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16.11.2019

13:10

Rath checkt ein: Phum Baitang, Siam Reap

Luxusurlaub in Kambodscha: Das andere Südostasien

Von: Carsten K. Rath

Vom UNESCO-Weltkulturerbe Angkor Wat hat jeder schon gehört. Doch Kambodscha hat viel mehr zu bieten – etwa Luxus Resorts wie das Phum Baitang.

Das Resort erinnert weniger an ein klassisches Hotel als an eine luxuriöse Safari Lodge. Phum Baitang

Blick auf das Phum Baitang

Das Resort erinnert weniger an ein klassisches Hotel als an eine luxuriöse Safari Lodge.

Siam Reap Thailand? Der Klassiker. Vietnam? Gute Alternative. Singapur? Wenn’s urban und ein bisschen mehr sein darf. Südostasien ist, gerade für uns Deutsche, touristisch längst ein alter Hut. Aber Kambodscha? Angkor Wat, Rote Khmer, da war doch was. Waren die Franzosen nicht auch da? Genau. Und nicht nur die. Es gibt viele Gründe, nach Kambodscha zu reisen, und die reiche Geschichte ist nur einer davon.

Versierte Backpacker und versierte Strandfans wissen das schon länger. Doch Reisende mit gewissen Ansprüchen haben das 16-Millionen-Einwohner-Land, das zwischen Thailand und Vietnam eingeklemmt ist wie eine Perle zwischen Austernschalen, in der Regel noch nicht wirklich auf dem Schirm.

Ein Grund dafür mag die Sorge sein, dass es in einem Reiseziel, das lange Zeit so unter dem Radar geflogen ist, an guten Hotels und Resorts mangeln könnte. Deshalb habe ich mich auf den Weg nach Kambodscha gemacht – ohne Rucksack, und ohne meine Ansprüche herunterzuschrauben: Von meinen Lieblingshäusern etwa in Bangkok und Singapur bin ich äußerst verwöhnt, was die südostasiatische Luxushotellerie betrifft.

Umso gespannter bin ich, wie sich das Phum Baitang in Siam Reap, direkt oberhalb des Tonle Sees im Nordwesten des Landes gelegen, als Alternative für Südostasien- und Kulturfans schlagen wird. Die Anlage ist nicht zuletzt ein guter Ausgangspunkt für die Erkundung von Angkor Wat. Die Straße, die aus dem Zentrum von Siam Reap zur berühmten Ruine führt, heißt übrigens Charles de Gaulle. Südostasien und Paris in einem? Hoffentlich geht meine Erwartungshaltung nicht mit mir durch.

Auszeit von der Zivilisation

Auf den ersten Blick könnte der Unterschied zwischen meinem Domizil in Siam Reap und Paris oder Bangkok nicht größer sein. Das Phum Baitang ist kein Resort im eigentlichen Sinne, aber schon gar nicht ist es ein Hotel im eigentlichen Sinne. Eher schon erinnert es an eine besonders luxuriöse Safari Lodge in Südafrika – nur inmitten üppiger, tropischer Vegetation und Reisfeldern im typisch südostasiatischen, feuchtheißen Klima. Siam Reap mit seinen etwa 175.000 Einwohnern und seiner flachen, sehr provinziellen Silhouette ist ja auch keineswegs das, was wir uns unter einer Metropole vorstellen.

Der Auftakt ist beeindruckend: Die Ankunft fühlt sich an wie die Einfahrt in mein eigenes, üppiges koloniales Anwesen. Schon am Tor wird man mit beinahe militärischer Grandezza von den Pförtnern begrüßt. Damit ist man nicht etwa angekommen – die Fahrt durch die Gartenlandschaft bis zur Rezeption dauert noch einmal ein paar Minuten.

