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20.09.2019

03:57

Buchtipp: „Permanent Record“

Was Edward Snowdens Biografie über den Whistleblower verrät – und was nicht

Von: Sönke Iwersen

Der weltbekannte Whistleblower hat ein Buch geschrieben. Snowdens Biografie offenbart viel Intimes. Doch an den entscheidenden Stellen klaffen Lücken.

Der Whistleblower bezahlte seine Enthüllungen mit seiner Freiheit, er lebt im russischen Exil. mauritius images / Baikal / Alamy

Edward Snowden

Der Whistleblower bezahlte seine Enthüllungen mit seiner Freiheit, er lebt im russischen Exil.

Düsseldorf Man kann es Edward Snowden nicht vorwerfen, dass er den Höhepunkt seines Daseins vermutlich hinter sich hat, mögen nun auch noch drei, vier oder weitere Jahrzehnte Leben folgen. Bei der Lektüre seiner Biografie beschleicht den Leser trotzdem ein ungutes Gefühl: Wie soll das, bei dieser Persönlichkeitsstruktur, bloß gut gehen?

Snowden war keine 30 Jahre alt, als er als Mitarbeiter der amerikanischen Geheimdienste etwas Ungeheuerliches unternahm: Er kopierte ihre Geheimnisse und stellte sie der Öffentlichkeit zur Verfügung. Im Sommer 2013 gab es keine bekanntere Figur auf dem Planeten. Snowdens bleiches, unrasiertes Gesicht prangte auf Millionen von Titelseiten, flimmerte über ungezählte Bildschirme. Die amerikanische Regierung rief zur Menschenjagd aus. Dass Snowden einer der ihren war, machte die US-Geheimdienste fast wahnsinnig.

Grund war neben der schieren Größe des Datenlecks, für das Snowden sorgte, vor allem die Dreistigkeit, mit der er vorging. Whistleblower sind eigentlich schüchterne Charaktere. Der FBI-Agent Mark Felt wählte 1972 das Pseudonym „Deep Throat“ und sprach nur in Tiefgaragen mit dem Journalisten Bob Woodward über die Watergate-Affäre. Seine Enthüllungen trugen maßgeblich zum Fall von US-Präsident Richard Nixon bei. Es dauerte aber 33 Jahre bevor Felt zustimmte, seine Identität öffentlich zu machen.

Snowden wartete ganze vier Tage, bis er nach dem ersten, von ihm ausgelösten, Enthüllungsbericht vor eine Kamera trat: „Ähm, mein Name ist Edward Snowden. Ich bin, äh, 29 Jahre alt.“ Snowden stellte sich der Weltöffentlichkeit vor, als sei er Gast in einer TV-Show. Was er dann sagte, veränderte die Perspektive, mit der wir die Welt sahen.

Wir wussten nun, dass wir ständig und immerzu ausgehorcht, ja ausspioniert wurden. Snowden konnte uns das erklären, weil er selbst die Computerprogramme geschrieben hatte, mit denen das geschah.

Snowden bezahlte seine Enthüllung mit seiner Freiheit. Er ist nicht eingesperrt. Aber er ist gestrandet. Seit sechs Jahren lebt er im russischen Exil. Die Amerikaner haben seinen Pass eingezogen; kein westliches Land, Deutschland eingeschlossen, wagt, ihm Asyl zu gewähren. US-Politiker sagen, Snowden solle sich dem US-Rechtsstaat stellen, wenn er denn meine, im Recht zu sein. Einen öffentlichen Prozess möchten sie ihm aber nicht versprechen.

Die einzige Garantie, die man ihm gewähre, sei ein Verzicht auf Folter, sagt Snowden. Die Möglichkeit, er könne vor ein Militärgericht gestellt und nach kurzem Prozess jahrzehntelang weggesperrt werden, ist damit nicht aus der Welt. Vom amtierenden Präsidenten Donald Trump hallt die Anregung nach, in den guten alten Zeiten hätte man einen Verräter wie Snowden einfach erschossen.

Edward Snowden: Permanent Record. Meine Geschichte
S. Fischer Verlag
432 Seiten
22 Euro

Es ist dieser Hintergrund, vor dem Edward Snowden jetzt seine Biografie vorlegt. Es ist ein seltsames Buch geworden. Seit seinen Enthüllungen hat sich Snowden stets geweigert, aus seinem Privatleben zu erzählen. Nun ist sein Buch voll davon. Snowden berichtet von seiner Schwester, seinen Eltern, seinen Mitschülern, erzählt, dass er die Liebe seines Lebens auf der Internetseite „Hot or Not“ fand.

