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03.10.2019

12:47

Ein Vertrauter, aber nicht immer ein Freund. Tom Pingel/Hennerkes, Kirchdörfer & Lörz

Anwalt Hennerkes

Ein Vertrauter, aber nicht immer ein Freund.

Buchtipp: „Meine Zeit als Consigliere“

Wie Brun-Hagen Hennerkes das deutsche Unternehmertum prägte

Von: Anja Müller, Christian Rickens

Der Gründer der Stiftung Familienunternehmen gibt einen Einblick in seine Welt als Berater – und schildert seine Sicht auf die deutsche Wirtschaftsgeschichte.

Düsseldorf Der Stuttgarter Rechtsanwalt Brun-Hagen Hennerkes schreibt in seinen Memoiren, dass er stets am liebsten im Hintergrund agiere. Aber eitel, das gibt er gleich am Anfang des Buches zu, sei er trotzdem.

Ein scheinbarer Widerspruch, der für den Leser ein Glücksfall ist. Denn Hennerkes Wunsch, sich und anderen zu gefallen, schlägt sich in einer Lust an der gelungenen Formulierung und Anekdote nieder. Gleich zu Beginn seines Buchs nimmt er den Leser mit auf eine novemberliche Reise ins Rheinland.

Es gilt, dem geheimen Doppelleben eines Unternehmers nachzuspüren, der parallel zwei Familien mitsamt Kindern unterhält. Was natürlich allerlei psychologischen wie gesellschaftsrechtlichen Klärungsbedarf nach sich zieht. Nicht umsonst bezeichnet sich der promovierte Anwalt manchmal gerne selbst als „Familientherapeuten mit juristischer Zusatzausbildung“.

Keiner kennt und versteht sie so gut wie Hennerkes, die verschwiegene Welt der Unternehmerdynastien, in denen sich betriebswirtschaftliche Rationalität mit schwer zu kalkulierender Emotion vermengt. In der das Schicksal von Zehntausenden Mitarbeitern bisweilen daran hängt, dass zwei Geschwister plötzlich nicht mehr miteinander sprechen mögen.

Nun hat Hennerkes seine Erinnerungen aufgeschrieben. Sie erscheinen mit geändertem Titel (ursprünglich sollte das Werk „Zu treuen Händen heißen“), kurz nach dem 80. Geburtstag des Autors, der an diesem Freitag ist.

Ein fast jährlicher Besuch. AFP/Getty Images

Hennerkes und Kanzlerin Merkel bei der Stiftung Familienunternehmen

Ein fast jährlicher Besuch.

Den feiert Deutschlands wichtigster Familienversteher genau so, wie er es liebt: kleiner Kreis, maximale Bedeutung. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat ihn zum Abendessen in seine Dienstvilla nach Berlin eingeladen, und neben seiner Frau bringt Hennerkes noch einige Familienunternehmer als Gäste mit.

Zufall ist es sicher auch nicht, dass er das Wort „Consigliere“ für seine autobiografischen Aufzeichnungen wählte. „Consigliere“ übersetzt Hennerkes mit „Vertrauter einer Familie“. Das beinhalte eine enge Einbindung, aber „muss keinesfalls Freundschaft bedeuten“.

Dabei forderten Unternehmer Freundschaft oft ein, erinnert sich der Consigliere, weil sie einsam an der Spitze seien. „Vornehmstes Ziel des Consigliere“, schreibt Hennerkes, „muss es daher sein, komplizierte Beziehungen, wie sie innerhalb eines Unternehmens häufig vorkommen, auf eine tragfähige Basis zu stellen.“

Der Unternehmerversteher ist stolz darauf, dass er mit seiner Beratertätigkeit vielfach das althergebrachte Kronprinzenprinzip zu Fall gebracht hat: Jene unselige Tradition, dass stets der älteste Sohn die Firma weiterführen muss, egal wie ungeeignet er ist. Stattdessen propagiert Hennerkes ein Governance-Modell für große Familienunternehmen, bei dem Eigentümer und Management getrennt sind und zusätzlich durch einen Beirat externe Expertise ins Unternehmen geholt wird.

Hennerkes wurde keineswegs in die Unternehmerelite der Bundesrepublik hineingeboren. Er ist als Arztsohn im Westfälischen aufgewachsen. Sein Vater hat aus dem Zweiten Weltkrieg ein mittelschweres Drogenproblem mitgebracht und nimmt später als Westdeutscher eine Anstellung in der damaligen DDR an.

Hennerkes bleibt in der Bundesrepublik und besucht ein katholisches Internat in Warburg, mit dem er nahezu ausschließlich angenehme Erinnerungen zu verbinden scheint. Anschließend studiert er zunächst Germanistik und Altphilologie, dann Jura – „da die Betriebswirtschaftslehre damals kein hohes Ansehen genoss“.

Bessere Wirtschaftsgrößen

Die Welt der Unternehmen fasziniert den humanistisch gebildeten jungen Mann. Und so beginnt er bei Mannesmann in Düsseldorf seine berufliche Laufbahn. Als Mitarbeiter in der Direktionsabteilung nutzt er seine Nähe zu den Entscheidungsträgern, um das Konzernbiotop mit all seinen Hierarchien und Regeln zu studieren. Er kommt zu keiner positiven Einschätzung.

