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06.12.2018

20:19

Buchtipp: Mit Wein Staat machen

Adenauer und Eiswein – Die Geschichte der BRD entlang der Rebe erzählt

Von: Johannes Steger

Die Geschichte des Weins ist über Staatsempfänge eng mit der Politik verwoben. Autor Knut Bergmann weiß darüber spannende Anekdoten zu erzählen.

Edler Wein steht für Luxus – und er ist ein Mittel staatlicher Repräsentation. Das schreibt Knut Bergmann in seinem neuen Buch über den Rebensaft. dpa

Getränk mit Geschichte

Edler Wein steht für Luxus – und er ist ein Mittel staatlicher Repräsentation. Das schreibt Knut Bergmann in seinem neuen Buch über den Rebensaft.

Wer einmal die Weinabteilung eines x-beliebigen französischen Supermarkts betreten hat, der weiß: Schon dort zelebriert das Nachbarland seine Weine und Anbauregionen durch Vielfalt und Auswahl. Die französische Nation empfinde den Wein als ihr ureigenstes Gut, stellte der Philosoph Roland Barthes fest.

In Deutschland hingegen scheint man sich erst seit ein paar Jahren auf die heimischen Traubenerzeugnisse zu besinnen. Doch des Deutschen liebstes alkoholisches Getränk bleibt das Bier. Immer noch trinke jeder Deutsche über 100 Liter davon im Jahr, was eine Spitzenposition garantiert, schreibt Knut Bergmann auf den ersten Seiten seines Buchs „Mit Wein Staat machen – eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“. Östlich des Rheins gilt: Reinheitsgebot geht vor Riesling.

Wein haftet in Deutschland noch immer irgendwie der Nimbus des Großbürgerlich-Luxuriösen an, und Luxus scheint den Deutschen doch nach wie vor irgendwie suspekt. Das birgt durchaus politischen Sprengstoff. „Eine Flasche Pinot Grigio, die nur fünf Euro kostet, würde ich nicht kaufen“, sagte einst SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

Was folgte, war ein Zinnober über Extravaganz und fehlende Bürgernähe – Bergmann stellt daher bereits eingangs fest: „Kostspielige Kennerschaft findet hierzulande öffentliche Anerkennung maximal bei Kunst und Architektur; lukullische Genussfreude wird gemeinhin nicht als kulturell wertvoll goutiert.“ Und verweist auch darauf, dass Steinbrücks Kein-Wein-für-fünf-Euro-Zitat sogar Eingang in die Analysen der Bundestagswahl 2013 fand.

Und doch wirft der ehemalige Redenschreiber des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und einstige Grundsatzreferent im Bundespräsidialamt einen unterhaltsamen Blick hinter die Kulissen oder besser gesagt auf die Teller und in die Gläser bei Staatsempfängen und royalen Besuchen, vom Bonner Palais Schaumburg bis hin zum Berliner Schloss Bellevue.

Knut Bergmann: „Mit Wein Staat machen – eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“
Insel Verlag
Berlin 2018
366 Seiten
25 Euro
ISBN: 978-3458177715

Während der Lektüre kommt der Leser nicht umhin, sich so zu fühlen, als lausche er einer Abendunterhaltung eines geistreichen Monologisten – so vollgestopft ist das Buch mit unterhaltsamen Anekdoten.

So erfährt der Leser zum Beispiel, dass Charles de Gaulles Gattin Yvonne nicht begeistert war, als ihr Ehemann Konrad Adenauer ins Landhaus der Familie einlud. Yvonne de Gaulles Anweisung ans Personal: Der Bundeskanzler solle empfangen werden wie „Herr Sowieso, mit der Speisefolge der Familie und dem tagtäglichen Bordeaux“.

Zu einem anderen Essen mit de Gaulle brachte Adenauer gar sechs Flaschen Eiswein selbst mit, die er auch selbst ausschenkte – die Begeisterung an dem süßen deutschen Produkt soll sich beim Präsidenten der Republik in Grenzen gehalten haben.

Champagner statt „deutscher Wein“

Es gibt im Buch viele Einblicke in Privates: zum Beispiel, dass Theodor Heuss an seine Frau über die damalige persische Kaiserin schrieb, dass Soraya einfach nur dumm sei. Heuss war der Bundespräsident, der die bis heute gültige Nüchternheit bei der staatlichen Inszenierung durchsetzte, wie Bergmann ausführt.

Nicht immer aber galt das protokollarische Primat der Zurückhaltung: Zu einer Opernveranstaltung in Bonn zu Ehren des spanischen Königs Juan Carlos im Jahr 1977 erschienen auffällig viele männliche Gäste mit Orden aus dem Zweiten Weltkrieg.

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Im Durchschnitt trinken Chinesen nur wenig Wein. Doch für eine Flasche bezahlen die Kenner schon mal bis zu 24.000 Euro.

Auch die Symbole der neuen Republik werden einer kritischen önologisch-historischen Betrachtung unterzogen. So merkt Bergmann mit Bezug auf die Zeile „deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“ in der zweiten Strophe der späteren Nationalhymne an: Deren Verfasser August Heinrich Hoffmann von Fallersleben habe während seiner Zeit auf Helgoland, wo er den Text der späteren Hymne schrieb, nach eigenem Bekunden eine bemerkenswerte Fähigkeit im Entstöpseln von Champagnerflaschen entwickelt – „von wegen deutscher Wein“, kommentiert Bergmann extra trocken.

Bergmanns Stil ist dafür verantwortlich, dass der Leser nur selten von so viel Hintergrund, Fachwissen und Sachkunde überfordert wird. Alles in allem ist Bergmann damit nicht nur ein Werk zur deutschen Weinkunde gelungen, sondern auch eine unterhaltsame Geschichtsstunde und ein Bild der bundesrepublikanischen Mentalität.

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