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30.12.2018

14:22

Anti-Erfolgsratgeber

Dieser Mann will, dass Sie „endlich erfolglos“ sind

Von: Lazar Backovic

Gute Vorsätze? Sind Sebastian Rabsahl ein Graus. Er hat einen Anti-Erfolgsratgeber geschrieben - mit Tipps, wie man keine Karriere macht.

Der Poetry-Slammer tritt unter dem Künstlernamen „Sebastian 23“ auf. Fabian Stürtz

Sebastian Rabsahl

Der Poetry-Slammer tritt unter dem Künstlernamen „Sebastian 23“ auf.

Düsseldorf Gute Vorsätze sind ein Milliardengeschäft. Allein auf dem Buchmarkt erwirtschaften Ratgeber jedes Jahr fast anderthalb Milliarden Euro Umsatz. Nun mischt auch der Slampoet Sebastian Rabsahl – Künstlername: Sebastian 23 – auf dem Markt für Selbstoptimierung mit, wenn auch anders als andere. Der 39-Jährige hat nämlich einen Anti-Ratgeber-Ratgeber geschrieben mit so einprägsamen Kapiteln wie „schlecht organisiert sein“, „schlecht diskutieren“ oder „schlecht ernähren“. Titel des Demotivationsschmökers: „Endlich erfolglos“.

Passend dazu war auch die Anfrage zu diesem Interview ein voller Misserfolg. Kurz bevor die Anfrage rausgehen sollte, erwischte den Autor dieses Texts die Grippe. So wurde aus dem Gespräch kurzerhand ein E-Mail-Interview.

Herr Rabsahl, verraten Sie es uns: Wie macht man keine Karriere?
Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich schon früh die Weichen richtig gestellt habe: Ich habe Philosophie studiert, aber nicht auf Lehramt, sondern direkt auf Arbeitslosigkeit. Aber das ist natürlich eine individuelle Sache. Jeder muss seinen Weg zu Erfolglosigkeit selbst erkunden.

Kann das jeder? Wie pessimiert man sich richtig selbst? 
Ich glaube, dass es für jeden Menschen Spielraum nach unten gibt. Man muss sich vom Leistungsdruck und Optimierungswahn befreien, damit man wieder frei atmen kann.

Was sollte jeder Mensch besonders schlecht können?
Grundsätzlich ist es in allen Lebenslagen hilfreich, wenn man sich schlecht motivieren kann. Man kennt das ja, man geht aus Versehen joggen, obwohl die Couch so gemütlich aussah. Und plötzlich hat man eine Karriere und sehr gepflegte Zähne. Dann hat die Leistungsgesellschaft gewonnen. Lieber liegen bleiben.

Sebastian 23: Endlich erfolglos
Benevento
2018
256 Seiten
16 Euro
ISBN 978-3710900525

Das klingt so einfach, aber wie genau mache ich das?
Umarmen Sie Ihren inneren Schweinehund. Werden Sie sich bewusst, dass Sie niemals aussehen werden wie Heidi Klum auf einem Magazin-Cover. Nicht mal Heidi Klum sieht in Wirklichkeit so aus. Erkennen Sie an, dass Fehlbarkeit, Unfähigkeit und Ratlosigkeit zutiefst menschlich sind.

Wenn ich Ihr Buch lese und Ihre Tipps befolge, wann sehe ich endlich erste Misserfolge?
Wenn Sie mein Buch lesen, ist das bereits der erste Misserfolg. Und das sogar für beide Seiten: Ich scheitere bei meinem Versuch, erfolglos zu sein. Sie hätten die Zeit auch nutzen können für etwas Nützliches, zum Beispiel ein Alraunen-Guacamole-Peeling in der Achselhöhle.

In Zeiten, in denen sich sogar die Anzeigetafeln bei der Bahn digitalisieren, denkt Ihr Buch mit. Eines Ihrer Kapitel haben Sie „schlecht im Internet surfen“ getauft. Was ist Ihr Rat, wenn man dringend abgehängt werden möchte im digitalen Zeitalter?
Die FDP hat im letzten Bundestagswahlkampf den Claim formuliert „Digital first, Bedenken second“. Das ist nicht nur formal von berauschender Eleganz, sondern auch inhaltlich ein Schnitzel am Veggie-Day der Weltliteratur. Einen besseren Tipp zum Scheitern im Netz kann ich nicht geben: Werfen Sie alle Bedenken über den Haufen. Klicken Sie bedenkenlos auf alles, was bunt ist und blinkt. Den Rest regelt die Natur.

Ist Reden eigentlich hilfreich, wenn man endlich erfolglos werden möchte oder eher Schweigen?
Das kommt darauf an, ob sie ein Mönch mit Schweigegelübde sind oder Kandidat in einer Quizshow. Ganz schwierig wird es, wenn Sie ein Mönch in einer Quizshow sind. Oder Günter Jauch im Kloster.

Gilt das auch für Sex? Sie haben gleich ein ganzes Kapitel über „schlecht Sex haben“ geschrieben. Verraten Sie uns, wie es geht.
Für dieses Kapitel musste ich erstaunlich wenig recherchieren. Eine sehr gute von mir entwickelte Technik ist der „Clean Talk“. Das geht wie Dirty Talk, nur dass man sich beim Liebesspiel keine Anzüglichkeiten zuraunt, sondern sehr sachliche Informationen, Gesetzestexte oder Statistiken. „Oh ja, Baby, im Jahr 2016 waren 24,3 % der Deutschen zwischen 40 und 59 Jahre alt.“

Sie waren mal Gewinner der deutschsprachigen Poetryslam-Meisterschaften – sind Sie nicht zu erfolgreich, um einen Ratgeber darüber zu schreiben, wie man es so richtig vergeigt?
Ich würde eher sagen, ich habe vor Ewigkeiten einmal einen wenig beachteten Gedichtwettbewerb gewonnen. Es ist schon gewagt, mir das als Erfolg auszulegen. Und selbst wenn – das liegt schon über zehn Jahre zurück. Heute kriege ich wirklich rein gar nichts mehr gebacken. Ich glaube, man kann kaum mehr scheitern, als mit einem Buch über Erfolglosigkeit Erfolg zu haben.

Wie gehe ich mit erfolgreichen Leuten in meinem Umfeld um, die versuchen mich zu sich raufzuziehen?
Schenken Sie diesen Leuten mein Buch. Auch für sie ist es noch nicht zu spät, sich freizumachen von der Leistungsgesellschaft und selbstauferlegten Zwängen. Und dann scheitern sie alle gemeinsam.

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Was machen Sie persönlich , wenn Sie doch einmal versucht sind, etwas ordentlich zu machen oder wieder einen Preis zu gewinnen?
Ich konzentriere mich auf den Gedanken, dass ich das alles nicht brauche und so in Ordnung bin wie ich bin: Nämlich schlecht, erfolglos, einsam und unglücklich. Dann geht es mir gleich wieder besser.

Müssen Sie sich jeden Tag erneut sagen, heute mache ich garantiert alles schlecht, oder hat man diese Erfolglosigkeit irgendwann völlig verinnerlicht?
Wenn man erstmal richtig gründlich am Boden ist, dann geht es auch nicht mehr weiter nach unten. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Doch lassen Sie sich nicht entmutigen, gemeinsam können wir es schaffen.

Haben Sie Vorbilder in Sachen Misserfolg?
Horst Seehofer.

Was ist Ihr Vorsatz für 2019?
Ich habe mir vorgenommen, mir für 2019 nichts vorzunehmen. Aber ich habe das Gefühl, damit könnte ich bereits gescheitert sein.

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