MenüZurück
Wird geladen.

10.02.2019

08:35

Wer wirklich genießt, muss gar nichts bereuen – dann hat sich der Genuss doch gelohnt. Joanna Kosinska on Unsplash

Schokolade und Himbeeren

Wer wirklich genießt, muss gar nichts bereuen – dann hat sich der Genuss doch gelohnt.

Kolumne Abgeschmeckt: Schokolade

Das unsinnigste Versprechen des Jahres – Genuss ohne Reue

Von: Corinna Nohn

Die Superfrucht „Schwarze Sapote“ soll Schokogenuss ohne Gewissensbisse ermöglichen. Klingt verlockend. Aber: Um Kalorien geht es hier doch gar nicht.

DüsseldorfHarte Wochen liegen hinter uns. Das Jahresende samt Weihnachtsbäckerei, gefolgt von bereits wieder verworfenen Vorsätzen für ein gesundes neues Jahr – und gleich im Anschluss die weltweit größte Messe für Süßwaren und Snacks in Köln.

Währenddessen wurden unsere Sinnesorgane tagelang mit Bildern und Berichten kulinarischer Einmaligkeiten gefüttert, die sicherlich enorm zucker-, fett- und/oder kalorienreich sind. Wobei: Zwischen all den Fotos von rosa Schokolade, lila Chips und pastelligen Confiserie-Schachteln in allen denkbaren Formaten poppte eine Mitteilung zu „Foodtrends 2019“ auf meinem Bildschirm auf, wonach „Genuss ohne Reue“ das neue große Ding werde.

Ja, genau: Süße, die weder dick, noch die Zähne kaputt macht. Nach all den Flops mit Süßungsmitteln, die doch dick machen, und Zuckerersatzstoffen, die doch nicht gut schmecken, soll 2019 endlich das Jahr werden, in dem der Jahrzehnte währende Traum der westlichen industrialisierten Konsumwelt vom kalorienarmen Naschwerk in Erfüllung gehen wird.

Können wir uns also demnächst tatsächlich ohne Hemmungen dem Schlemmen hingeben?

Der Kollege gegenüber greift angesichts meiner Offenbarung noch mal in die Pralinenpackung und schüttelt ungläubig den Kopf. (Die Packung ist übrigens ein Überbleibsel aus der Weihnachtszeit – ein Geschenk eines Dritten, der offenbar die die räumliche Trennung von Genussmitteln als einzig gangbare Alternative zur Vermeidung von Reue betrachtet.)

Kolumne Abgeschmeckt: Klimaneutralität: Wie Greta Thunberg plötzlich mit am Küchentisch sitzt

Kolumne Abgeschmeckt: Klimaneutralität

Wie Greta Thunberg plötzlich mit am Küchentisch sitzt

Die junge schwedische Klimaaktivistin fordert Panik – und ihre Aufforderung trägt im Wortsinne Früchte. Denn sie berührt uns bis ins Mark: beim Essen.

Worum geht es? Gehuldigt wird im konkreten Fall der „Schwarzen Sapote“, auch bekannt als „Schokoladenpudding-Frucht“, die – wie könnte es anders sein – dank Vitamin- und Nährstoffgehalt als Superfood zu bezeichnen sei und angeblich wie Schokolade schmecke.

Angebaut werde das Wunderding zuvorderst in Mexiko, Guatemala und auf den Philippinen, aber man könne sich auch selbst einen Baum kaufen und das kalorienarme Schokovergnügen selbst heranziehen. Fazit: „So macht gesundes Essen Spaß!“

Nun denn. Die Frucht gibt es wirklich. Ob sie es geschmacklich tatsächlich mit Schokolade aufnehmen kann und dabei auch die gleiche Wirkung entfaltet, Stichwort Glücksgefühle? Das soll mal jeder für sich herausfinden.

Ich will hier keinen Traum zerstören, aber es geht doch um etwas ganz anderes. Genuss hat nichts mit Schlemmen und In-sich-hineinstopfen zu tun. Genuss hatte ursprünglich die Bedeutung von „Nutznießen, Nutzen, Gewinn“, worunter man sicherlich zu Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs die schnelle Aufnahme großer Kalorienmengen verstehen konnte.

