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18.06.2019

11:36

Beim temporären Leben auf vergleichsweise engem Raum steigt das Risiko für Krankheiten. obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH

Schwimmende Kleinstadt

Beim temporären Leben auf vergleichsweise engem Raum steigt das Risiko für Krankheiten.

HamburgWeite Teile der Erde erkunden, ohne ständig das Hotelzimmer zu wechseln: In diesem Jahr werden voraussichtlich 30 Millionen Menschen weltweit eine Kreuzfahrt antreten und sich auf einer schwimmenden Kleinstadt ihrem Traumurlaub hingeben – je nach Schiff mit bis zu 6.600 Mitreisenden.

Selbst für den Fall, dass die Schiffe nicht ausgebucht sein sollten, dürfte der Raum an Bord vergleichsweise beengt und das Risiko zu erkranken damit relativ hoch sein. Infektionen mit Salmonellen, Noro-, Grippe- und Erkältungsviren gehören zu den häufigsten Ursachen, warum moderne Kreuzfahrer das Bordhospital aufsuchen.

Hinzu kommen Unfälle, von denen nicht wenige in der Rechtsprechung dem „allgemeinen Lebensrisiko“ zugeschrieben werden: Verletzungen bei erhöhtem Seegang, darunter Knochenbrüche auf nassen Schiffsböden oder Stürze aus Hängematten.

Da kann schon der Eindruck entstehen, dass Kreuzfahrten keine wirklich sichere und medizinisch empfehlenswerte Art des Reisens sind. „Doch, das sind sie, wenn vorab eine kompetente und individuelle Reiseberatung erfolgt und wenn Hygienemaßnahmen unterwegs konsequent beachtet werden“, sagte Professor Berthold Petutschnigg im vergangenen Jahr auf einer Veranstaltung des Centrums für Reisemedizin (CRM), einem unabhängigen Institut in Düsseldorf.

Für die Planung

Reisemedizinische Beratung

Entsprechend fortgebildete Ärzte, spezielle Beratungsstellen sowie Tropeninstitute bieten Sprechstunden, telefonische und Onlineberatungen, berücksichtigen aktuelle Informationen und passen Maßnahmen zur Prävention an. Prof. Petutschnigg: „Vor allem vor mehrwöchigen Kreuzfahrten wird neben den Empfehlungen für die Länder und Regionen, für die Landgänge geplant sind, Verschiedenes in den Blick genommen: Alter des Passagiers, Erkrankungen, medikamentöse Therapien und die Compliance.”

Chronische Erkrankungen

Gegebenenfalls zuerst den behandelnden Arzt konsultieren, sich eine Freigabe für die Reise erteilen und darüber informieren lassen, welches Mittel im Notfall am besten wirkt.

Reiseimpfungen

Pflichtthema ist der Impfschutz gegen tropische Infektionen. Je nach Reiseziel betrifft das u. a. Gelbfieber, Malaria, Hepatitis A, Cholera, Gürtelrose, Pneumokokken, Masern, Grippe. „Influenza ist die häufigste durch Impfung vermeidbare Erkrankung in den Tropen und Subtropen“, so Dr. Andreas H. Leischker vom Alexianer-Krankenhaus Krefeld. „Dort tritt sie ganzjährig auf. Impfen lassen sollte man sich auch, wenn Grippe in Deutschland vor der Abreise keine Hochsaison hat.“

Bordhospital

Kreuzfahrer sollten sich bei der Reederei über die medizinischen Gegebenheiten des Schiffes informieren. Können sie mit ihrer (chronischen) Krankheit und ihrer Therapie an Bord oder sind vorab spezielle Maßnahmen vonnöten? Mit welchen Zusatzkosten ist zu rechnen? Da diese nennenswert sein können, ist die Frage nach Versicherungspaketen sinnvoll. Die meisten Reedereien kooperieren mit Versicherern, die maßgeschneiderte Konditionen anbieten. Babys und Kleinkinder können an Bord begrenzt versorgt werden.

Versicherungsschutz

Nicht sparen beim Abschluss von Reiseversicherungen: Kranken-, Storno-, Ausfall-, Abbruch-, Gepäckversicherung. Für die Experten von „Captain Kreuzfahrt” ist eine Auslandsreisekrankenversicherung ein absolutes Muss: „Aber aufgepasst: Klauseln und Kleingedrucktes aufmerksam lesen und bei Bedarf erklären lassen. Hier verstecken sich feine Unterschiede: die Übernahme der Kosten eines Rücktransports, wenn medizinisch notwendig oder sinnvoll.”

Ins Handgepäck

Wichtige Telefonnummern (Ärzte des Vertrauens, Notrufnummern der Kreditinstitute) und eine kurze schriftliche Zusammenfassung der wesentlichen Diagnosen/Operationen von Krankheiten oder Unfällen in der Vergangenheit. Wer regelmäßig Arzneien braucht, sollte lieber mehr mitnehmen und je zur Hälfte im Handgepäck und Koffer verstauen, um einem Totalverlust vorzubeugen.

Selbst wenn nicht jedes Medikament weltweit in gleicher Dosierung erhältlich ist, rät Professor Robert Steffen von der Universität Zürich: „Hilfreich kann eine Liste der benötigten Mittel sein, wenn möglich auch in Englisch.”

Auf der Fahrt

Hygiene

Besonders gefürchtet sind Epidemien durch das Norovirus. Auch die Influenza kann sich rasant ausbreiten und bei Älteren dramatisch verlaufen. Ansteckungsalarm herrscht an Türgriffen, Handläufen, Bedienungsknöpfen, an der Reling. Bester Schutz: häufiges intensives Händewaschen mit warmem Wasser und Seife. Wer lieber Desinfektionsmittel nutzt, sollte die etwa zwei Minuten einmassieren.