Die ersten 130 Seiten seiner Biografie befassen sich mit seinen ersten 22 Lebensjahren. Snowden schwankt dabei hin und her, sich als einerseits unbeholfen und kontaktschwach darzustellen, andererseits als hochintelligent. Immer wieder blitzen auch andere Superlative auf. Während seiner Armeeausbildung habe er Klimmzüge mit einem Arm ausgeführt und Liegestütze auf seinen Daumen, schreibt Snowden. Und immer, seit seiner frühesten Kindheit habe ihn ein nicht unterdrückbares Gerechtigkeitsgefühl getrieben.

Das machte es seinen Eltern schwer, vor allem als Snowden das Internet entdeckte. „Seit ich zwölf Jahre alt war, bemühte ich mich, in jedem wachen Augenblick meines Lebens online zu sein“, schreibt der Autor. „Wenn meine Eltern meinen Namen riefen und mir sagten, ich solle mich für die Schule fertig machen, hörte ich sie nicht.

Wenn sie meinen Namen riefen und mir sagten, ich solle nach dem Abendessen abwaschen, tat ich so, als hörte ich sie nicht. Und wenn man mich daran erinnerte, dass der Computer für alle da war und nicht mein persönliches Eigentum, räumte ich meinen Platz mit einem solchen Widerwillen, dass mein Vater, meine Mutter oder meine Schwester mich aus dem Zimmer schicken mussten, damit ich ihnen nicht missmutig über die Schulter blickte und Ratschläge erteilte.“

War es Geltungssucht?

Es zeigt sich ein Charakterzug, der Snowdens Leben bestimmte: Besserwisserei, durchsetzt mit Aufmüpfigkeit. Den Schlaf, den ihm die Nächte am Computer raubten, holte er auf seinem Schulpult nach. Viele Lehrer hätten ihn dabei nicht gestört, schreibt Snowden. Andere weckten ihn und fragten nach der Antwort auf eine Frage, die er nicht gehört hatte. „Die Wahrheit ist: Ich liebte diese Momente, denn sie gehörten zu den größten Herausforderungen, die die Highschool zu bieten hatte. Wenn mein Gehirn schnell genug reagierte und ich eine clevere Antwort geben konnte, war ich Kult.“

War Geltungssucht der Grund, warum Snowden der ganzen Welt offenbarte, dass die US-Geheimdienste sie überwachen? Snowdens Biografie ist durchzogen von solchen Momenten. Als Teenager hackte er das Atomlabor in Los Alamos und rief dann dort an, um eine Sicherheitslücke zu melden. Bei seiner Ausbildung im Geheimdienst CIA beschwerte er sich über die mangelhafte Unterbringung und überging seinen Vorgesetzten, als der keine Abhilfe schaffen wollte.

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass die US-Behörden ausgerechnet diesen Mann dorthin beförderten, wo er den aus ihrer Sicht größten Schaden anrichten konnte. Sein Protest in der Ausbildung wurde damit „bestraft“, so schreibt Snowden, ihn nach Genf zu schicken. Er selbst wollte in den Irak oder nach Afghanistan, um die Terroristen zu bekämpfen, die für den 11. September 2001 verantwortlich waren.

Doch der Behördenleiter sagte ihm: „Jemand mit deinen Fachkenntnissen wäre in einem Kriegsgebiet vergeudet. Du brauchst eine größere Stellung, in der neueste Projekte ausprobiert werden, damit du wirklich beschäftigt bist.“ Dann sei der Direktor aufgestanden und habe noch gesagt: „Bevor ich fahre, möchte ich nur sicher sein: Ich werde doch keinen weiteren Ed-Snowden-Moment erleben, oder?“

Heute weiß die Welt, dass es anders kam. Snowden blieb zwar nur zwei Jahre beim CIA. Doch der Leser seines Buches erfährt anschaulich, dass es in den USA längst keinen Unterschied mehr gibt zwischen der Privatwirtschaft und den Geheimdiensten. „Mit 26 war ich offiziell bei Dell angestellt, arbeitete aber erneut für die NSA“, schreibt Snowden. „Solche Arbeitsverträge dienten als Tarnung für mich wie für fast alle meine technikbegeisterten Kollegen.“

Seit ich zwölf Jahre alt war, bemühte ich mich, in jedem wachen Augenblick meines Lebens online zu sein. Edward Snowden (Whistleblower)

Und so tingelte Snowden von Arbeitgeber zu Arbeitgeber, arbeitete aber immer nur für die Geheimdienste. Rund die Hälfte aller Spionagetätigkeit werde von Mitarbeitern der Privatwirtschaft ausgeführt, schreibt Snowden. Gehaltsverhandlungen waren Kinderspiele.

