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09.08.2019

16:15

Der einstige Parlamentssitz der DDR wurde vor über zehn Jahren abgerissen. Dank VR-Software erstrahlt er hier noch in vollem Glanz. TimeRide GmbH

Blick auf den Palast der Republik

Der einstige Parlamentssitz der DDR wurde vor über zehn Jahren abgerissen. Dank VR-Software erstrahlt er hier noch in vollem Glanz.

Virtuelle Zeitreisen

Dieses Start-up verkauft Bustouren in die Vergangenheit

Von: Tobias Gürtler

Eine Tour durch das Köln der Kaiserzeit, ein Ausflug ins barocke Dresden oder eine Berlin-Rundfahrt in Zeiten der Teilung: Ein VR-Start-up macht es möglich.

Düsseldorf „He, du Eierkopp!“, ruft ein Gendarm am Straßenrand in feinstem Kölsch. Gerade hat ein Streuner direkt vor seinen Augen einen Apfel entwendet und anschließend die Flucht ergriffen. Erhobenen Armes sprintet ihm der Wachmann im dunkelblauen Frack hinterher.

Rund zehn Touristen beobachten das Szenario aus einem Straßenbahnwaggon heraus. In ihm unternehmen sie gerade eine gemächliche Tour durch die Kölner Altstadt zur Kaiserzeit. Zumindest fühlt es sich so an: Tatsächlich sitzen sie in diesem Moment in einer unbeweglichen Tram-Attrappe. Im Jahr 2019, in einem Ladenlokal irgendwo in der Kölner Innenstadt.

Die Szene mit Gendarm und Streuner ist Teil einer virtuellen Stadtrundfahrt, die das Unternehmen TimeRide an seinem Standort in Köln anbietet. Zusätzlich hat es dort auch eine stereoskopische Fotoschau mit frühen dreidimensionalen Stadtfotografien im Angebot – und einen Kurzfilm, der einen Überblick über die Stadtgeschichte von der Römerzeit bis in die Jetztzeit liefert.

Im Anschluss geht es dann mit Virtual-Reality-Brille in die beschriebene Tram-Nachbildung, von der aus Touristen ins alte Köln abtauchen. Etwa 15 Minuten dauert eine solche Tour. Mehr virtuelle Realität am Stück, sagt TimeRide-Gründer Jonas Rothe, sei den meisten Menschen derzeit noch nicht zuzumuten.

Tatsächlich in Bewegung setzt sich die Straßenbahn am Kölner TimeRide-Standort zwar nicht. Dennoch sorgt nicht bloß der 360-Grad-Panoramablick, den das Zusammenspiel aus Soft- und Hardware erzeugt, für das authentische Feeling einer Stadtrundfahrt. Der Fahrtwind und das Gepolter einer rollenden Tram werden ebenfalls simuliert, die im Blickfeld zu sehenden Haltestangen sind für die virtuellen Mitfahrer tatsächlich auch haptisch greifbar.

„Es ist uns wichtig, dass die Illusion auch über die audiovisuelle Ebene hinausgeht“, sagt Rothe. Auch den Geruchssinn möchte er irgendwann noch mit einbeziehen.

Die Idee zu TimeRide kam Rothe während seines Studiums. „Mit Zeitreisen beschäftige ich mich aber schon seit Kindheitstagen“, sagt Rothe. Auch, weil er Fan der Filmreihe „Zurück in die Zukunft“ gewesen sei.

In seiner Masterarbeit im Fach Kulturmanagement entwarf er ein Konzept für ein Museum der Zukunft, das Besucher mit 360-Grad-Projektionen in historische Szenarien versetzen sollte. Als er dann Jahre später erstmals eine VR-Brille aufsetzte, wurde ihm bewusst: „Genau das ist die Technik, um das Ganze umzusetzen.“

Der Kölner Standort war 2017 der erste, den sein Unternehmen in Betrieb nahm. Inzwischen bietet TimeRide vergleichbare Erlebnisse auch in Dresden an – dort in einer barocken Kutsche. Ende August wird ein drittes Ladenlokal in Berlin eröffnen. In einem nachgebauten 80er-Jahre-Bus werden Besucher dort vom Checkpoint Charlie aus das getrennte Berlin erkunden (siehe Bildergalerie).

Auch eine vierte VR-Attraktion in München ist noch in diesem Jahr geplant. Sie soll das TimeRide-Konzept erstmalig auch in die Lüfte bringen.

Von der Location-Suche über die historische Recherche bis hin zu 3D-Modellierung, Animation und Szenenbau dauert die Entstehung eines neuen TimeRide-Lokals etwa neun Monate. Knapp 20 Festangestellte und einige freie Mitarbeiter sitzen an einer Produktion. Sie achten penibel auf einen historisch korrekten Nachbau der Szenerien, stimmen selbst die Schnittmuster der Kleidung, die die Figuren in den virtuellen Städten tragen, pixelgenau auf historische Muster ab.

Dass sich die Mühe lohnt, zeigt eine Anekdote, die Jonas Rothe eines seiner „Lieblingserlebnisse“ bei TimeRide nennt: Einmal, nach Ende einer virtuellen Rundfahrt, hätten einer 90-jährigen Dame beim Abnehmen der VR-Brille Tränen der Rührung in den Augen gestanden. Weil sie sich so gefreut habe, „ihr altes Köln“ noch einmal live zu sehen.

Dennoch: Restlos in die historische Welt einzutauchen, fällt den meisten Besuchern derzeit noch schwer. Gerade Personen und Gegenstände, die sich in einer gewissen Entfernung befinden, sind in der virtuellen Realität meist noch nur verschwommen zu sehen. Das Zusammenspiel aus Hard- und Software stößt hier auflösungstechnisch an seine Grenzen. Vieles ist technisch noch nicht perfekt ausgereift.

Doch die VR-Technik entwickelt sich rasant. Wer die Brillen-Prototypen von vor wenigen Jahren mit heutigen Modellen wie der Oculus Quest vergleicht, wird das schnell bemerken.

TimeRide will seine Standorte entsprechend dem aktuellen Stand der Technik regelmäßig upgraden – die in Echtzeit entstehenden 3D-Renderings in den virtuellen Städten sind darauf bereits ausgelegt. Für die Zukunft der virtuellen Zeitreise verheißt das nur Gutes. Das Erlebnis kann für Besucher eigentlich nur stetig besser werden.

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