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06.09.2019

17:15

Landschaftsarchitektur

Wie Enzo Enea seine außergewöhnlichen Gärten designt

Von: Norman Kietzmann

In Klagenfurt hat Enzo Enea für ein Projekt ein Stadion mit Bäumen bepflanzt. Prominente schätzen den Schweizer als Designer maßgeschneiderter Gärten.

Zwei Monate lang lässt sich im Klagenfurter Stadion beobachten, wie die Bäume sich verfärben. (Foto: Unimo)

Bäume statt Fußballer

Zwei Monate lang lässt sich im Klagenfurter Stadion beobachten, wie die Bäume sich verfärben.

(Foto: Unimo)

Klagenfurt Es ist ein ungewöhnlicher Anblick: Auf dem Rasen des Wörthersee-Stadions im österreichischen Klagenfurt jagen keine Fußballer mehr dem Ball hinterher. Stattdessen ragen Bäume aus dem Spielfeld empor. „For Forest“ heißt das vom Schweizer Kurator und Kulturmanager Klaus Littmann initiierte Projekt, das vom 08. September bis zum 27. Oktober in Klagenfurt zu sehen ist.

Die Arbeit basiert auf einer Bleistiftzeichnung des Tiroler Malers Max Peintner aus dem Jahr 1970/71: „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ zeigt einen Wald inmitten eines Stadionrunds – im Hintergrund eine dichte Stadtlandschaft mit Hochhäusern und rauchenden Industrieschornsteinen. Von Bäumen oder sonstiger Natur ist außerhalb des Stadions nichts zu sehen.

Von dieser düster anmutenden Vision mag Klagenfurt noch weit entfernt sein. Doch Littmann und Peintner geht es um etwas anderes: Sie wollen mit dem Projekt nicht nur die Bedrohung des Waldes zeigen – was angesichts der Großbrände im Amazonas und in Sibirien eine besondere Aktualität hat. Sie wollen ebenso ein Zeichen gegen die Monokultur setzen. Kärnten ist zwar das österreichische Bundesland mit den zweitmeisten Bäumen. Doch auch hier ist der natürliche Mischwald längst verdrängt worden.

„Wir wollen einen Sinneswandel herbeiführen und ein bisschen aufrütteln. Wenn es nur noch eine Baumart gibt, können Schädlinge über Nacht halbe Wälder zunichte machen“, sagt Enzo Enea. Der Schweizer Landschaftsarchitekt hat das Projekt „For Forest“ von der Zeichnung in die Praxis umgesetzt. 299 Bäume sind von ihm auf 7.200 Quadratmeter Stadionrasen gepflanzt worden, darunter Rotbuchen, Lärchen, Mehlbeeren, Weißbirken, Wildbirnen oder Blumen-Eschen.

Während der nächsten zwei Monate sollen die Besucher auf den Stadiontribünen Platz nehmen und die Verfärbungen des Laubes beobachten: Die Natur als Schauspiel für die Sinne. „Wenn man jede Woche hineingeht, wird man jedes Mal einen anderen Wald sehen“, erklärt der 55-Jährige. Im Anschluss sollen die Bäume auf einem Grundstück zwischen Klagenfurt und Wörthersee angepflanzt werden.

Bereits im Vorfeld hagelte es dazu Kritik. Politiker der FPÖ stellten das Projekt in Frage und monierten, dass viele Bäume eigens aus Italien oder Deutschland herangefahren wurden. „Wir haben ihnen dann erklärt, dass alle Baumschulen in der Region seit Jahrzehnten keine Bäume mehr kultivieren, die es für einen Mischwald braucht. Genau darin liegt ja das Problem“, sagt Enzo Enea.

Der Schweizer gilt als Star seiner Profession. Er baut nicht nur Gärten für solvente Privatkunden, darunter Unternehmer, Musiker, Filmproduzenten oder Hochadel. Zu seinen Kunden zählen Prinz Charles und Tina Turner, „Beatle“ George Harrison oder die Königin von Bahrain. Er realisiert ebenso Grünflächen für Hotels, Apartmenthäuser oder Bürogebäude, für die er mit Stararchitekten wie Rem Koolhaas, David Chipperfield, Zaha Hadid oder Bjarke Ingels kooperiert.

2006 hat er mit seinem Büro am Zürichsee eine Dependance in Miami eröffnet, 2016 eine weitere in New York. Inzwischen dirigiert Enea ein 200-köpfiges Team aus Landschaftsarchitekten, Garteningenieuren, Architekten und technischen Planern, die parallel an 150 Projekten in unterschiedlichen Klimazonen arbeiten. „Wir haben eine Spezialität: Wir können alte Bäume verschieben. Dazu haben wir eine Technik entwickelt, bei der wir einen Schnitt am Wurzelballen machen und dabei relativ nahe an den Stamm gehen“, erklärt Enea.

Mit dem Verfahren wird die für den Transport notwendige Masse an Erdreich und Wurzelmasse erheblich reduziert. Damit können auch große Bäume bewegt werden, die früher an logistische Grenzen gestoßen wären. Enea hat damit nicht nur die Grundlage für das „For Forest“ Projekt in Klagenfurt gelegt, wo rund 14 Meter hohe Bäume verwendet wurden. Er kann damit auch Bäume retten, die beispielsweise einem Bauprojekt im Wege stehen und bislang zumeist gefällt werden mussten.

