die Welt war auch ohne uns schon mal wärmer und kälter.

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