Aber spätestens im 18. Jahrhundert wandelte sich die Bedeutung in Richtung „auskosten“. Heute gilt als Genuss, was uns „Freude, Wohlbehagen, tiefe Befriedigung“ bereitet. Reue ist also ohnehin fehl am Platz beim echtem Genuss (in dessen Fall sich die Kalorien doch gelohnt haben).

Jetzt mal zur Schokolade. Neun Kilogramm isst jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr, was so ungefähr einer Tafel alle vier Tage entspricht. Das ist schon grenzwertig im Sinne der oben genannten Genussdefinition.

Ich behaupte: Wer wirklich genießt – also ein Stückchen abbricht und den Zucker, das Fett, die Kalorien bewusst in kulinarisches Wohnbehagen dahinschmelzen lässt –, der muss sich ohnehin nicht um die Kalorien sorgen. Denn auf diese Weise schafft man im Regelfall keine ganze Tafel en bloc.

„Ruby Kakaobohnen“ für rosa Schokolade werden laut Callebaut in Brasilien, Ecuador und in der Elfenbeinküste angebaut. Bitter: Kakaobauern erhalten laut der Initiative „Make Chocolate Fair“ nur etwa sechs Prozent des deutschen Verkaufspreises. Kölnmesse / Thomas Klerx

Bunt und süß

„Ruby Kakaobohnen“ für rosa Schokolade werden laut Callebaut in Brasilien, Ecuador und in der Elfenbeinküste angebaut. Bitter: Kakaobauern erhalten laut der Initiative „Make Chocolate Fair“ nur etwa sechs Prozent des deutschen Verkaufspreises.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Die Reue kann trotzdem eintreten, in Form des schlechten Gewissens. Nicht wegen der Kalorien, sondern wegen der Verwerflichkeit des Konsums. Kakao, der Grundstoff für Schokolade, mag ein Superfood sein – seine Anbaubedingungen sind es nicht.

14 Millionen Menschen weltweit verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Kakaoproduktion, aber 70 Prozent der Ernte stammt aus zwei Ländern: Elfenbeinküste und Ghana. Hier reift laut Experten von Menschenrechtsorganisationen kaum eine Kakaobohne ohne Kinderarbeit heran.

Laut Unicef arbeiten dort mehr als eine Million Kinder auf den Feldern. Schon Fünfjährige schleppen schwere Wasserbehälter und Säcke, verletzen sich mit Macheten, werden durch die Pestizide krank, sind Bissen von Insekten und Schlangen ausgesetzt.

Schokoladensiegel im Überblick

Naturland „Fair“

Die Stiftung Warentest bewertet das Siegel des internationalen Verbands für ökologische Landwirtschaft als bestes: Die Aussagekraft sei „sehr hoch“, das Anforderungsniveau „gut“, für die „Umsetzung in der Praxis“ und das „Management der Organisation“ gab es jeweils ein „sehr gut“.

Transfair „Fairtrade“

Die Stiftung Warentest bewertet die Aussagekraft des Siegels der Fairtrade-Initiative als „hoch“ und das Anforderungsniveau „gut“, für die „Umsetzung in der Praxis“ und das „Management der Organisation“ gab es ebenfalls jeweils ein „sehr gut“.

Rapunzel Naturkost „Hand in Hand“

In Bezug auf das Siegel des Biokost-Herstellers Rapunzel bewertet die Stiftung Warentest die Aussagekraft als „hoch“ und das Anforderungsniveau „gut“, für die „Umsetzung in der Praxis“ gab es ein „sehr gut“, für das „Management der Organisation“ ein „befriedigend“.

„Rainforest Alliance Certified“

Bei der internationalen Organisation, die Menschenrechts- und Naturschützer oft als Feigenblatt-Institution oder wegen zu lascher Standards kritisieren, bemisst die Stiftung Warentest die Aussagekraft des Zertifikats als „mittel“. Das Anforderungsniveau sei „befriedigend“; für die Umsetzung in der Praxis und das „Management der Organisation“ gab es ein „gut“.

