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28.09.2018

08:59

Hier werden die Spieler aus Europa und den USA mit Schlachtgesängen losgeschickt. Getty

Tribünengebirge am ersten Abschlag

Hier werden die Spieler aus Europa und den USA mit Schlachtgesängen losgeschickt.

Ryder Cup 2018

Golf goes Südkurve – warum beim Ryder Cup alles anders ist

Von: Michael F. Basche

Nahe Paris steigt die 42. Auflage des spektakulären Kontinentalduells – und auf den Tribünen geht es wieder zu wie bei Schalke gegen Dortmund.

DüsseldorfDas Objekt der Begierde ist bloß 43 Zentimeter hoch und 1,8 Kilogramm schwer, mit 22,8 Zentimetern Spannweite. Ein sakral anmutendes „Pokalchen“ statt der sonst üblichen eimergroßen Trophäen. Aber beim Ryder Cup, dem legendären Teamwettbewerb zwischen Europa und den USA, von immensem Hype geprägt, von enormem Spektakel begleitet und vom Nimbus aus Geschichte und Geschichten getragen, ist sowieso alles anders als sonst im Golfzirkus.

Der Ryder Cup verkörpert wohl tatsächlich so etwas wie den Heiligen Gral des Golfsports. Hüben und drüben des Atlantiks versammelt der jeweilige Kapitän seit 1927 alle zwei Jahre zwölf verdiente Recken und zieht aufs Grün, wie weiland König Artus mit seiner Tafelrunde. Die sportliche Walstatt dieser 42. Ryder Cup Matches ist ab dem heutigen Freitag das französische Golfresort Le Golf National in Guyancourt nahe Paris. Damit steigt das Kontinentalduell diesseits zum zweiten Mal nach Valderrama (Spanien) 1997 auf dem europäischen Festland statt in Großbritannien.

Es gibt keine Preisgelder oder Prämien. Die Professionals treten für ihre Fahne an und konkurrieren um den Ruhm. Drei Tage lang wird Matchplay über 18 Loch gespielt, Schlag um Schlag, Ball um Ball, Loch um Loch. Erst mit Zweierteams, die von den Kapitänen aus ihrem jeweiligen Personalkontingent zusammengestellt werden und gegeneinander antreten; insgesamt vier Durchgänge mit je vier Paaren.

Dann, am Schlusssonntag, Mann gegen Mann, alle Mann. Summa summarum 28 Partien. Es zählen pro Duell, ob im Duett oder als Einzel, nur die gewonnenen beziehungsweise verlorenen Bahnen, nicht die absolvierten Schläge. Wer zuerst mehr Löcher für sich entschieden hat, als auf der Runde noch anstehen, der gewinnt das Match. Unentschieden bringt jedem Duo einen halben Punkt. Wer 14,5 Matches gewonnen hat, dem gehört der Ryder Cup. Bei Remis (14:14) nimmt der Titelverteidiger den goldenen Henkelmann wieder mit.

Pünktlich zu „Golfs Biggest Showdown“, wie der US-Branchendienst Global Golf Post das kontinentale Kräftemessen nennt, werden aus millionenschweren Golf-Einzelkämpfern idealerweise Teamplayer, von der Bedeutung des Anlasses übermannt, im Korpsgeist vereint. „Gemeinsam sind wir stark“ und so weiter. Der Ryder Cup ist halt ein Ehrenhändel ums Renommee, da kochen die Gefühlswelten schon mal hoch, nein, über.

Die Rückkehr von Tiger Woods feierten die US-Medien als größtes Golf-Comeback aller Zeiten. Getty

Auferstanden

Die Rückkehr von Tiger Woods feierten die US-Medien als größtes Golf-Comeback aller Zeiten.

Selbst abgebrühte Profis kehren im Eifer des Gefechts ihr Innerstes nach außen. „Ich sehne mich nach dem Adrenalinrausch, nach der Atmosphäre in der Mannschaft, der Aufregung und der Nervenbelastung. Das macht süchtig, ich liebe den Ryder Cup“, sagt Ian Poulter. Der 42-jährige Engländer gilt mit seinen Temperamentsausbrüchen als „Treibstoff für den Motor des europäischen Teams“, notierte das US-Magazin Golf Digest mal.

