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21.10.2018

09:00

Die süßen Dinger bestehen zu 80 Prozent aus Zucker. Joanna Kosinska on Unsplash

Marshmallows

Die süßen Dinger bestehen zu 80 Prozent aus Zucker.

Kolumne: Abgeschmeckt

Lasst uns doch mit dem Zucker in Ruhe!

Von: Corinna Nohn

Dauernd verbietet uns irgendein Ernährungsguru irgendwas. Aber Vorschriften und der Hang zum „Restrained Eating“ wirken nur gegen eines: den Genuss beim Essen.

DüsseldorfZucker ist der Teufel. Zucker ist wie Kokain. Zucker macht uns zum Sklaven. Ja, Zucker ist die Droge, die die Gesellschaft zugrunde richtet. Das alles war diese Woche zu hören, zu lesen und zu fühlen, als in Berlin ein Zuckerreduktionsgipfel stattfand – wobei allein diese Wortschöpfung ein sprachlicher Gipfel ist, der im Kopf das Bild der Vortragenden auf einem gigantischen weißen Zuckerhut entstehen lässt.

Es war dort allerdings wohl selbst der Kamillentee ohne Zuckerwürfelchen und in aller Bitterkeit zu genießen. Der Gipfel gestaltete sich dann derart, dass sich auch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner dem Motto „Süß war gestern“ verpflichtete.

„Süßen schadet unseren Kindern“, appellierte sie an das auf gesundheitlich-kulinarischen Irrwegen befindliche Volk und rief damit zum Widerstand gegen das weiße Laster auf. Oje. Das schlechte Gewissen springt uns an wie die Zuckergier im Nachmittagsloch. Dürfen wir jetzt echt keinen Zucker mehr essen? Kein Krümelchen?

Erst mal, ganz klar: Wir wissen das ja alles. Zucker macht dick, viel Zucker macht dicker; im besten Fall macht er nur träge, im schlimmeren löst er Diabetes aus oder befördert Krebs. Und, ja, wir Bewohner der westlichen Hemisphäre hatten in den vergangenen Jahrzehnten mehr als reichlich Zucker.

Natürlich ist es traurig, wenn Kita-Kinder täglich Fertig-Schoko-Croissants vom Discounter im Rucksack haben, wenn Grundschüler und Teenies die Diagnose Adipositas erhalten. Und es ist was dran, wenn Foodwatch anprangert, dass Nordrhein-Westfalen zuckrigen Kakao an Schulen subventioniert und damit manches Kind erst auf den Geschmack bringt.

Kolumne: Abgeschmeckt: Avocado – Superfood fürs schlechte Gewissen

Kolumne: Abgeschmeckt

Avocado – Superfood fürs schlechte Gewissen

Grün, gesund, geschmackvoll: Die Deutschen lieben Avocados. Aber die Früchte haben eine richtig miese Ökobilanz. Dürfen wir die überhaupt noch essen?

Und dann gibt es Menschen wie Fernsehmoderatorin Anastasia Zampounidis, die über ihren Einstieg ins zuckerfreie Leben ein Buch geschrieben hat, von dessen Cover sie uns mit kariesfreien Zähnen anlacht. Die Message, die sie auch mit dem Hashtag #zuckerfrei verbreitet, ist klar: Ich bin froh, ich bin clean – Leute, werdet ihr es auch!

Schon gibt es die „zuckerfreie Schule“, deren Zuckerabstinenz gefördert wird wie anderswo Anti-Nazi-Programme. Und was kommt danach? Alle Snack-Automaten in Universitäten abbauen? Zuckerfreie Betriebe subventionieren? Zuckersteuer direkt von der Kantinenkarte abbuchen?

Vorschriften und Verbote – das geht doch gerade in Verdauungsdingen hier rein, da raus. Dauernd predigt uns irgendein Ernährungsguru, was jetzt schon wieder nicht auf den Teller soll. Da ist ja gar kein Platz mehr frei am Kühlschrank für weitere Sticky Notes mit Warnungen vor dämonischen Lebensmitteln: Avocados (nicht vegan!), Nutella (ok, kommt ohnehin bitte nie in den Kühlschrank, aber auch: Palmöl!), Rindfleisch (Klimasünde!), Alkohol (sowieso!), Tiefkühlkram (Konservierungsstoffe!), Pommes (Acrylamid!), Köttbullar (ist gar kein Elch drin!), Tütensalat (Listerien!), Tütensalat (Plastik!), spanische Bio-Gurken (Wassermangelverursacher!) – die Liste lässt sich fortsetzen. Aber wie gesagt: kein Platz mehr für Sticky Notes.

Nicht immer ist die Süße so offensichtlich wie auf diesem Foto. Rawpixel on Unsplash

Verkaufsschlager

Nicht immer ist die Süße so offensichtlich wie auf diesem Foto.