Seekrankheit

Es irrt, wer glaubt, auf großen Pötten sei kein Seegang mehr zu spüren. Auch wenn die Seekrankheit bzw. See-Kinetose erst an 15. Stelle der Kreuzfahrer-Diagnosen steht, so zählen sie aus schiffsärztlicher Sicht zu den häufigen Behandlungen. Wer empfindlich ist, sollte bei stärkerem Seegang gut essen, sich danach in der Kabine hinlegen oder den Mittelteil des Schiffes aufsuchen und jeweils einen bestimmten Punkt am Horizont fixieren, um das Gehirn zu beruhigen.

Sonne

Für alle Hauttypen gilt: Nie ohne Sonnenschutz – bei Reisen auf dem Meer umso mehr und umso stärker, je näher der Äquator ist. Das ABC lautet: Ausweichen, Bekleiden, Cremen mit Lichtschutzfaktor 30 und höher. Für die Augen: Auf eine Sonnenbrille mit der Kennzeichnung „100 % UV-Schutz” oder „UV-400” achten.

Mücken

Alle durch Mücken übertragenen Infektionen kommen auch in der Nähe des Meeres und auf dem Meer vor. Ausreichend Insektenspray und, falls möglich, ein Moskitonetz fürs Bett sind ein prima Anfang; weitere Informationen gibt der reisemedizinische Berater.

Medizinische Versorgung

Große Schiffe verfügen über umfangreich ausgestattete Medical Center mit Labordiagnostik, Digitalröntgen, Ultraschall, EKG, einer teilweise intensivmedizinischen Ausrüstung, entsprechend ausgebildeten (mindestens) zwei Ärzten und weiterem Fachpersonal. Je nach Krankheitsbild kann ambulant, voll- oder teilstationär behandelt und betreut werden. Im Ernstfall liegt es im Ermessen des Bordarztes, eine Evakuierung einzuleiten.

Die Kosten variieren je nachdem, wo das Schiff sich gerade befindet, und in welcher Verfassung der Patient ist. Die Bordapotheke ist für allgemeine Krankheiten und Notfallbehandlungen ausgerüstet. Rezeptpflichtige Arzneien werden nur nach einer Schiffsarztkonsultation ausgegeben. Da die meist teurer wird als das eigentliche Medikament, siehe unter „Ins Handgepäck”.

Arztrechnungen

Leistungen der Schiffsärzte sind kein Bestandteil des Reisevertrags und entsprechen einem Privatarztbesuch in einem Drittland. Deutsche Gebührenordnungen gelten also nicht. Die Kosten werden direkt in bar oder am Ende der Reise über die Bordkarte beglichen. Wichtig: Auf der Rechnung sollten alle Leistungen einzeln gelistet sein. Ob und in welcher Höhe sie von der Krankenversicherung erstattet werden, hängt von der Reiseroute und der Flagge ab, unter der das Schiff fährt.

Kostenübernahmen

Für GKV-Patienten gilt innerhalb der EU die Europäische Gesundheitskarte (EHIC). Erstattet werden maximal die Kosten, die hierzulande bei gleicher Behandlung entstanden wären. Deshalb ist eine private Auslandskrankenversicherung unverzichtbar. Auch Privatversicherte profitieren davon, wenn sie einen Tarif mit hohem Selbstbehalt oder geringem Leistungsumfang haben.

„Unfall und Krankheit suchen sich den Ort des Geschehens nicht aus, kündigen sich nicht an und dauern unterwegs mindestens so lange wie zu Hause“, weiß der Chirurg und Notfallmediziner Petutschnigg aus Graz, der auch als Schiffsarzt arbeitet und als „Chief Senior Doctor“ Kreuzfahrtpassagiere betreut.

Mit anderen Worten: Selbst wenn es kaum möglich ist, sich hundertprozentig vor Krankheit und Unfall zu schützen, so lässt sich mit Vorsicht die Gefahr doch erheblich reduzieren. Planung, Umsicht und Sauberkeit sind die beste Basis. Je sorgfältiger Vorbereitung und Vorsorge sind, umso problemloser wird die Reise verlaufen. Andernfalls kann es teuer werden, unter Umständen sogar teurer als das ursprüngliche Pauschalpaket für die gesamte Reise.

Je sorgfältiger Vorbereitung und Vorsorge sind, umso problemloser wird die Reise verlaufen. dpa

Entspanntes Leben auf Deck

Je sorgfältiger Vorbereitung und Vorsorge sind, umso problemloser wird die Reise verlaufen.

Zum einen können Passagiere meist keine Preisminderung oder keinen Schadensersatz beanspruchen, wie die Würzburger Tabelle zeigt, in der juristische Fälle aus dem Kreuzfahrtbereich gesammelt und ausgewertet werden. Zum anderen werden Behandlungen wie Privatarztleistungen abgerechnet, und das bis zum neunfachen Satz der Gebührenordnung für Ärzte. Schon für einen bloßen ärztlichen Rat können knapp 100 Euro fällig werden; sind diese und andere Kosten nicht begründet, verweigern immer mehr Versicherer eine Übernahme.

Wer auf einer Kreuzfahrt so krank wird, dass gar die Bordmittel nicht reichen und ein Helikopter notwendig wird oder das Schiff außerplanmäßig den nächsten Hafen ansteuern muss, um den Patienten zunächst in eine Klinik und dann per Ambulanzflug womöglich zurück in die Heimat zu bringen, den dürfte folgende Frage besonders interessieren: Wer bezahlt das alles? Diese und andere Antworten finden sich in unseren Expertentipps für die optimale Reisevorbereitung und die Zeit an Bord:

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