Poulters „Alter Ego“ in US-Farben ist Patrick „Captain America“ Reed (28), der sich vor zwei Jahren mit Europas Rory McIlroy (Nordirland/29) einen Schlagabtausch lieferte, so elektrisierend wie eine Hochspannungsleitung. Die Kombattanten brüllten bei Lochgewinnen entfesselt ihre Emotionen heraus, ballten mit verzerrten Mienen die Fäuste; kurz: Sie gebärdeten sich „wie Psychopathen“, befand der Nachrichtensender CNN. Poulter: „Der Ryder Cup erzeugt ein Gefühl in Dir, das Du bei einem normalen Turnier nie erleben wirst.“

Golf goes Südkurve

Auf den Tribünen und am Rande der Spielbahnen geht‘s derweil zu wie beim Fußball-Revierderby Dortmund gegen Schalke. Frenetisch. Fanatisch. Golf goes Südkurve. Bis zu 65.000 Zuschauer werden an jedem der drei Spieltage auf Le Golf National erwartet. Vor zwei Jahren in Hazeltine/Minnesota bevölkerten insgesamt rund 250.000 Besucher die Anlage. Allein das Tribünengebirge am ersten Abschlag des Albatros-Kurses hat 6.500 Sitzplätze. Dort schon erlebt die Fankultur ihren Siedepunkt, wenn die Golf-Gladiatoren mit Schlachtgesängen losgeschickt werden.

Bei all dem Ballyhoo werden Motivation und gesunder sportlicher Ehrgeiz schon mal mit kontinentaler Rivalität verunstaltet. Besonders in den USA steht beim Prestigeduell der neuen gegen die alte Welt regelmäßig das nationale Wohl zur Disposition. 1991 verstiegen sich die amerikanischen Medien gar zur Kriegserklärung und riefen für Kiawah Island/South Carolina den „War on Shore“ aus.

1999 kochte in Brookline/Massachusetts der emotionale Topf solchermaßen über, dass die aufgeputschten Spieler und Zuschauer bereits siegestrunken übers Grün trampelten, obwohl Europa hätte ausgleichen können. In Hazeltine schließlich übten sich die US-Fans in derart unflätigen Beleidigungen, dass ein Rory McIlroy beispielsweise fast handgreiflich wurde.

Gefertig für 127 Guineas

Da blieb nicht mehr viel übrig von der hehren Idee des Wettbewerbsstifters Samuel Ryder, ein Brite, der es in den 1890er-Jahren mit dem Postversand von Pflanzensamen in Tütchen zu erklecklichem Wohlstand gebracht hatte. Der spät berufene Golfer war überzeugt, dass sein Turnier „zu einer herzlichen, freundlichen und friedlichen Atmosphäre in der zivilisierten Welt“ beitragen werde, als er den filigranen Goldpokal spendete – gefertigt übrigens für 100 Guineas, das wären heute 127 Euro.

Ein sakral anmutendes „Pokalchen“ statt der sonst üblichen eimergroßen Trophäen. Getty

Objekt der Begierde

Ein sakral anmutendes „Pokalchen“ statt der sonst üblichen eimergroßen Trophäen.

Also schipperte 1927 die damals rein britische Equipe zum ersten Ryder-Cup-Duell Richtung Amerika – und ließ den Pott nach einer Pleite in Worcester/Massachusetts direkt als Gastgeschenk da.

Das sollte sich in der Folge kaum ändern: Der Ryder Cup wird zwar abwechselnd auf beiden Kontinenten ausgetragen, während der ersten 50 Jahre jedoch gewannen vor allem die Amerikaner. Es drohte die Bedeutungslosigkeit des Einseitigen. 1973 durften daher die Iren mit ran, was wenig half. 1979 holte sich das Golf-Mutterland in seiner Not die Kontinentaleuropäer zur Verstärkung, fortan lief‘s: Seit 1985 hat „Team Europe“ von 16 Wettbewerben nur fünf abgegeben, nach 1993 überdies kein Heimspiel mehr verloren.

