MenüZurück
Wird geladen.

30.11.2018

14:10

Ernährung nach Geschlecht

Frauen-Bier und Männer-Müsli – Wer braucht eigentlich Gender Food?

Von: Andrea S. Klahre

Die Verpackung ist pink oder blau, der Inhalt vermittelt subtile Botschaften. Spezielle Produkte für Männer und Frauen sollen der Ernährung den ultimativen Kick geben. Ist das ein Witz?

Auch bei der Ernährung wird nach Geschlechtern unterschieden – jedenfalls aus Marketingsicht. Imago/Westend61

Smoothies „Für Sie“ und „Für Ihn“

Auch bei der Ernährung wird nach Geschlechtern unterschieden – jedenfalls aus Marketingsicht.

HamburgMode, Kosmetik, Arbeit, Bildung, Führungskultur: Nach Geschlechtern unterschieden wird ja fast überall. Nun hat die Food-Branche das Gendern entdeckt. Eine immer bunter werdende Vielfalt an Produkten ist da zu bestaunen, die sich nicht nur farblich
unterscheiden soll wie die Strampler von Baby Emma und Klein Elias, sondern auch in der Zusammensetzung ihrer „geschlechtsspezifischen” Zutaten.

Gender Food steht so zwar nirgendwo drauf, dennoch enthalten Tees, Müslis, Smoothies oder alkoholische Getränke neuerdings subtile Botschaften. Da gilt der feinblumige Biotee aus Rose, süßer Vanille und Cranberry als hinreißender „Frauenzauber”, während herbwürzige Zutaten wie geröstete Kräuter und Gewürze, Ginseng, Chili und Muskatblüte pure „Männlichkeit” signalisieren.

Das „Kickstart Men”-Müsli mit blauem Schriftzug will mit Zutaten wie gefriergetrockneten Erdbeeren und Blaubeeren, mit Hanfnüssen und Mandeln speziell „ihm” eine ausgewogene Grundlage für die tägliche Ernährung ermöglichen. Die rosa Women-
Variante lockt mit Erdbeeren, Sauerkirschen, Granatapfelkernen und Mandeln.

In der Schweiz soll ein Bier „von Frauen für Frauen” dem Feierabend eine ganz besondere Note geben: Das auf der Basis von Malz und Reis gebraute Getränk ist mit geringem Alkoholgehalt in frisch-fruchtigen Geschmacksvarianten und jeweils passender pastelliger Aufmachung erhältlich.

Und im Heilpflanzen-Smoothie-Ratgeber für Frauen sorgen fast 30 Rezepte für Gesundheit, Vitalität und hormonelle Balance. Dagegen sollen laut Fitnessmagazin zehn Mixturen für Männer unter anderem mit Ingwer, Cranberry und/oder Haferflocken auf
kulinarische Weise auch die Liebeslust stimulieren. Nach dem Motto: Besserer Sex aus dem Thermomix.

Achtsamkeit: Wenn Führungsstress in Hirndoping mündet

Achtsamkeit

Wenn Führungsstress in Hirndoping mündet

Manager, die für einen Missbrauch von Medikamenten und Substanzen gefährdet sind, können lernen, Herausforderungen anders anzunehmen.

Was ist das: Firlefanz? Nach dem Superfood die nächste Trendsau, die durchs Verkaufsdorf gejagt wird? Gender-Marketing? „Kommt auf die Perspektive an”, sagt Harald Seitz, Ernährungswissenschaftler am Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) in Bonn zum
Handelsblatt. Rein physiologisch betrachtet sei zunächst mal Fakt: Männer brauchen durchschnittlich 500 Kalorien mehr am Tag als Frauen. Weil sie aufgrund unterschiedlicher Muskel- und Körperfettmassen auch mehr Energie verbrauchen, können sie mehr essen, ohne zuzunehmen.

Außerdem gibt es bei einzelnen Nährstoffen Unterschiede, was die Zufuhrwerte angeht. Die bezeichnet Seitz aber als „eigentlich marginal“, da es ohnehin nur um zwei Spurenelemente geht: Zink und Eisen. Die Frau hat aufgrund der Blutverluste im gebärfähigen Alter einen höheren Bedarf an eisenhaltiger Nahrung, der Mann schwitzt vor allem Zink aus.

Ansonsten gilt ganz pauschal und ohne Rücksicht aufs Geschlecht: Jeder Körper braucht rund 50 Nährstoffe zum Leben, Arbeiten, Gesundbleiben und sich Wohlfühlen. Wir alle wissen, dass Vitamine und Mineralien ebenso dazu gehören wie Ballaststoffe und
Kohlenhydrate aus Vollkorngetreide oder Hülsenfrüchten. Auch die Low-Fat-Empfehlungen sind bekannt: mit tierischen Fetten sparsam umgehen, nicht aber mit hochwertigen Fettsäuren aus Fisch, Ölen und Nüssen.

Kolumne „Abgeschmeckt“: Wie einem der Hype ums Superfood den Appetit verdirbt

Kolumne „Abgeschmeckt“

Wie einem der Hype ums Superfood den Appetit verdirbt

Heute schon super gespeist? Mit Chia, Goji, Quinoa? Warum Superfood oft nicht super ist und Sauerkraut oder Johannisbeeren es auch tun.

