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08.11.2018

15:23 Uhr

Bei der Beziehung der Deutschen zum Judentum ist keine Normalität in Sicht. © Francesco Carovillano/Schapowalow

Holocaust-Mahnmal in Berlin

Bei der Beziehung der Deutschen zum Judentum ist keine Normalität in Sicht.

80 Jahre Reichspogromnacht

Warum in der Antisemitismusdebatte Schweigen die besten Lösung ist

VonChristian Rickens

Wo Grenzen zwischen Antisemitismus und Israelkritik verschwimmen, ist Zurückhaltung für Deutsche die klügste Option – gerade bei Judenwitzen.

DüsseldorfDer Tag, seit dem der Nahostkonflikt ohne mich auskommen muss, ist der 4. November 1995. Jener Tag, an dem uns auf einer Studentenparty in München die Nachricht ernüchterte, dass ein jüdischer religiöser Fanatiker den israelischen Premierminister Jitzhak Rabin erschossen hat. Mit ihm starb zumindest meine Hoffnung, dass sich der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern friedlich würde beilegen lassen.

In der Tat erscheinen die 23 Jahre Nahostkonflikt seit Rabins Tod im Rückblick wie eine schreckliche Vergeudung von Leben und Lebenschancen zugunsten von Gewalt und Gegengewalt. Eines jener Themen, die mir zu deprimierend erscheinen, um mich eingehender damit zu beschäftigen.

Was ich damals nicht geahnt hatte: Wie sehr der ungelöste Nahostkonflikt gepaart mit der deutschen Schuld am Holocaust im Jahr 2018 noch immer das Zusammenleben von Juden und nichtjüdischen Deutschen belastet. 80 Jahre nach den staatlich gelenkten Pogromen vom 9. November 1938 lässt sich das Miteinander von Juden und Deutschen anderen Glaubens mit einer Vielzahl von Adjektiven titulieren. Nur das Wort „normal“ kommt mir dabei nicht in den Sinn.

Wie sollte es auch sein angesichts solcher Vorfälle? Ein nichtjüdischer, arabisch-stämmiger israelischer Tourist setzt sich in Berlin eine Kippa auf, eine jüdische religiöse Kopfbedeckung. Er wird daraufhin prompt von einem syrischen Flüchtling angegriffen.

Der Komiker Jan Böhmermann desinfiziert sich 2010 nach einem gemeinsamen Auftritt mit dem jüdischen Kollegen Oliver Polak auf der Bühne demonstrativ die Hände, woraufhin Polak acht Jahre nach diesem Auftritt sagt, er habe das als antisemitischen Akt empfunden, woraufhin Böhmermann behauptet, der Auftritt sei gemeinsam mit Polak genau so einstudiert worden, und dieser wolle nur sein Buch vermarkten.

80 Jahre nach den Pogromen, die die Nazis Reichskristallnacht nannten, habe ich mir neue Bücher zum Thema Antisemitismus angesehen. Da ist zum einen das Werk des bereits erwähnten Kabarettisten Polak, der über seine Kindheit und Jugend in der einzigen jüdischen Familie von Papenburg im Emsland schreibt.

Oliver Polak: Gegen Judenhass
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 127 Seiten, 8 Euro
ISBN: 978-3518469842

Zum zweiten der deutsch-israelische Soziologe Moshe Zuckermann, der behauptet, dass die Angst, antisemitisch zu erscheinen, Deutschland zu einer blinden Unterstützung Israels verleite.

Und schließlich die Amerikanerin Deborah Lipstadt, Professorin für jüdische Studien, die in ihrem Buch „Der neue Antisemitismus“ vor ebendiesem warnt.

Ideologische Frontlinien

Alle drei Bücher haben mir vor allem deutlich gemacht, wie eng Antisemitismus heute mit Antizionismus verwoben ist. Das typische Vorurteil gegenüber Juden lautet nicht mehr: „Ihr habt Jesus umgebracht“, sondern: „Ihr unterdrückt die Palästinenser.“

Juden werden kritisiert, gehasst, angegriffen, getötet, weil der Staat Israel als Aggressor wahrgenommen wird – ganz unabhängig davon, ob ein Jude israelischer Staatsbürger ist oder sich auch nur mit Israel identifiziert, geschweige denn mit der derzeitigen Regierung dort. Kompliziert wird die Sache dadurch, dass auch der israelische Staat sehr schnell dabei ist, „Antisemitismus“ zu rufen, wenn jemand die Besatzungspolitik Israels im Gazastreifen und im Westjordanland kritisiert.

Alle drei Bücher haben mir bei der Lektüre wenig Vergnügen bereitet. Das liegt zum einen am bedrückenden Thema. Aber auch daran, dass es keiner der drei Autoren wirklich schafft, sich von seiner subjektiven Betroffenheit zu lösen.

