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04.09.2018

13:48

In Muirfield ist „The Honourable Company of Edinburgh Golfers“ beheimatet, einer der weltältesten Clubs und Verfasser der ersten Golfregeln. R & A/Getty Images

Muirfield, Gullane/Schottland

In Muirfield ist „The Honourable Company of Edinburgh Golfers“ beheimatet, einer der weltältesten Clubs und Verfasser der ersten Golfregeln.

Links-Golf

Urwüchsige Plätze, „gute“ Gräser – warum Golf seine Ursprünge wiederentdeckt

Von: Michael F. Basche

Vorbei sind die Zeiten überwässerter und überdüngter Plätze: Der Ursprung auf den rauen schottischen „Links“ wird zum neuen Trend des Golfspiels.

DüsseldorfDa war dieser gelangweilte Schäfer in den kargen Dünenlandschaften Schottlands, der mit dem krummen Ende seines Hirtenstabs zum Zeitvertreib Steine in Karnickellöcher schlug. 800 Jahre ist das her, so will es die Mär vom Ursprung des Golfspiels wissen. Ein Märchen halt. Tatsächlich betrieben die frühen Niederländer bereits im späten 13. Jahrhundert ein „Spel metten Kolven“.

Im Kielwasser des Wollhandels kam „Gowf“ dann wohl über die Nordsee und geriet auf den Links vor trutzigen Küstenkäffern wie St. Andrews oder Muirfield zum Geländespaß. So steht „Links“ im britischen Sprachgebrauch als Synonym für Golfplatz, Links-Golf für die genuine Version von Golf. Und in gewisser Weise für den ökologischen Geist, der Einzug gehalten hat. Denn das Spiel erlebt eine Renaissance der Ursprünglichkeit – auf den sogenannten Links-Plätzen.

Eine Menge Legenden ranken also um die Entstehung von Golf. Doch den Schotten gebührt, es zu dem Spiel gemacht zu haben, das es heute ist: indem sie Flächen herrichteten, der Ausrüstung Handwerkskunst angedeihen ließen, Wettbewerbe ausschrieben, 1744 die 13 ersten Regeln schriftlich niederlegten. Seither ist Golf zu einer globalen Bewegung geworden, die auf über 33.000 Golfanlagen in 208 Ländern ausgeübt wird; zu einem Big Business, das Milliarden Dollar bewegt und Sport-Multimillionäre gebiert.

Allerhand seltsame Blüten hat das Spiel getrieben. Es gilt nicht zuletzt hierzulande als wenig sportives Treiben einer zumeist betuchten Klientel. Das allerdings lässt sich flugs widerlegen – etwa mit dem Hinweis auf die Komplexität und Häufigkeit des Golfschwungs während einer 18-Loch-Runde sowie den Kostenaufwand anderer, gesellschaftlich weitaus mehr akzeptierter Freizeitbeschäftigungen.

Eins vor allem aber ist Golf nicht mehr: ein Umweltschmarotzer, der Flächen frisst, Naturlandschaften verschandelt, kostbares Nass verplempert und mit Chemiekeulen Boden und Grundwasser kontaminiert. Im 21. Jahrhundert erinnern sich die Spieler an die Anfänge und Gegebenheiten, die den wortwörtlichen Boden des Spiels bereitet haben.

„Links“, definiert das Oxford Dictionary, „ist flacher oder gewellter Sandboden an der Küste, bewachsen mit Rasen oder grobem Gras“. Links, so wird vermutet, stammt vom altenglischen „hlinc“, was so viel bedeutet wie unfruchtbar, dürr. Linksland war nutzloses Land, im damaligen Schottland die Verbindung – „link“ – zwischen der See und den Humusböden, zwischen Wellenschlag und Stadtmauer. Links war Kaninchenland, allenfalls karge Weide für anspruchslose Schafe.

Solches Land liegt immer an der offenen See, an großen oder kleinen Buchten. Bretthart im Sommer, durch den Sandboden bestens entwässert in Niederschlagsphasen. Bewachsen mit Strandhafer und Schwingelgras, Heidekraut und Ginster. Linksland kann küstentypischen Baumbestand, muss aber keine Dünen haben. Hier ist Golf entstanden.

Die Spielflächen sind wie das Land, das sie trägt. Urwüchsig, ungekünstelt, spröde. Naturbelassen. Links-Golfplätze „sind ein Erbe, das bewahrt und erhalten werden muss“, schreibt der australische Autor David Worley in seinem empfehlenswerten Bildband „Journey Through the Links“. „Sie verkörpern die Geschichte dieses Spiels.“

150 bis 160 „echte“ gibt es noch, die meisten davon auf den britischen Inseln. Grandiose, ruhmreiche Spielwiesen, allen voran der Old Course in St. Andrews, die Alma Mater des Golfwesens: von der Natur geschaffen, vom Menschen nur verfeinert und seit jeher für Golfplatz-Designer Heiliger Gral und Blaupause gleichermaßen.