Der Schweizer gilt als Star seiner Profession. (Foto: Enea GmbH)

Enzo Enea

Der Schweizer gilt als Star seiner Profession.

(Foto: Enea GmbH)

„Der Holzwert eines alten Baumes liegt bei nur 400 bis 500 Euro. Das ist fast nichts. Doch betrachtet man den Sauerstoffgehalt, braucht es 2000 Neubäume in einem Wert von 150.000 Euro, um einen hundertjährigen Baum zu ersetzen“, rechnet Enea vor.

Auch bei seinen Gärten steht der Baum stets im Mittelpunkt. Um die passenden Exemplare zu finden, arbeitet er mit einem „Tree-Scout“ zusammen. Der Spezialist sucht die Bäume in den Klimazonen der jeweiligen Projekte danach aus, ob ihre Proportionen sowohl mit der Gartengestaltung als auch mit der Architektur korrespondieren. Beides ist für Enea untrennbar verbunden.

Nach einer Ausbildung zum Industriedesigner studierte er Landschaftsarchitektur in London. 1993 übernahm er den väterlichen Steinmetz-Betrieb in Rapperswil–Jona am Zürichsee, wo Pflanzschalen und Balustraden gefertigt wurden. Dazu gründete er sein eigenes Büro für Garten- und Landschaftsarchitektur, mit dem er seitdem mehr als tausend Projekte umgesetzt hat.

Das Geheimnis eines guten Gartens? „Den Genius Loci zu lesen und den Garten so in die Architektur einzubinden, dass er für den Menschen funktioniert. Manche Leute wollen einen natürlicheren Garten mit mehr Gewürzen. Andere haben Kinder und wollen möglich viel Spielfläche haben. Es geht darum, diese Wünsche zu interpretieren und auf den Ort abzustimmen“, sagt Enea.

Enea wählte unter anderem Rotbuchen, Lärchen, Mehlbeeren, Weißbirken, Wildbirnen oder Blumen-Eschen. (Foto: Gerhard Maurer)

299 Bäume auf 7.200 Quadratmetern

Enea wählte unter anderem Rotbuchen, Lärchen, Mehlbeeren, Weißbirken, Wildbirnen oder Blumen-Eschen.

(Foto: Gerhard Maurer)

Damit das gelingt, wird vieles intern produziert. Steinschalen werden passgenau zu den Maßen der jeweiligen Pflanzen in seinen Werkstätten am Zürichsee gefertigt. Elektrotechniker kümmern sich um die perfekte Ausleuchtung der Gärten in der Nacht. „Das ist fast schon wie eine Theaterbeleuchtung oder ein riesiges Bühnenbild. Darauf muss man spezialisiert sein. Das kann ein normaler Lichtplaner für den Innenbereich nicht“, betont der Schweizer.

An seinem Bürostandort in Rapperswil–Jona unterhält er zudem eine eigene Baumschule. Dort lagert er Bäume zwischen, die für konkrete Projekte eingekauft wurden. Andere Pflanzen dienen als Notfall-Ersatz oder warten noch auf ihre künftige Bestimmung. „Es ist ein Paradies hier. Alle Vogelarten sind gekommen, seit wir hier sind. Dabei befinden wir uns im Industriegebiet“, sagt der Garten-Star beim Rundgang durch sein Reich.

Direkt neben der Baumschule hat er 2010 auf einer Fläche von 35.000 Quadratmeter ein eigenes Baummuseum angelegt. Den Anfang haben Exemplare gemacht, die normalerweise auf den Müll gewandet wären wie jener 150 Jahre alte Ahorn, der für die Erweiterung des Zürcher Kongresshauses weichen musste. Später kamen seltene Bäume hinzu wie 450 Jahre alte Lärchen, die in 2000 Metern Höhe in den Alpen wachsen. Auch Ur-Birnen und Ur-Kirschen, die biologischen Vorläufer heutiger Birnen- und Apfelbäume, sind Teil einer Sammlung von über tausend Pflanzen.

Wie eine Schule des Sehens

„Alle Bäume sind hier aus der Region. Es ist kein botanischer Garten, es ist kein Zoo. Darauf lege ich Wert“, sagt Enea. Auch bei seinen Projekten werden stets lokale Gewächse verwendet. Olivenbäume in Zürich anzupflanzen, käme für ihn nicht in Frage. Zwischen den Bäumen im Freilichtmuseum ragt ein historisches englisches und französisches Gewächshaus hervor, das Enea bei Sotheby’s ersteigert hat. Dazwischen reihen sich Skulpturen von Sylvie Fleury, Elmar Trenkwalder, Manolo Valdes, Martin Kippenberger, Jürgen Drescher, Olaf Nikolai. und anderen Künstlern.

Die Position der Werke ist keineswegs dem Zufall geschuldet. Sie sind auf bestimmte Sichtachsen ausgerichtet und in den Kontext der jeweiligen Planzen um sie herum eingebunden. „Einen Garten anzulegen, ist für mich wie ein Bild zu malen. Nur mit dem Unterscheid, dass alles in Bewegung ist. Der Betrachter bewegt sich durch dieses Bild hindurch wie ein Blatt, das auf einem Fluss entlang treibt“, beschreibt Enzo Enea seine Arbeit. Ein Garten müsse für ihn wie eine Schule des Sehens funktionieren: Er müsse dazu animieren, die Augen zu öffnen und die Natur auf sich wirken zu lassen. Genau dazu haben auch die Besucher in Klagenfurt in den kommenden acht Wochen Zeit.

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