Als ein Personalvermittler ihn einmal fragte, was er verdienen wolle, antwortete Snowden mit 50 000 Dollar – zwei Drittel mehr als bei seinem ersten Job. „Als ich diese Zahl nannte, sagte der Typ hinter dem Schreibtisch: „Wie wäre es mit 60 000?“, erinnert sich Snowden. Weil der Personalvermittler mitverdiente, hatte er Interesse an einer möglichst großen Zahl. Snowden: „Die Gehälter hochzutreiben lag also im Interesse aller – mit Ausnahme des Steuerzahlers.“

Die letzten beiden Jahre vor Snowdens Enthüllungen sind vielfach beschrieben. Tausende von Zeitungsartikel wurden recherchiert, ganze Bücher und Filme darüber veröffentlicht. Snowden selbst erzählt, dass er seine Arbeit praktisch nur noch nebenbei machte, den Großteil seiner Zeit damit verbrachte, das Ausmaß der Gesetzlosigkeit zu untersuchen, mit dem die US-Geheimdienste die Bürgerrechte brachen. Einmal fündig geworden, bereitete er monatelang seinen Coup vor.

Snowden schrieb Computerprogramme, die riesige Datenmengen kopierten. Er verteilte Zauberwürfel unter seinen Kollegen, damit die Sicherheitsbeamten sich an die bunten Drehpuzzle gewöhnten. Snowden selbst versteckte dann Speicherkarten in seinem Würfel und schmuggelte sie so an den Wachposten vorbei. Kontakt mit Journalisten nahm er aus seinem Auto auf – das er mit einem Laptop, einer Hochleistungsantenne und einem GPS-Sensor in einen fahrenden WLAN-Sensor verwandelte. Dann flog Snowden nach Hongkong.

Am 9. Juni 2013 präsentierte er von seinem Zimmer 1014 im Mira Hotel sich und sein Wissen – und wird zum größten Whistleblower aller Zeiten. Wer erwartet, aus seiner Biografie zu erfahren, was danach im Detail geschah, wird enttäuscht. Snowden, der auf den ersten 130 Seiten seines Buches winzige persönliche Detail für berichtenswert hält, wird einsilbig.

Er wünsche sich „im Nachhinein, dass ich genauer gewusst hätte, was ich als Nächstes tun sollte“, schreibt Snowden im Kapitel „Hongkong“. Aber: Er wusste es nicht. Es war reiner Zufall, dass Snowden einen Anwalt fand, der die Idee hatte, ihn zwei Wochen lang bei verarmten Asylbewerbern zu verstecken – dort, wo kein Polizist und kein Geheimagent ihn suchen würden.

Snowden fällt zu seinen Schutzengeln kaum mehr ein, als ihre Namen zu nennen. Er dankt ihnen, aber räumt ihnen im Buch unter dem Strich weniger Platz ein als der Nintendo-Spielfigur „Super Mario“. Von ihr, schreibt Snowden, „lernte ich vielleicht die bis heute wichtigste Lektion meines Lebens: Es geht im Leben immer nur nach vorn. Es gibt kein Zurück.“

Snowden kümmerte sich drei Jahre lang nicht um die Menschen, die ihm das Leben retteten. Dann gingen sie selbst an die Öffentlichkeit. Was er stattdessen machte, und was er heute macht, bleibt größtenteils offen. „Ich verbringe viel Zeit vor dem Computer, mit Lesen, Schreiben, Kommunizieren“, schreibt Snowden. Vor drei Jahren zog seine Freundin Lindsay zu ihm. Vor zwei Jahren heirateten die beiden. Und sonst?

Er esse weiterhin gern bei Burger King und spiele Computerspiele. Einmal am Tag melde er sich bei seinem Anwalt, schreibt Snowden. „Er geleitet mich durch die Welt, wie sie ist, und lässt meine Träumereien über die Welt, wie sie sein sollte, über sich ergehen.“

Es sind Worte, die wohl Gelassenheit ausdrücken sollen. Doch sie passen nicht zu dem Mann, den Snowden auf den anderen 400 Seiten seiner Autobiografie beschreibt.

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