Eine Binse ist, dass Frauen jenseits von magischen Spezialdiäten auch beim Essen und Trinken andere Vorlieben haben als Männer. Offiziell bestätigt hat das die Nationale Verzehrsstudie zuerst Mitte der 1980er Jahre und dann noch mal vor inzwischen mehr als zehn Jahren. Die Unterschiede sind nicht nur auf die Gene zurückzuführen, sondern auch auf Kultur und Sozialisierung, auf die Symbolik einzelner Lebensmittel, auf Zuständigkeiten im Haushalt, auf den Umgang mit Essen und Getränken, auf das
Verhältnis zum eigenen Körper.

Nach wie vor lebt freilich das Klischee: Gemüse ist ihr Fleisch, während seine Mundhöhle schon beim Anblick eines 250-Gramm-Brockens von Geschmacksfäden durchzogen wird wie das Kobe Beef von der Fettmarmorierung. Nun ja, immer steckt dahinter auch ein kleiner wahrer Kern, wie beim Damen- und Herrengedeck.

Spielarten der Geschlechteridentität

Harald Seitz nennt diese Spielarten der Geschlechteridentität allerdings soziale Konstruktionen, die sich gerade auflösen: „Wir leben in einer Zeit, in der das Thema Essen und Trinken sich sehr individuell in einem breiten Spektrum zwischen Desinteresse und Religionsersatz bewegt. Das ist total spannend, das gab´s vor hundert Jahren nicht.”

Dafür fand damals die „Schwarze Herren Schokolade” den Weg in die Welt, der vielleicht erste Coup im Gender-Marketing: ein Superfood mit hohem Kakaoanteil und wenig Zucker, das sogar Soldaten im Krieg nährte. Heute hält der Handel Bitterschokoladen mit einem Kakaoanteil von 100 Prozent bereit, das heißt, sie enthalten außer Kakaomasse und eventuell Kakaobutter keine weiteren Zutaten. Die feinen Nuancen der Kakaobohnen, die jetzt herauszuschmecken sind, gefallen im Haushalt der Autorin nur ihr.

„Food-Trends lenken die Aufmerksamkeit vom Neuen zum Sinnvollen”, schreibt Hanni Rützler, Expertin für Entwicklungen in der Esskultur, im Food-Report 2018 des Zukunftsinstituts. „Vieles, was uns heute als Innovation verkauft wird, ist aber lediglich eine Lösung ohne Probleme“, so Rützler, „sprich, von Marketingabteilungen gepushte und von Medien aufgebauschte Mikroentwicklungen, die meist nur an bestimmten Produkten festgemacht werden.”

Manche Produkte sollen speziell „ihm“, andere „ihr“ eine ausgewogene Grundlage für die tägliche Ernährung ermöglichen. imago/Rene Traut

Müsli

Manche Produkte sollen speziell „ihm“, andere „ihr“ eine ausgewogene Grundlage für die tägliche Ernährung ermöglichen.

Menschen wollen jedoch bessere Esslösungen und keine besseren Marketingstrategien. Ist wohl so, denn für die meisten gestaltet es sich nach wie vor schwierig, eine Ernährung konsequent beizubehalten oder überhaupt umzusetzen, die sich mit „vernünftig, gesund, verantwortungsbewusst, ökologisch nachhaltig" etikettieren lässt.

Und doch zeigen Lebensmittelskandale, Klimawandel, eine weltweit ruinöse Agrarwirtschaft und eine gewisse Sehnsucht nach Unverfälschtheit endlich Wirkung. Beim Blick in den aktuellen Food-Report fallen 37 Trends unter die sechs Stichworte
Gesundheit, Qualität, Lokal, Global, Genuss, Alltag. Da ist lauter Erhellendes dabei: Regional Food, Fair Food, Ethik Food oder brutal lokal. Nur ein Begriff nicht, nirgends. Raten Sie. Richtig, Gender Food.

Weil, so die schlichte Wahrheit, sich durch eine ausgewogene und vollwertige Ernährung der Nährstoffbedarf beider Geschlechter problemlos decken lässt. Dafür sind keine noch so maßgeschneiderten Produkte notwendig. Überhaupt: Wieso Trockenfrüchte unklarer Herkunft im Müsli herauspicken, wenn das Angebot auf dem Wochenmarkt an tagesfrischen Köstlichkeiten so groß ist? Wozu einen abgestandenen Smoothie „for him” oder „for her” kaufen, wenn man den, zack, mal eben selbst zubereiten kann? Gern auch als Aphrodisiakum 4.0 – siehe oben.

Das Geheimnis einer guten Ernährung liegt in der Abwechslung frischer und gering verarbeiteter Zutaten. Individuell, alltagstauglich und köstlich muss weder kompliziert sein noch teuer. Wenige einfache, verlässliche Regeln und eine mühelose Umsetzung können viel bewirken, im Allgemeinen (gesund bleiben) und Besonderen (gesund werden), bei Frauen wie bei Männern.

Statt jedes Jahr eine neue Ernährungsform durch die Medien zu treiben, werben Kenner für eine Schule des guten Geschmacks. Denn genau der droht beiden Geschlechtern abhanden zu kommen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×