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12.06.2019

10:05

Ostsee-Tourismus

Warum Hiddensee ein Geheimtipp für Urlaubs-Individualisten ist

Von: Michael F. Basche

Seit weit mehr als 100 Jahren trotzt Hiddensee in der Ostsee den Wucherungen des modernen Tourismus. Das macht die Insel für Urlauber aktueller denn je.

Die Insel war einst eine Nische für Andersdenkende und ist heute ein Arkadien für Individualisten. imago/Hans Blossey

Hiddensee

Die Insel war einst eine Nische für Andersdenkende und ist heute ein Arkadien für Individualisten.

HiddenseeEin wahrhafter Robinson ist dieser „Kruso“, er improvisiert, organisiert, dirigiert und hat auf „seiner“ Insel alles im Griff: „Das ist Hiddensee, Ed, verstehst du, hidden – versteckt?“ Lutz Seilers preisgekrönter Roman spielt nicht nur auf dem Ostsee-Eiland; er nährt sich förmlich von der kleinen Insel westlich vor Rügen, die einst eine Nische für Andersdenkende war und heute ein Arkadien für Individualisten ist.

„Kruso“ erschien 2014, Seiler schildert darin das Milieu der Saisonarbeiter auf Hiddensee, 1989, in den letzten Tagen der DDR. Meist waren es Intellektuelle und Aussteiger, die sich als Hotel- und Restauranthelfer oder Rettungsschwimmer in dieser DDR-Exklave weniger eingeengt wähnten, von der Staatsmacht gleichwohl beargwöhnt und von bewaffneten Militärstreifen gegen das verführerisch nahe Dänemark abgeschottet.

Ansonsten aber ließ Ostberlin die „Emigranten“ auf dem überschaubaren Flecken gewähren. Hiddensee war ein „Sehnsuchtsort der Freiheit“, schreibt Seiler, eine Insel „außerhalb der Zeit“.

Rund 100 Jahre vor „Kruso“ flehte schon Hiddensees berühmtester „Saisonarbeiter“ Gerhart Hauptmann, die Insel sei „eins der lieblichsten Eilande, nur stille, stille, daß es nicht etwa ein Weltbad werde!“. Der Schriftsteller und Dramatiker hatte Hiddensee zu seinem Refugium erkoren, kam ab 1885 jeden Sommer, verbrachte Wochen, später Monate auf der Insel.

1929/30 kaufte er das Haus „Seedorn“ im Ort Kloster, baute um und an, schrieb viele seiner Werke in dem neuen riesigen Arbeitszimmer. Wiewohl in Schlesien geboren und gestorben, fand der Schriftsteller auf dem Inselfriedhof seine letzte Ruhestatt. „Seedorn“ ist seither ein Museum, ihm gewidmet, samt Veranstaltungsprogramm.

Schickimicki sucht der Urlauber hier vergebens. Stattdessen findet er eine sehenswerte Seebühne. action press

Vitte

Schickimicki sucht der Urlauber hier vergebens. Stattdessen findet er eine sehenswerte Seebühne.

Hauptmanns Bitte wurde ebenfalls erhört. Bis zur Stunde trotzt Hiddensee allen Wucherungen des Fremdenverkehrs und ist damit ein Anachronismus der touristischen Moderne. Schickimicki sucht der Urlauber in den vier Inselorten Kloster, Grieben, Vitte und dem denkmalgeschützten Neuendorf vergebens, ebenso Shoppingboulevards, Amüsiertempel oder andere Aufgeregtheiten.

Selbst die Strandpromenade verdient den Namen kaum, Spaziergänger und Radler teilen sich ein schmales, oft buckliges und sandverwehtes Asphaltband, zudem ist man stets im Wind. Der Blick freilich entschädigt für alles: Auf einer Seite ist das Wasser, auf der anderen sind Sanddorn, Hagebutten und Häuser mit Meerblick. Darüber scheint regelmäßig mehr als 2.000 Stunden pro Jahr die Sonne.

Und wenn neben dem Hauptmann-Museum zum Beispiel die wirklich erlebenswerte Seebühne in Vitte als Must-see gepriesen wird, wo der Schau- und Puppenspieler Karl Huck in einem zauberhaften maritimen Kammertheater mit handgefertigten Marionetten Goethe, Moby Dick oder aktuell Robinson Crusoe inszeniert, dann sagt das alles über klug vermiedene sogenannte Segnungen des Freizeitbetriebs.

Die schmale Insel ist autofrei

So lässt Hiddensee die Reisenden, die mit den Fähren aus Schaprode auf Rügen oder aus Stralsund kommen – rund 50.000 jährlich – charmant und stoisch über sich ergehen. Im Wortsinn. Die schmale Insel ist autofrei. Der öffentliche Personennahverkehr gestaltet sich mittels Fahrrädern und Pferdedroschken, nur die Polizei, der Doktor und ausgewählte Handwerker dürfen Gas geben, teils per Elektroantrieb.

All das macht die rund 19 Quadratkilometer innerhalb des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft noch heute zu dem, was Hiddensee irgendwie immer war, seit der exzentrische Schauspieler Alexander Ettenburg um 1900 die Insel mit seiner „Bergwald-Kolonie“ auf dem Dornbusch in den Fokus der Kreativen rückte: eine Haltung. 1308 durch eine gewaltige Sturmflut von Rügen gekappt, hat sich die Insel gleichsam von den Zeitläuften distanziert. Sie ist aktueller denn je, da Entschleunigung und Reflexion so in Mode sind.