Dann plötzlich erstreckt sich zwischen all dem Grün eine Art Dorf. Es sieht aus wie der wahrgewordene Tagtraum eines gestressten Milliardärs, der der Zivilisation entfliehen wollte. Auf Stelzen erhebt sich das Haupthaus mit der Lobby über das schwimmende Reisfeld, in dem das Ensemble errichtet wurde, umgeben von weiteren öffentlichen Einrichtungen wie Restaurants und Spa. In einiger Entfernung von den Gemeinschaftsanlagen befinden sich, abgeschirmt von tropischer Vegetation, die 45 Gäste-Villen – 25 davon mit privater Terrasse, 20 zusätzlich mit eigenem Pool.

Das Phum Baitang ist ein Luxus-Dorf, das den ursprünglichen Dörfern Kambodschas nachempfunden wurde, nur ungleich luxuriöser. Es ist mehr als ein Hotel und mehr als ein Resort. Es ist ein Fünf-Sterne-Abenteuer – einer der letzten Außenposten wahrer Exotik.

Raum – der wahre Luxus

Alle Gästevillen sind im regionaltypischen Hüttenstil errichtet, doch schon von außen lässt sich erahnen: Zwischen all dem Holz und Schilf geht es luxuriös zu.

Mein eigenes kleines Reich ist nicht klein, aber dafür ein Reich. Der Spagat zwischen rustikaler Authentizität und edlem Wohnkomfort ist auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig, aber gelungen. Wer noch nie auf Safari war und gewöhnt ist, für mindestens 300 Euro pro Nacht tendenziell beengt zwischen Designer-Möbeln und von streng dreinblickenden Conierges bewacht zu kampieren, mag auf den ersten Blick irritiert sein. Doch wer offen ist für eine andere Art von Luxus, wird schnell erkennen, dass der Preis mehr als angemessen ist.

Raum, jeder Enthusiast weiß das, ist in der Hotellerie der größte Luxus von allen. Und in meiner Villa, wie auch auf dem ganzen Gelände, habe ich Platz bis zum Abwinken: 85 Quadratmeter misst der Wohnbereich allein innerhalb meiner vier Wände. Meine eigene großzügige Veranda mit urgemütlichen Sitzmöbeln lädt ein, die Welt zu vergessen. Im privaten Pool vergesse ich, dass drinnen mein Smartphone summt. Die Möbel sind von einer Solidität, die ihresgleichen sucht. An den Wänden hängen rituelle Instrumente.

Gelungener Spagat zwischen rustikaler Authentizität und edlem Wohnkomfort. Phum Baitang

Gästevilla im regionaltypischen Hüttenstil

Gelungener Spagat zwischen rustikaler Authentizität und edlem Wohnkomfort.

Die Villen sind ideal nach der Sonne ausgerichtet, und die Sonnenblenden filtern majestätisch gestreiftes Licht herein. Das Highlight ist das Bad mit der großen zentralen Wanne, die aussieht, als wäre sie mit grobem Meißel direkt aus der heiligen Erde des Umlands gehoben worden und unter das riesige Dekorfenster geschwebt.

Im Phum Baitang gibt die Natur das Konzept vor – es gibt keinen besseren Architekten. Hier will man nicht „übernachten“, hier will man die Zeit vergessen. Industrialisierung, Digitalisierung, war da was?

Auch der Spa ist Weltklasse. Er besteht aus sieben einzelnen kleinen Hütten entlang des zentralen Pools, in denen die Gäste sich solo oder als Paar mit exotischen Anwendungen verwöhnen lassen können. Auch der Fitnessraum ist vom Feinsten.

Was mich allerdings ein wenig irritiert, ist der Mangel an Aktivitäten innerhalb der Anlage. Warum wird morgens kein Yoga angeboten? Warum keine Läufe durch die spektakuläre Landschaft? Warum keine Führungen durch die lokale Flora und Fauna mit ihren Wasserbüffeln und ihrer Blütenpracht? Warum kein regionaltypisches Abendprogramm? Der Zusatznutzen für die Gäste wäre enorm. Schließlich verbringen Luxusreisende im Gegensatz zu Backpackern oft mehr Zeit im Hotel.