Bei Polak gehört diese Betroffenheit zum Konzept. „Dieser Text ist keine Anklage. Keine Meinung. Und nicht verhandelbar. Er ist die Abbildung von einem – meinem – Hier und Jetzt“, beginnt der Haupttext seines schmalen Bändchens. Er berichtet immer wieder von den Diskriminierungen, denen er begegnet ist.

Antisemitische Klischees

Klassische antisemitische Klischees sind darunter („Alle Juden sind reich“), aber auch Vorurteile neuen Typs, bei denen laut Polak „die feine Linie zwischen Israelkritik und Antisemitismus verschwimmt“. „Israelkritisch“, merkt Polak an, habe es als Begriff sogar in den Duden geschafft. Was zumindest bezogen auf die aktuelle Duden-Ausgabe gar nicht stimmt.

Recht hat Polak hingegen, wenn er schreibt: „Die Worte Saudi-Arabien-kritisch oder Boko-Haram-kritisch tauchen dort nicht auf.“ Soll heißen: Warum nur arbeiten sich die Deutschen besonders gern an Menschenrechtsverletzungen durch Israel ab?

Deborah Lipstadt: Der neue Antisemitismus
Berlin Verlag, Berlin 2018, 304 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3827013408

Eine Frage, die Moshe Zuckermann so beantwortet: Weil sich die deutsche Mainstream-Politik unkritisch mit einem Israel identifiziert, „das seit mindestens fünfzig Jahren Palästinenser knechtet“, und zwar aus Angst davor, sonst als antisemitisch zu gelten. Gerade aus dem Munde eines Deutsch-Israeli klingt das nach einer spannenden These.

Doch leider ist auch Zuckermann in seiner geistigen Welt gefangen, etwa wenn er den Antisemitismus in Deutschland als „eher aufgebauscht als real bedrohlich“ bezeichnet. Da fragt man sich dann, warum eigentlich alle jüdischen Einrichtungen in Deutschland rund um die Uhr von bewaffneten Polizisten bewacht werden – nicht aber Kirchen oder Moscheen.

Schikanen gegen israelkritische Juden

Oder wenn Zuckermann behauptet, dass Israels Existenzängste unbegründet seien, weil man ja dank der eigenen Atomwaffen allen Nachbarstaaten militärisch weit überlegen sei. Worauf der naheliegende Einwand natürlich lautet, dass Israel seine Militärmaschinerie ja genau deshalb unterhält, weil arabische Staaten schon mehrfach versucht haben, Israel mit Gewalt von der Landkarte zu tilgen.

Bestürzend lesen sich dann allerdings jene Passagen, in denen Zuckermann die Schikanen schildert, denen israelkritische Juden wie er in Deutschland ausgesetzt sind, wenn sie öffentlich auftreten wollen – weil israelfreundliche Lobbygruppen Druck machen.

Das umgekehrte, für liberale Geister ebenso bestürzende Phänomen schildert die US-Professorin Lipstadt. Sie berichtet, wie in den USA propalästinensische Aktivisten Auftritte von jüdischen Wissenschaftlern stören oder verhindern, sofern sich diese Wissenschaftler nicht vorab ausdrücklich von der israelischen Besatzungspolitik distanzieren.

Moshe Zuckermann: Der allgegenwärtige Antisemit
Westend Verlag, Frankfurt 2018, 255 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3864892271

Lipstadt beschreibt auch, wie sich linke Politiker, zum Beispiel der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn, in ihrer Solidarität mit unterdrückten Palästinensern immer wieder in bedenkliche Nähe zu offenen Antisemiten begeben.

Doch letztlich schafft es auch Lipstadt nicht, das zu liefern, was ich mir zum 9. November am dringlichsten gewünscht hätte: eine ebenso genaue wie nüchterne Bestandsaufnahme über das Ausmaß und die Spielarten von Antisemitismus in Deutschland und anderen Weltregionen.

Der Debatte fehlen Zahlen

Lipstadt schreibt: „Obwohl in den letzten Jahren sowohl physische als auch verbale Akte von Antisemitismus allem Anschein nach entschieden zugenommen haben, sollte unsere Unterhaltung weder auf Zahlen und antisemitischen Taten gründen, noch von ihnen motiviert werden.“ Dem würde ich entgegenhalten: Doch, genau das sollte sie!

Nach der Lektüre der Bücher habe ich viel über die ideologischen Befindlichkeiten innerhalb der Debatte über Antisemitismus gelernt, leider aber wenig über Antisemitismus selbst. Und während es sich natürlich lohnt, gegen Antisemitismus in allen Spielarten aufzustehen, bleibt als zweite Erkenntnis: Im Konflikt zwischen Israel und Palästina ist Schweigen für mich weiterhin die beste Option.

Der Gedanke, dass 80 Jahre nach der Pogromnacht von 1938 und dem darauffolgenden Holocaust ausgerechnet Deutsche den Israelis erklären, was Menschenrechte sind, erscheint mir noch immer unerträglich. Wir können uns ja stattdessen am Unrecht in Saudi-Arabien oder bei Boko Haram abarbeiten. Und Witze über Juden am besten den Juden selbst überlassen.

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