„Wer hier war", heißt es in „Kruso“, „hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten.“ Was politisch-gesellschaftlich gemeint und auf die DDR bezogen ist, wirkt gleichermaßen mental und emotional. Hiddensee hat einen schwierig zu beschreibenden Nimbus. Es scheint, als verschiebt sich leicht die Welt, beim Blick vom Fährenbug auf die Küstenlinie. Um eine Nanosekunde vielleicht nur. So wie bei Harry Potter der Bahnsteig Neundreiviertel auf ein Parallelgleis zur Realität führt.

Franz Kafka, Bert Brecht, Albert Einstein oder Sigmund Freud – alle schätzten das ruhige Inselleben auf Hiddensee. EyeEm/Getty Images

Sonnenuntergang über dem Meer

Franz Kafka, Bert Brecht, Albert Einstein oder Sigmund Freud – alle schätzten das ruhige Inselleben auf Hiddensee.

Hiddensees Aura lässt die Zeit anders ticken, das Licht anders leuchten, die Gedanken anders schweifen. Gerhart Hauptmann notierte einst: „Sein Zauber verjüngt mich jedesmal, wenn meine Sohle seinen geliebten Boden berührt.“

Der Literatur-Nobelpreisträger von 1912 war indes nur der Erste unter allen, denen „dat söte Länneken“, „das süße Ländchen“, wie die Insulaner ihre Heimat nennen, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zur Muse wurde. Die Namen sind nahezu Legion: Thomas Mann ließ sich für den „Zauberberg“ inspirieren, Hans Fallada schrieb 1933 auf Hiddensee „Kleiner Mann, was nun?“.

Carl Zuckmayer und Joachim Ringelnatz besuchten Stummfilmstar Asta Nielsen in ihrem Haus „Karusel“ zu Vitte. Von der Dänin ist dieser Satz überliefert: „Nirgends ist man so jung, so froh und so frei wie auf dieser schönen Insel.“ Auch die Dresdner Tanzpädagogin Gret Palucca residierte auf Hiddensee.

Franz Kafka, Bert Brecht, Rainer Maria Rilke, Lion Feuchtwanger oder Erich Kästner waren ebenso da wie Albert Einstein und Sigmund Freud oder die Berliner Theater-„Mischpoke“ um Max Reinhardt, Heinrich George und Gustav Gründgens. Der Berliner Maler Oskar Kruse baute die Jugendstil-Villa „Lietzenburg“ und machte daraus einen Treffpunkt für Kollegen wie Ernst Barlach. In Vitte initiierte die Malerin Henni Lehmann eine der zahlreichen Künstlerkolonien.

Alle waren sie fasziniert von der Landschaft und schätzten das ruhige Leben. Profane Kurzweil, damals Tennis oder Tanztee, gab‘s schon zu jener Zeit auf Hiddensee nicht. Stattdessen Soireen, Gesprächskreise und literarische wie musikalische Abende. Nicht von ungefähr nannte Hauptmann seinen Zufluchtsort die „geistigste aller deutschen Inseln“.

Der 1888 in Betrieb genommene Leuchtturm auf dem Dornbusch ist das Wahrzeichen Hiddensees.  Imago/Westend61

Leuchtturm Dornbusch

Der 1888 in Betrieb genommene Leuchtturm auf dem Dornbusch ist das Wahrzeichen Hiddensees. 

Gefühlt ist wirklich alles schon geschrieben worden, über Hiddensee, das sich mittlerweile als „Die Wohlfühl- und Kulturinsel“ bewirbt. Über seinen puderfeinen Sandstrand an der offenen Ostsee, mehr als zehn Kilometer lang, und den ruppigen Dornbusch – nomen est omen –, der im Norden zu einer Steilküste von 72 Metern Höhe anwächst und Hiddensees Wahrzeichen trägt, den 28 Meter oder 102 Stufen hohen Leuchtturm auf dem Schluckswiek.

Über die Dünenheide zwischen Vitte und Neuendorf, das letzte große Stück Küstenheide an der deutschen Ostsee, überzogen mit Heidekraut und knorrigen Kiefern. Über das Vogelschutzgebiet Gellen im Süden, zumeist sandiges Schwemmland und nicht zugänglich. Nicht zuletzt über die jüngere deutsche Vergangenheit als Urlaubsparadies handverlesener, linientreuer und dennoch bewachter DDR-Bürger, die einen der wenigen Logisplätze ergattern durften, der nicht dem Feriendienst der Staatsgewerkschaft FDGB vorbehalten war.

Hiddensee versteht freilich nur, wer es erlebt. „Die Insel ist das Versteck, die Insel ist der Ort, wo sie zu sich kommen, wo man zurückkehrt in sich selbst, das heißt zur Natur, zur Stimme des Herzens, wie Rousseau es sagt“, lässt Autor Lutz Seiler seinen Protagonisten Alexander „Kruso“ Krusowitsch jubilieren: „Niemand muss fliehen, niemand muss ertrinken. Die Insel ist die Erfahrung.“

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