Exzellenz ist, wo Service Chefsache ist

Die Gasterfahrung im Phum Baitang ist das, was man als „nahtlos“ bezeichnen könnte. Ich komme abends an. An der Rezeption werde ich von zwei Herren – leider in kitschiger, quasi-militärischer Uniform samt Tropenhelm – begrüßt, die gefühlt und tatsächlich nur auf mich gewartet haben. Ohne irgendwelche bürokratischen Zeremonien überreichen sie mir den Schlüssel zu meiner Villa – und das war’s! Keine nächtliche Papierschlacht, keine lustlose Einweisung in die Hausregeln, nur Lächeln.

Hier nimmt man das Prinzip Gastorientierung ernst. Carsten K. Rath

Mitarbeiter des Phum Baitang

Hier nimmt man das Prinzip Gastorientierung ernst.

Vor der Tür wartet der Fahrer mit dem Golfwagen, der mich hergebracht hat, und fährt mich zu meiner Villa. Dort angekommen bitte ich ihn, zwei Minuten zu warten, denn ich möchte nur mein Gepäck abstellen und zurück zum Haupthaus. „Bitte, Sir, lassen Sie sich Zeit“, gibt er gelassen zurück. „Ich bin die ganze Nacht für Sie da.“ Dass die Mitarbeiter allesamt Englisch sprechen und man nie nach einem hilfsbereiten Geist suchen muss, wenn man ihn braucht, ist auch an weniger entlegenen Orten auf der Erde übrigens keineswegs immer selbstverständlich.

Diese Haltung prägt meinen gesamten, viel zu kurzen Aufenthalt: Ja, der verwöhnte Kenner der südostasiatischen Luxushotellerie kommt auch in Kambodscha voll auf seine Kosten. Provinziell ist hier höchstens die Stadtplanung – was den Wohlfühl-Effekt eher noch verstärkt.

Hotels, die das Prinzip Gastorientierung ernst nehmen, zeichnen sich vor allem durch die Liebe zum Detail aus – so auch das Phum Baitang. Ein Beispiel dafür ist die eigenproduzierte Frühstückszeitung „Phum Baitang Post“, die über Attraktionen auch jenseits von Siam Reap informiert.

Ein anderes ist die charmante Inszenierung, die ich am nächsten Abend vorfinde, als ich spät von meinen Erkundungen zurückkehre: Das Teelicht auf der Terrasse vor meiner Villa brennt bereits und taucht mein Domizil in ein märchenhaftes Ambiente. Daneben stehen eine eisgekühlte Flasche Champagner und ein Tablett mit Petit Fours, beides taufrisch – der Golfwagen mit dem Willkommenssnack muss quasi auf Kommando losgerast sein, als ich das Haupttor passiert habe.

Eine Szene am Morgen bestätigt meine Vermutung, dass Service dieser Qualität immer von der Führung ausgeht. Nach einem geradezu meditativen Spaziergang durch das Reisfeld erreiche ich über einen Steg in freudiger Erwartung des Frühstücks das Haupthaus.

Dort erwartet mich der Hotelmanager persönlich – mit einem Teetablett in der Hand. „Guten Morgen, Herr Rath. Ich habe mir die Freiheit genommen, Ihren grünen Tee für Sie vorzubereiten: zweieinhalb Minuten gezogen, genau wie Sie ihn mögen.“ Keine Frage, die Kommunikation funktioniert: Es ist erst die zweite Tasse Tee, die ich hier trinke. Exzellenten Service gibt es dort, wo die Führung ihn vorlebt.

Butter-Bonbons und kulinarischer Amok

Das Frühstück hat im Phum Baitang zwei Säulen: Zum einen gibt es ein kleines Standard-Büffet mit frischem Obst, Croissants und Aufschnitt für den kleinen Hunger. Zum zweiten wird Frühstück à la carte serviert – eine Lösung, die mir im Vergleich zu einem chaotischen, schwer überschaubaren und letztlich doch nie vollständigen Büffet absolut sympathisch ist. Vor allem dann, wenn die dadurch eingesparten Ressourcen genutzt werden, um regionale Bezüge ins Angebot einzubauen, und das ist im Phum Baitang der Fall.

