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15.06.2019

11:48

Buchtipp: „Dignity“

Was man in einer McDonald's-Filiale über Amerikas Gesellschaft lernen kann

Von: Lazar Backovic

Chris Arnade war Trader an der Wall Street. Dann begann er, die Menschen im abgehängten Teil Amerikas zu fotografieren, um sie besser zu verstehen.

Vom Händler an der Wall Street zum Sozialreportage-Fotograf. Chris Arnade

Chris Arnade

Vom Händler an der Wall Street zum Sozialreportage-Fotograf.

DüsseldorfEtwa 150.000 Meilen ist der Fotograf Chris Arnade in den vergangenen fünf Jahren durch die USA gefahren. Er hat die Staaten von Maine bis Nevada und von Alabama bis Kalifornien abgegrast. Auf dem Weg hat er mit Prostituierten in der Bronx gesprochen, hat Gotteshäuser im tiefgläubigen Süden der USA besucht und Fixer unter Autobahnbrücken beim Heroinspritzen fotografiert. Und doch, sagt er, habe ihn auf seinen Reisen ein Ort immer wieder fasziniert: McDonald’s.

Die Filialen der Imbisskette seien wie geschaffen, um das auseinanderdriftende Amerika zu verstehen. Im einstigen Mittelschichts-Familienrestaurant McDonald’s treffen sich inzwischen bevorzugt die Armen. Etwa die Alleinerziehende, die gerade ihren Zweitjob verloren hat, oder die Familie mit fünf Kindern und dem kaputten Auto. Diesen Menschen an der sozialen Peripherie der USA hat Arnade einen Foto- und Essayband gewidmet. Sein Titel: „Dignity“, zu Deutsch: Würde.

Darin kritisiert Arnade, wie die Reichen und Mächtigen in Amerika den Kontakt zum Rest der Gesellschaft verloren hätten. Das zeige sich auch am Beispiel McDonald’s. „Die Elite in den USA schaut herab auf die Leute, die bei McDonald’s essen“, sagt er.

Doch für den großen anderen Teil des Landes sei das Lokal von essenzieller Bedeutung – vor allem als Treffpunkt. „Es ist ein sehr geselliger Ort, fast wie eine Art Gemeindezentrum“, schreibt Arnade in seinem Buch. Und so sind einige der insgesamt 112 Fotos aus „Dignity“ in Filialen der Burgerkette entstanden.

Arnades Buch teilt die amerikanische Gesellschaft gedanklich in einen Klassenraum auf. Vorn, in den ersten Reihen, sitzen die Schlauen und die Streber, die jede Antwort kennen und das dem Lehrer auch zeigen. Sie ziehen zum Studieren weg und arbeiten später als liberale Elite in Großstädten. Die Hinterbänkler bleiben zurück.

Chris Arnade: Dignity.
Sentinel, New York
2019
304 Seiten
27,99 Euro
ISBN-13: 978-0525534730

Als Anleihehändler an der Wall Street saß Arnade knapp 20 Jahre lang selbst in der ersten Reihe der Gesellschaft. Kurz nach der Finanzkrise begann er, zunächst auf seinem Heimweg von der Wall Street Fotos in jenen New Yorker Stadtteilen zu machen, von denen ihm Freunde und Kollegen sagten, dass er sich besser von dort fernhalten solle. Später stieg er ganz aus seinem Trader-Job aus.

„Die Spaziergänge, die Porträts, die Geschichten, die ich hörte, und die Orte, an die mich meine Spaziergänge führten, wurden Teil eines für mich völlig neuen Lernprozesses“, schreibt Arnade in seinem Fotoband. Und es wurde der Anfang seines 150.000-Meilen-Trips quer durch Amerika.

Der Fotograf ist nicht der Erste, der das abgehängte Amerika für sich entdeckt hat – vor allem seit Donald Trump US-Präsident ist. Doch während sich andere Autoren wie der Investor J.D. Vance („The Hillbilly Eligy“) vornehmlich an der weißen Unterschicht abarbeiten, ist Arnades Blick breiter und versöhnlicher. Er zeigt in seinen Bildern und Texten nicht nur das arme, weiße Amerika, das tatsächlich zu einem Großteil für Trump gestimmt hat, sondern auch das schwarze, das mexikanische, das puerto-ricanische.

„Frustration ist etwas, das alle Armen teilen“, sagt Arnade. „Aber jeder von ihnen geht äußerst unterschiedlich mit dieser Frustration um.“ Die einen fingen an, Drogen zu nehmen, andere ließen ihren Hass an noch Schwächeren aus, wieder andere fänden Halt im Glauben und der Familie oder dem Heimatort. Das sei es, was auf der Hinterbank zähle.