Neulich machte ein Bericht die Runde von einem Grundschulkind, das weinte, weil die Mutter ein Marmeladenbrot in die Brotdose gepackt hatte. Man stelle sich vor: Das Brot war selbstgebacken, mit Dinkelmehl, die Erdbeeren im heimischen Beet gezüchtet, die Marmelade vegan geliert. Aber was zählte: Zucker drin, Teufelszeug!

Soll mich doch der Zuckerguru holen, wenn dieses Kind nicht in ein paar Jahren zum Cola-Junkie wird. Die Dämonisierung von Genussmitteln ist kontraproduktiv – und doch liegt sie auch unter Erwachsenen im Trend.

Fünf Mythen über Zucker und Übergewicht

1. Jeder Mensch braucht Zucker.

Natürlich benötigt das menschliche Gehirn Glukose. Es kann den Energielieferanten aber aus Stärke aufspalten, die zum Beispiel in Brot und Nudeln enthalten ist. Zucker in seiner reinen Form ist also nicht unbedingt notwendig.

Quelle: Foodwatch

2. Der Zuckerverbrauch ist konstant.

Betrachtet man alle Zuckerarten, nicht nur Haushaltszucker, ist der Verbrauch von 1960 bis 2012 um mehr als 30 Prozent gestiegen.

3. Süße Getränke machen nicht dick

Fachorganisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sehen einen klaren Zusammenhang zwischen dem Verzehr gesüßter Getränke und Übergewicht.

4. Wir nehmen heute weniger Kalorien auf als früher

Der Kalorienverbrauch von Erwachsenen in Deutschland ist deutlich gestiegen: von durchschnittlich 2.885 Kalorien pro Tag im Jahr 1961 auf 3.499 Kalorien pro Tag 2013.

5. Lebensmittelsteuern zeigen keine Wirkung.

Das Beispiel aus Ländern wie Großbritannien, Frankreich oder Finnland zeigt, dass der Verzehr süßer Getränke nach einer verpflichtenden Abgabe zurückgeht und die Hersteller bereit sind, Rezepturen zu verändern.

Das lässt sich etwa am Hang zum „Restrained Eating“ festmachen. Restrained Eater sind Menschen, die Kalorienzufuhr und Körpergewicht geradezu zwanghaft kontrollieren und sich Aufkleber mit „Make your Body great again“ an die Kühlschranktür pappen.

Da ist der Kollege mit objektiv betrachtet dünnen Ärmchen, der in der Kantine stets zur Salatbar stapft und „bitte nur wenig Soße“ ordert. Die Kollegin, die die Mittagspause komplett eingestellt hat. Das Team, das sich reihum Tupperdosen mit zucker-salz-fettfreien Proteinen präpariert („Meal Prep“). Bringt einer in der Abteilung Kuchen mit, täuschen sie wahrscheinlich Magen-Darm-Probleme vor.

Sie bestehen zu mehr als der Hälfte aus Zucker. Also nichts für „restrained eater“! Holly Stratton on Unsplash

Bunte Macarons

Sie bestehen zu mehr als der Hälfte aus Zucker. Also nichts für „restrained eater“!

Restrained Eater sind oft auch sportlich und super-körperbewusst, kennen sich hervorragend aus mit gesunder Ernährung. Sie sind also in ihrer kulinarischen Verbohrtheit ganz nah dran am verwirrten Grundschulkind: Sie handeln aus guter Absicht heraus, klammern sich aber fanatisch an vorgegebene Dogmen – und übertreiben es, so dass sie am Ende gar keinen Spaß mehr am Essen haben.

Um eins klarzustellen: Nichts gegen gesunde Ernährung und Bildung! Jedes Kind sollte lernen, wie viele Zuckerwürfel in einem Glas Cola enthalten sind (neun) und wie viele die Weltgesundheitsorganisation als maximale Tagesportion empfiehlt (neun). Ich liebe diesen Vergleich.

Eine 200-Gramm-Tüte entspricht etwa 49 Würfeln Zucker. Rawpixel on Unsplash

Gummibonbons

Eine 200-Gramm-Tüte entspricht etwa 49 Würfeln Zucker.

Aber können wir uns beim Essen nicht auf unser Bauchgefühl verlassen? Ich meine, unterhalb der Milz wissen wir doch genau, wann das Maß voll ist. Ob die nächste Gummibärchentüte noch aufgerissen werden sollte, ob wir noch ein Minzplättchen vertragen oder nicht. Es mag auch Leute geben, bei denen zuckerfreie Tomate-Sesammus-Cookies höchste Glücksgefühle auslösen – das ist auch ganz wunderbar.

Aber der überwiegenden Mehrheit beschert die Dämonisierung von Lebensmitteln keinen Genuss, sondern nur Frust. Und gerade dann kriegt man so richtig Lust auf die verbotenen Früchte. Also Schokolade – oder gleich löffelweise Nutella. Guten Appetit.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks Gedanken.

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