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06.06.2019

14:35

Buchtipp

„Manfred Bissinger“ – Der Marsch in den Markt

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Manfred Bissinger war ein Rechercheur, der verändern wollte. Seine Geschichte ist eine, die heute nicht mehr so recht in die Welt passt.

Der Publizist ist inzwischen auch ein erfolgreicher Unternehmer. action press

Manfred Bissinger

Der Publizist ist inzwischen auch ein erfolgreicher Unternehmer.

In jenen Zeiten, die heute als „goldene Jahre des Journalismus“ gelten, hießen die politischen Farben Schwarz oder Rot, Union oder SPD. Für einen Menschen, der unter den Nazi-Gedanken des Vaters litt und einen Hang zum Rebellentum hatte, war die Wahl da zwangsläufig. Orientierungsprobleme hatte Manfred Bissinger nie, und grundsätzlich war er lieber „Täter“ als „Merker“, wie eine neue Biografie über ihn klarmacht.

Hier wirkte ein Rechercheur, der verändern wollte. Das ließ ihn zweimal den „Mantel der Geschichte“ spüren. Einmal 1967, als der Topreporter des „Stern“ zusammen mit dem großen Henri Nannen die FDP derart traktierte (etwa per Broschüre), dass der rechte Parteichef Erich Mende aufgab und der Weg für SPD-Ikone Willy Brandt und die Ostpolitik frei wurde. Das zweite Mal 1998, als nach 192 Kanzler-Kohl-Monaten der damalige Publizist von „Die Woche“ dem Genossen Gerhard Schröder half.

Der Altkanzler ist denn auch gut gelaunt zur Buchpräsentation erschienen, lobt die bewährte Freundschaft zu „Manfred“, schildert ihn als Gestalter im Sinne von „Citoyen“ und weist auf dessen Bedeutung für die Kulturszene hin. Bissinger war mit Horst Janssen, Peter Rühmkorf und Günter Grass eng befreundet; in seinem Resthof in Himmelpforten bei Stade besprach ein illustrer Kreis die Etablierung eines Kulturstaatsministers („Grappa-Connection“).

Die bunte Bissinger-Story gehört zu jenen Nachkriegsgeschichten, die man sich heute gern erzählt, die aber nicht mehr so recht passen in eine Welt mit Gaga-Tweets aus dem White House und Youtube-Agitprop. Im Zentrum steht ein Autodidakt, der trotz famoser Konzertkritiken nicht Redakteur des „Kölner Stadt-Anzeigers“ werden durfte, da er ohne Abitur war.

Landen konnte er bei der „Vieh- und Fleischwirtschaft“, wo er über „Schweinehälften in der EWG“ räsonierte. Nach Stationen in Augsburg, bei dpa und NDR („Panorama“), brachte er es beim „Stern“ zum Vizechefredakteur (ehe er zum Gottseibeiuns der Eignerfamilie Mohn wurde), danach Senatssprecher in Hamburg sowie Chefredakteur von „Konkret“, „Natur“ und „Merian“.

Schmidt, Bernhardt: Manfred Bissinger
Berg und Feierabend
272 Seiten
24,90 Euro

Als Blattmacher fielen Bissinger nun mal Dinge ein, auf die andere nicht kamen. Das schätzte Verleger Thomas Ganske, der die Verluste der „Woche“ (1993–2002) finanzierte und von Bissinger mit dem Aufbau von „Corporate Publishing“ belohnt wurde. Weil aus einer Beteiligung nichts wurde (Bissinger: „Der Ganske hat einen Igel in der Tasche“), wurde er eben 2013 selbst, mit 73, Chef einer eigenen Corporate-Publishing-Agentur.

Vom Marsch durch die Institutionen zum Marsch in den Markt – für ein „enfant terrible“ keine schlechte Pointe.

Mehr: Die 68er-Bewegung ist ein Mythos der deutschen Nachkriegsgeschichte. Lesen Sie hier, warum sie inzwischen vielen als überschätzt gilt.

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