„Wir müssen alle – sowohl in den hinteren Reihen als auch in den vorderen Reihen – uns gegenseitig besser zuhören und verstehen, was der andere wertschätzt, ohne es zu verurteilen“, schreibt Arnade in seinem Schlusswort.

Die folgenden Fotografien auf dieser Seite stammen aus Chris Arnades Buch „Dignity“. Der Autor hat die Bilder für das Handelsblatt kommentiert:

Auf dem Walmart-Parkplatz

Chris Arnade – Dignity: Seeking Respect in Back Row America Chris Arnade

Kentucky

Chris Arnade – Dignity: Seeking Respect in Back Row America


„Die meisten auf Amerikas Hinterbank fühlen sich erniedrigt – ihr Leben lang. Das Bild zeigt Paul aus Kentucky. Er hat sein linkes Bein nach einer Krebserkrankung verloren, als er jung war. Schon in der Schule hänselten ihn die anderen, nannten ihn einen Krüppel. Doch er habe gelernt, dagegen anzukämpfen, sagte er mir, als er gerade auf einem Walmart-Parkplatz auf seine Frau wartete.
Als ich ihn auf die Konföderationsflagge an seinem Auto ansprach, sagte er zu mir: ‚Ich liebe die Flagge, weil ich Angeln und Jagen mag.‘ Als ich ihm sage, dass sich einige Leute von der Flagge beleidigt fühlen könnten, sagte er: ‚Nein, Sir, das ist nicht, wie ich diese Flagge sehe. Für mich steht sie für den Stolz, aus den Südstaaten zu sein.‘“

Gemeindezentrum McDonald's

Chris Arnade – Dignity: Seeking Respect in Back Row America Chris Arnade

Illinois

Chris Arnade – Dignity: Seeking Respect in Back Row America


„Wenn Sie Amerika wirklich verstehen wollen, müssen Sie in ein McDonald‘s gehen. Auf meiner Reise habe ich einmal sogar eine Frau gesehen, die an ihrem Tisch anfing, Bingo zu spielen. Der Mann auf dem Foto hat sich jedoch hingesetzt, um die Bibel zu lesen. Es zeigt zwei Dinge: Wie wichtig Glaube für jene ist, die sonst nicht viel haben – und welch ein intimer Ort ein McDonald’s sein kann.“

New York's Straßenstrich

Chris Arnade – Dignity: Seeking Respect in Back Row America Chris Arnade

New York

Chris Arnade – Dignity: Seeking Respect in Back Row America

„Das ist eine Sex-Arbeiterin in der Bronx. Ihren Namen möchte ich nicht verraten. Aber ich kenne sie schon eine Weile und habe viele Fotos von ihr gemacht, sie ist sehr fotogen. Das Bild ist nachts entstanden, wie man sieht. Sie war gerade dabei, ihre Sachen mit dem Wasser aus einem Hydranten zu waschen. Auch wenn das deprimierend klingt, strahlt die Szene viel Wärme und Schönheit aus.“

Glauben und Hoffen

Chris Arnade – Dignity: Seeking Respect in Back Row America Chris Arnade

Kentucky

Chris Arnade – Dignity: Seeking Respect in Back Row America


„Als ich aufs College gegangen bin, trat ich – wie für ein Kind aus der ersten Reihe üblich – aus der Kirche aus. Doch auf meiner Reise habe ich gelernt, wie wichtig Glaube für den Zusammenhalt auf Amerikas Hinterbank ist. In einem Ort in Kentucky etwa, in dem viele Kohlearbeiter in den letzten Jahren ihre Jobs verloren haben, gibt es zwei Dutzend Kirchen – für 3500 Leute. Das Bild zeigt ein Mädchen aus dieser Gegend.“

Ein bisschen Stolz

Chris Arnade – Dignity: Seeking Respect in Back Row America Chris Arnade

Texas

Chris Arnade – Dignity: Seeking Respect in Back Row America


„Das Bild ist im Großraum El Paso entstanden. Eine meiner Lieblingsstationen auf meiner Tour. El Paso liegt direkt an der Grenze zu Mexiko. Ich bewundere den Stolz, mit dem viele der Emigranten dort leben. Viele kennen das Leben auf der anderen Seite und sind deshalb froh über alles, was sie haben. Die Stimmung ist sehr positiv. Vielleicht war der Mann auf dem Foto auch deshalb so verrückt danach, mir sein Auto zu zeigen. Die Achsen sind beweglich, sodass die Karosserie des Wagens auf- und abhüpfen kann.“

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