Die Gäste aus Übersee freilich kommen dank ihres Triumphs in Hazeltine nicht nur als Titelverteidiger, sondern zudem als haushoher Favorit. Kapitän Jim Furyk hat in seinem Dutzend elf Mann aus den Top 20 der Weltrangliste, die Amerikaner bringen es zusammen auf 31 Majortitel. Und sie haben Tiger Woods.

Der Superstar (42) ist am vergangenen Sonntag mit dem Gewinn des Finalturniers der PGA Tour wieder auf die Siegerstraße eingebogen, nach vier Rückenoperationen, einigen privaten Krisen, fünf golferisch erfolglosen Jahren und einem zwischenzeitlichen Absturz ins Niemandsland der Weltrangliste. Es führte im East Lake Golf Club von Atlanta als Ort des Geschehens zu einer Art Massenhysterie und wurde in den US-Medien als größtes Golf-Comeback aller Zeiten gefeiert.

Deutsche Spuren in der Historie

Furyks europäischer Widerpart Thomas Björn (Dänemark) muss mit lediglich sechs Akteuren aus den ersten 20 der Welt und einer Teambilanz von sechs Majorsiegen dagegen halten und hat fünf Ryder-Cup-Debütanten in seiner Riege. Deutsche Akteure sind nicht dabei, haben gleichwohl ihre Spuren in der Historie des Ryder Cup hinterlassen.

Altmeister Bernhard Langer, mittlerweile 61 Jahre alt und ohnehin längst auf dem Senioren-Circuit unterwegs, war 1991 mit einem vergebenen Putt die tragische Figur der europäischen Niederlage, revanchierte sich indes 2004 in Oakland Hills/Michigan als Europas „Skipper“ mit einer deftigen Klatsche für die Amerikaner. Martin Kaymer (33) verwandelte 2012 in Medinah/Illinois im Einzel gegen Steve Stricker den Putt zum entscheidenden Matchgewinn, ist allerdings zurzeit schlichtweg nicht gut genug für eine Berufung.
Ach so, hinter den Kulisse geht‘s natürlich doch um Geld. Die European Tour, als Veranstalter des europäischen Profi-Golfsports mit 60 Prozent am Unternehmen Ryder Cup Europe LLP beteiligt, finanziert sich hauptsächlich aus dieser Einnahmequelle und kann davon gut leben. 2010 schrieb man laut des englischen Fachmagazins Golfweek mit dem Event im walisischen Celtic Manor einen Gewinn von 12,4 Millionen Euro, im Jahr drauf 2,5 Millionen Euro Verlust.

Einnahmen von 60 Millionen Euro

So wundert es nicht, dass die „Cashcow“ von der Tour quasi meistbietend versteigert wird, während die Amerikaner ihre Schauplätze bezahlen. 45 Millionen Euro hat Celtic-Manor-Besitzer Terry Matthews angeblich nebst allerlei sonstigen Zusagen hingeblättert. In Gleneagles/Schottland sollen sich die Vermarktungseinnahmen auf knapp 60 Millionen Euro addiert haben.

Gemäß einer Auswertung der britischen Boulevardzeitung Daily Mail haben die jüngsten drei Ryder-Cup-Auflagen der European Tour 203 Millionen Euro in die Kasse gespült. Jetzt in Paris, so wird kolportiert, zahlen allein die rund 25 offiziellen Partner des Ryder Cup Europe jeweils zwei Millionen Euro.
Ohnehin punkteten die Franzosen nicht allein mit einer fraglos charmanten Bewerbung. Den Ausschlag zugunsten von Le Golf National gab zuvorderst die Unterstützung der Regierung sowie die ohne große Debatte signalisierte Befreiung von der Mehrwertsteuer. Und der Marco Simone Golf & Country Club bei Rom erhielt den Zuschlag für 2022, nachdem die mittlerweile verstorbene Patronin und Mode-Milliardärin Laura Biagiotti eine kräftige monetäre Mitgift zusagte.

Deutschland beteiligte sich übrigens an beiden Ausschreibungen und zog beim pekuniären Poker jedes Mal den Kürzeren. Mögen die Spiele beginnen!

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