Familienunternehmer dagegen erscheinen ihm als die besseren Wirtschaftsgrößen. So tritt er in die Stuttgarter Kanzlei von Conrad Böttcher ein, der nur große Familienunternehmer berät. Dort findet Hennerkes seinen Lehrmeister und seine berufliche Heimat. Und er lernt Böttchers großbürgerlichen Lebensstil schätzen, den Hennerkes mittlerweile selbst pflegt: Übernachtungen im Grand Hotel, die S-Klasse mit dem Chauffeur, der ihn bereits seit Jahrzehnten fährt. Die Lunches mit Geschäfts- und Gesprächspartnern bei einer Flasche Sancerre. Geiz, Kleingeisterei und Genussfeindlichkeit sind Hennerkes ein Gräuel.

Brun-Hagen Hennerkes: Meine Zeit als Consigliere
Herder
Freiburg 2019
448 Seiten
28 Euro

Er wird Böttchers Nachfolger. Mit den Jahren kommen für Hennerkes 84 Aufsichts- oder Beiratsmandate in Familienunternehmen oder Banken zusammen. Doch der Anwalt mit florierender Kanzlei sieht sein eigentliches Lebenswerk in etwas anderem: in der Gründung der Stiftung Familienunternehmen im Jahr 2002.

Innerhalb von nur wenigen Jahren ist die Stiftung eine wichtige Stimme im politischen Diskurs geworden und hat das Image der großen deutschen Familienkonzerne komplett gedreht: Einst galten sie als Hort verknöcherter Patriarchen, heute hingegen als die wahrhaftigen Bewahrer der sozialen Marktwirtschaft.

Zahlreiche Studien im Auftrag der Stiftung fördern Wissenswertes über die Spezies Familienunternehmen zutage. Zugleich ist die Stiftung eine mächtige Lobbystimme in Berlin. Besonders deutlich wurde das 2017, als die Reform der Erbschaftsteuer anstand. Die Stiftung bot Unternehmer und Experten auf, um Schlimmeres zu verhindern. Was blieb war ein kompliziertes Gesetz, mit dem große Familienunternehmer weiterhin nur selten Erbschaftsteuer zahlen.

Angela Merkel lässt sich fast jährlich im Adlon beim Hochamt der Stiftung, dem Tag des deutschen Familienunternehmens, blicken. Hennerkes hielt bis auf die letzten beiden Jahre immer die Eröffnungsrede.

In seinen Memoiren sortiert der Jurist die deutsche Wirtschaftselite in rechtschaffene und weniger rechtschaffene Wegbegleiter. Der fallierte Drogist Anton Schlecker und der einstige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann kommen schlecht weg. So wie die Deutsche Bank mit ihrer Mischung aus Hybris und Erfolglosigkeit überhaupt alles zu verkörpern scheint, was Hennerkes an der Konzernwelt verachtet.

Flüsterer und Unternehmerversteher. dpa

Im Gespräch mit BMW-Erbin Klatten

Flüsterer und Unternehmerversteher.

Wobei Ackermann in den Memoiren immerhin erwähnt wird. Hennerkes Kontrahenten im kleinen Markt der Familienflüsterer, der ebenfalls in Stuttgart wirkende Anwalt Mark Binz und der Bonner Jurist und Unternehmensberater Peter May, werden mit der Höchststrafe unter Rechtswissenschaftlern belegt: Nichterwähnung. Das ist umso bemerkenswerter, als Binz und May beide einst als Anwälte in Hennerkes Stuttgarter Kanzlei wirkten.

Bei vielen anderen für die Geschilderten wenig schmeichelhaften Anekdoten in seinem Buch lässt Hennerkes die Namen weg und wahrt so die anwaltliche Schweigepflicht. So mancher Unternehmer wird das Buch als Rätselspaß begreifen und sich fragen: Wen beschreibt der Autor wohl hier nun wieder?

Wenn man allein bedenkt, in wie vielen Aufsichts- und Beiräten Hennerkes als Netzwerker wirkte, wird klar: Hier weiß einer sehr viel mehr über die deutsche Wirtschaft als die meisten anderen Juristen. Dabei verklärt Hennerkes die Familienunternehmer keineswegs sentimental. Er schaut realistisch auf ihre (Fehl-)Leistungen und riet einst so manchem Patriarchen lieber zum Verkauf. Seine geistige Unabhängigkeit lässt Hennerkes sich vom Klienten nicht abkaufen.

Genuss im kleinen Kreis. Stiftung Familienunternehmen

Beim Essen mit Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy

Genuss im kleinen Kreis.

Für die Zukunft der Familienunternehmen ist er einerseits optimistisch, andererseits wirft er doch einige skeptische Fragen auf: Gelingt es weiterhin die Vorteile der unternehmerisch agierenden Familie zu nutzen, nämlich das gegenüber Konzernen mit zersplitterter Aktionärsstruktur stärker ausgeprägte unternehmerische Verantwortungsgefühl? Und wie lassen sich zugleich die Nachteile des Familieneinflusses beherrschen, die vor allem in der unberechenbaren emotionalen Binnendynamik liegen, die in jeder Generation neu austariert werden muss?

Nachfolgefrage noch offen

Nach unzähligen Familienunternehmen, denen Hennerkes bei der Nachfolgeplanung geholfen hat, muss der Consigliere nun seine eigene Nachfolge regeln. In der Kanzlei ist das bereits geschehen, sie wird von den übrigen Partnern weitergeführt. In der Stiftung will Hennerkes innerhalb der kommenden eineinhalb Jahre sein Mandat zurückgeben.

Gerne sähe er stattdessen seinen Sohn Christian im Vorstand der Stiftung. Der ist ebenfalls Jurist und führt derzeit das Schweizer Industrieunternehmen Von Roll. Selbstverständlich handelt es sich um ein Unternehmen, das von einer Familie kontrolliert wird. Die Aktienmehrheit hält die Dynastie um Baron August von Finck.

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