„UTZ Certified“

Das von der Stiftung UTZ verliehene Siegel stuften die Tester von Warentest in seiner Aussagekraft als „mittel ein“, das Anforderungsniveau sei „befriedigend“, die Umsetzung in der Praxis aber „gut und das Management der Organisation, die in Amsterdam sitzt, sogar „sehr gut“.

In Deutschland wiederum werden zehn Prozent der weltweiten Kakaoernte weiterverarbeitet. Jedes Jahr werden Schokoladenwaren für mehr als sechs Milliarden Euro umgesetzt, Tendenz steigend. Und trotz ihres relativem Reichtums müssen die Bundesbürger im internationalen Vergleich für Süßwaren laut Preisbarometer des Datenanalysten Nielsen so wenig wie kaum ein anderer Weltbürger bezahlen. Da stimmt doch was nicht, oder?

Zwar hat Bundesentwicklungsminister Gerd Müller bei der Eröffnung der Agrarmesse Grüne Woche in Berlin im Januar erst wieder die Lebensbedingungen von Kakaobauern in Westafrika bemitleidet und bekräftigt: „Hungerlöhne, Armut, Kinderarbeit und Abholzung der Regenwälder müssen endlich der Vergangenheit angehören.“

Bereits im vorigen Jahr hatte Bundeswirtschaftsministerin Julia Klöckner bei einem Kakaogipfel erklärt: „Mein Ziel ist, den Anteil nachhaltig erzeugten Kakaos in den in Deutschland verkauften Schokoladenwaren bis zum Jahr 2020 auf 70 Prozent zu erhöhen“, einem zu diesem Zweck gegründeten „Forum Nachhaltiger Kakao“ seien auch schon zahlreiche Produzenten beigetreten.

Experten für fairen Handel kritisieren die Initiative als zu wenig ambitioniert. Und auch wenn sich mittlerweile selbst in Discountern viel Schokolade mit Nachhaltigkeitshinweisen findet: Siegel wie „UTZ Certified“ oder „Rainforest Alliance“ werden von der Stiftung Warentest in ihren Anforderungen nur als mittelmäßig („befriedigend“) eingestuft.

Wie sich beim Essen das Klima schonen lässt

Tipp 1: Verschwendung vermeiden

Vor dem Verzicht kommt erst mal der bewusste Konsum. Nur etwa die Hälfte aller produzierten Lebensmittel werden gegessen, vieles landet im Müll. Jedes Jahr werden laut WWF allein in Deutschland 18 Millionen Tonnen Essen verschwendet . Jeder kann verantwortungsvoll mit Nahrungsmitteln umgehen: nicht einfach (zu) viel kaufen, nur weil es günstig erscheint.

Tipp 2: Reste verwerten

Und wenn doch was übrigbleibt? Was draus machen! Man kann Omma und Oppa fragen, wie sie das früher gemacht haben. Oder ins Netz gehen, Rezepte zum Weiterkochen mit Resten finden sich zum Beispiel bei Restegourmet.de, in der Rezeptsammlung des Biokostherstellers Rapunzel sowie bei dem vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderten Projekt „zu gut für die Tonne“.

Tipp 3: Wissen, was Saison hat

Der Tipp ist nicht neu: Saisonal und regional kaufen, um Lager- und Transportenergie zu sparen. Aber die wenigsten haben angesichts permanenter Verfügbarkeit in der Gemüsetheke parat, welche Sorten überhaupt gerade Saison haben. Da lohnt ein Blick in einen Saisonkalender, den es z.B. hier zum Herunterladen gibt.

Tipp 4: Hässliches Gemüse kaufen

Es gilt: Hässliches kaufen! Verdrehte Möhren, überkrumme Gurken, gerade Bananen vergammeln oft im Supermarkt – schmecken aber garantiert genau wie ihre passgenormten Artgenossen!