Ehemalige Industriebrachen

Dazu kommen 100 bis 120 Neuzugänge überall auf dem Globus, wunderschöne Anlagen, deren erfolgreiche Zukunft im Reiz der Vergangenheit liegt. Nicht selten entstehen sie auf Industriebrachen – das großartige Chambers Bay nahe Seattle im US-Bundesstaat Washington etwa ist in den Kessel einer ehemaligen Kiesgrube gepflanzt – oder auf Konversionsflächen wie der Golfclub Budersand im Süden von Sylt.

Sie alle sind gesuchte Raritäten, Sehnsuchtsorte für Puristen, Kleinode samt und sonders. Auch wegen des Naturschutzes oder der strengen Auflagen – und damit aktueller denn je. Vorbei sind die Zeiten, als auf Teufel komm raus gewässert und gedüngt wurde, um schmarotzende Gräser zu pimpen – Hauptsache, das Geläuf ist dickflorig und sattgrün. Moderne Golfplätze sind Refugien für Fauna und Flora, Rückzugsräume der Artenvielfalt.

Sogar in den USA, wo auf seelenlosen Anlagen aus der Retorte früher die Gewässer blau und der Belag noch grüner eingefärbt wurden, werden Plätze mit nachhaltigen Grassorten neu eingesät, die signifikant weniger Wasser benötigen. Weltweit fördern die Golf-Institutionen diese Entwicklung mit Handlungsempfehlungen, Anleitungen, Studien.

Der Deutsche Golf Verband (DGV) hat unter dem Titel „Golf und Natur“ seit gut zehn Jahren ein Umweltmanagementsystem für Golfanlagen aufgelegt, das sowohl Qualitäts- als auch Umweltaspekte beinhaltet. „Golf trägt zum Naturschutz bei, davon sind wir ganz fest überzeugt“, sagt DGV-Präsident Claus M. Kobold.

Die Golfer selbst haben ebenfalls begonnen umzudenken. Lange bestimmte das legendäre Turnier „The Masters“ in Augusta/Georgia den Blick aufs Golfplatz-Ideal, eine Art Internationale Gartenschau mit pünktlich zum Erblühen gebrachten Azaleen, ausgeklügelten Bewässerungssystemen, Rasenheizung, gepflegt durch eine Vielzahl hilfreicher Hände und, nicht zuletzt, auf feinem Areal, das über das ganze Jahr für diese eine besondere Woche weitgehend geschont wurde.

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Links-Land mit seinem genügsamen Bewuchs wie dem Schwingelgras Festuca indes braucht keine ausufernden Wasserbeigaben, seine Flora hat ihre Widerstandskraft schon lange vor Dünger und Pestiziden bewiesen.

Auf ökologisch sinnvoll gestalteten Parcours sind die Halme nicht immer grün, sondern manchmal gelb, gar bräunlich. Das liegt am natürlichen Verhalten „guter“ Gräser wie besagtem Festuca, die bei unwirtlichen Bedingungen, sei es Hitze, Trockenheit oder Kälte, schlichtweg Kraft sparen und eine Ruhepause einlegen, ohne dabei durch Dauerbewässerung vor dem Zugrundegehen gerettet werden zu müssen.

Der Düsseldorfer Landschaftsarchitekt und Golfplatz-Designer Christian Althaus konzipiert solche Kurse. Auf Föhr beispielsweise, wo die Bahnen des GC Föhr in ihrer kunstvoll arrangierten Urwüchsigkeit wirken, als seien sie aus der Geschichte des Spiels geformt. Links-Golf eben. „Heutzutage werden Golfanlagen zumeist in ,ausgeräumten‘ Landschaften genehmigt, auf ehemals landwirtschaftlichen Flächen beispielsweise. Hier gilt es, die Natur zurückzubringen, wieder Naturraum zu entwickeln“, erläutert Althaus.

Ohnehin geht der Trend zur bioaktiven Golfplatz-Pflege, bei der die Experten so exotisch anmutende Hilfsmittel wie fermentierte Algen oder kompostierten Waldbodenbelag einsetzen. Und apropos Wasser: Nach der Devise „Jeder Tropfen zählt“ ermöglichen computergesteuerte, auf meteorologische Prognosen gestützte Bewässerungssysteme den präzise gezielten Einsatz von Sprinklern.

Aus dem Boden und zurück

Wie sich das in Zahlen auswirkt, verdeutlicht Jordan Tschimperle, der als Course Manager bei Winston-Golf nahe Schwerin die Verantwortung für drei Top-Plätze trägt: „Unser Wasseraufwand liegt bei allenfalls rund 90 Litern pro Quadratmeter im Jahr.“ Außerdem: „Das Wasser kommt aus eigens gebohrten Brunnen. Wir holen es aus dem Boden, und es geht in den Boden zurück.“

In Deutschland belegen die 731 registrierten Golfanlagen eine Fläche von rund 48.000 Hektar. Ihre Grasnarbe und Vegetation reduzieren die Erosion des Bodens auf weniger als ein Prozent, binden jährlich ca. 500.000 Tonnen Staub und produzieren statistisch gesehen pro 18-Loch-Platz Sauerstoff für bis zu 7.000 Menschen. Damit trägt Golf dazu bei, die ökologische Bilanz zu verbessern.

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