Mein morgendliches Highlight, so kurios sich das anhören mag, ist die Butter. Ich reise seit über 25 Jahren um die Welt. Überall habe ich Butter serviert bekommen, und überall habe ich mich geärgert: Mal liegt sie auf dem Büffet auf Eis und ist zu hart, mal bekommt man einen riesigen Klumpen, als wäre man in einer Bauernstube zu Gast, manchmal ist sie in unpraktische Formen ausgestochen, die kein Mensch braucht. Hier bekomme ich zum ersten Mal eine auf intelligente Art und Weise verpackte, perfekt temperierte Butter serviert: eingewickelt in ein Stück Wachspapier wie ein Bonbon gleitet sie einfach auf mein Brot, ohne dass ich mir fettige Finger hole. Sensationell!

Kambodschanischen Aromen und regional bezogene Zutaten. Phum Baitang

Restaurant Bay Phsar

Kambodschanischen Aromen und regional bezogene Zutaten.

Auch mittags und abends lässt es sich mit internationalem Anspruch und lokalem Bezug hervorragend speisen. Das Phum Baitang verfügt gleich über zwei sehr gute Restaurants: Im Bay Phsar wird vor allem leichte Bistro-Küche mit kambodschanischen Aromen und regional bezogenen Zutaten serviert – der Reis stammt von den Feldern direkt vor den Toren der Hotelanlage. Im formelleren Hang Bay gibt es internationale Fusion-Küche mit Meeresfrüchten und Steaks von hoher Qualität.

Falls Sie sich fragen, was man in Kambodscha so isst: Eines der Nationalgerichte heißt „Amok“. Wirklich. Keine Sorge, der Name verweist nicht auf den Schärfegrad: Im Vergleich zu anderen südostasiatischen Küchen wird in Kambodscha vergleichsweise mild gewürzt. Amok etwa ist ein Kokosmilch-Curry in unterschiedlichen Variationen mit Fisch, Fleisch oder Meeresfrüchten, das in Bananenblattkörbchen gedämpft wird. Auch für ihre Vielzahl an Suppen („Sup“) ist die kambodschanische Küche bekannt.

Bezahlt wird im Hotel und in ganz Kambodscha übrigens bevorzugt in Dollar, obwohl es mit dem Riel eine lokale Währung gibt. Das hat sich so eingebürgert, erklärt man mir in der Wechselstube. Vielleicht ist auch das ein Zeichen, dass man sich in Kambodscha auf einen wachsenden Tourismus-Sektor als Einnahmequelle eingestellt hat.

Eines führt mir mein Aufenthalt jedenfalls eindrucksvoll vor Augen: Kambodscha im Allgemeinen und das Phum Baitang im Besonderen haben auch Südostasien-Kennern eine äußerst reizvolle, zusätzliche Facette von Exotik zu bieten, die man anderswo inzwischen vergeblich sucht.

Fazit: Paradies für Exotik-Fans mit Anspruch

Noch vor wenigen Jahren titelten Reisejournalisten, Kambodscha sei „wie Thailand vor 30 Jahren“. Bezogen auf die Infrastruktur mag noch einiges zu tun sein – und zweifellos wird die atemberaubende, noch immer sehr ursprüngliche Kultur des Landes teilweise darunter leiden.

Was die Hotellerie betrifft, haben auch verwöhnte Reisende allerdings Grund zur Vorfreude: Das Phum Baitang, nur zehn Minuten von Angkor Wat entfernt, ist ein exzellentes Retreat. Weltklasse ist es (noch) nicht, obwohl die Substanz es allemal hergeben würde. Die Anlage ist ein Traum, die Ausstattung fantastisch, der Service hervorragend. Doch zur absoluten Spitzenklasse fehlt der kreative Drang, immer mehr zu bieten als andere – zum Beispiel, indem man alles aus den regionalen Gegebenheiten herausholt.

Mehr Kommunikation, mehr Interaktion, mehr Aktivitäten würden dem Konzept gut zu Gesicht stehen. Doch das ist ein verschmerzbarer Wermutstropfen in einem ansonsten äußerst wohlschmeckenden Tropen-Cocktail – denn daran lässt sich arbeiten.

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