Tipp 5: Reste verschenken

Wer aufs Resteverkochen keine Lust hat oder kurz vor Urlaubsantritt merkt, dass er seine Vorräte unmöglich alle aufbrauchen kann, für den ist verschenken eine Lösung. Die Initiative foodsharing.de, die mittlerweile mehr als 40.000 Food-Sharer verzeichnet und vor allem in Großstädten insgesamt mehrere hundert Sammelpunkte vertreibt, vermittelt Essensspender und -nehmer. Auch die Macher der App „Too Good To Go“ wollen Lebensmittelverschwendung reduzieren – und zwar in der Gastronomie. Das Prinzip: Restaurants, Cafés und Imbisse stellen ihre überschüssigen Speisen kurz vor Ladenschluss in der App ein, die Nutzer können sie reservieren und anschließend abholen.

Tipp 6: Energie sparen beim Kochen

Es muss nicht gleich der Top-Energiesparherd sein. Viel lässt sich einfach dadurch einsparen, dass man beim Kochen – wenn das Rezept nicht das offene Kochen erfordert - den Deckel auf den Töpfen lässt, Hände mit kaltem statt mit warmem Wasser wäscht (ist genauso effektiv!), lieber Umluft als Ober- und Unterhitze nutzt – oder einfach mal durch die Backofentür schaut, als sie dauernd zu öffnen. Das alles mag nach Petitesse klingen, aber in der Kombination und Masse machen solche Angewohnheiten, um das Sprichwort mal umzudrehen, durchaus den Braten fett.

Tipp 7: Ordentlich planen

Den eigenen Bedarf an Lebensmitteln ordentlich planen, idealerweise die Gerichte in einer Woche so aufeinander abstimmen, dass man die Reste von Tag 1 an Tag 2 oder verbraucht, und so weiter – das ist schon was. Aber gerade Autofahrer sollten bitte auch den Einkauf entsprechend vorbereiten und timen. Wer jeden zweiten Tag noch mal zum Supermarkt fährt, weil er die Nudeln oder einen Liter Milch vergessen hat, verschleudert auf kurzer Strecke eine Menge Abgase und Feinstaub, was sich ganz einfach vermeiden ließe.

Tipp 8: Ein bisschen veganer werden

Man muss nicht direkt Veganer werden – es gibt viele Möglichkeiten, sich Schritt für Schritt ein bisschen veganer zu verhalten. Zum Beispiel trüben Apfelsaft trinken, denn klarer Saft (auch Wein) wird in Deutschland meist mit Hilfe von Gelatine geklärt. Auch Bier statt Wein hilft in diesem Sinne – es ist dank deutschem Reinheitsgebot frei von tierischen Stoffen. Eine tolle Übersicht für viele solcher kleinen Schritte hat utopia.de zusammengestellt.

Tipp 9: Anderen Mut machen

Wer sich bei Tipp 1 bis 8 nicht wiederfindet, der sollte wenigstens anderen nicht den Mut und die Motivation nehmen, ihren Alltag diesbezüglich zu durchleuchten.

Sie gelten Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen im Vergleich zu „Naturland Fair“-, „Transfair“- oder „Hand in Hand“-Siegel als „Billigsiegel“. Das lässt sich auch am Preis erkennen, denn UTZ-Schokolade ist bei Discountern für etwa einen Euro pro 100-GrammTafel zu haben, die meisten Sorten der „Fair Trade Company“ Gepa kosten mehr als doppelt so viel.

Kolumne Abgeschmeckt: Crowdfarming: Ein Klick und schon ist man Orangenbauer

Kolumne Abgeschmeckt: Crowdfarming

Ein Klick und schon ist man Orangenbauer

Gen-Food, Gifte und andere Geschmacklosigkeiten machen Lust auf den eigenen Bauernhof. Weniger romantisch, aber realistischer: Crowdfarming.

Aber sind wir nicht bei Pralinen auch bereit, mehr zu zahlen? Dann sollten uns doch Anbaubedingungen, bei denen weder Kinder noch die Natur geschunden werden, mindestens ebenso viel wert sein. Der hohe Preis bewahrt uns dann automatisch davor, sie tafelweise in uns hineinzustopfen.

Insofern: Schokolade genießen und nachher keine Reue empfinden müssen ist nichts Neues. Dieser Genuss darf aber nach den oben genannten Kriterien gern zum Dauertrend werden.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

 

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×