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28.11.2019

16:21

Buchtipp: „The Antitrust Paradigm“

Wie die Siebziger der Macht von Google den Weg bereiteten

Von: Norbert Häring

IT-Konzerne haben heute eine immense Markmacht. Schuld sei daran das wettbewerbsrechtliche Laisser-faire der 70er-Jahre, sagt ein Jurist und Ökonom.

Das frühere Start-up ist heute ein Mega-Konzern. AP

Google-Hauptsitz in Kalifornien

Das frühere Start-up ist heute ein Mega-Konzern.

Frankfurt Darum geht’s: Wer verstehen will, wie die wertvollsten Konzerne der Welt ihre Marktmacht etablieren konnten und wie sich „eine wettbewerbliche Wirtschaft wiederherstellen“ ließe, dem ist mit dem Buch von Jonathan B. Baker sehr gut gedient. Nicht mehr nur in Europa, sondern nun auch in den USA müssen sich Weltmarktführer der Internet- und IT-Branche wie Google und Facebook groß angelegten Untersuchungen wegen Missbrauch von Marktmacht erwehren.

Das ist der Autor: Baker ist ein Juraprofessor an der American University mit zweitem Doktortitel in VWL. Er blickt auf eine hochkarätige Karriere als Chefvolkswirt und Berater verschiedener Wettbewerbsbehörden zurück.

Aus seiner Insidersicht beschreibt er eingängig, wie Rechtswissenschaftler der marktliberalen Chicagoer Universität ab Ende der Siebzigerjahre erfolgreich daran arbeiteten, bei Richtern und Regulierern einen Konsens zuungunsten staatlicher Eingriffe zur Begrenzung von Marktmacht zu etablieren.

Für Baker ist inzwischen deutlich, dass sich die Verheißung aus Chicago nicht erfüllt hat. Im Gegenteil habe sich die Marktmacht der großen Konzerne immer weiter vergrößert und gleichzeitig Wachstum, wirtschaftliche Dynamik und Investitionen in Forschung und Entwicklung abgeschwächt.

Jonathan B. Baker: The Antitrust Paradigm.
Harvard University Press 2019
368 Seiten
ca. 40 Euro

Das stört: Mit 13 Seiten ist das Schlusskapitel zur „Wiederherstellung einer wettbewerblichen Wirtschaft“ zu kurz und oberflächlich, auch wenn natürlich im Diagnose- und Kritikteil des Buchs aufscheint, welche Veränderungen Baker für nötig hält.

Das überrascht: Baker bleibt nicht bei seiner mit ökonomischen Argumenten ausgetragenen Abrechnung mit Chicago stehen, sondern widmet sich detailliert den Besonderheiten der Wettbewerbspolitik in der Digitalbranche. Die sorgt mit ihrer Skalierungslogik (eine App lässt sich, anders als zum Beispiel ein Auto, fast ohne Mehrkosten reproduzieren) für rasantes Wachstum.

Und für Marktanteile, wie zu Mega-Konzernen gewachsene Ex-Start-ups wie Google, Amazon oder Facebook zeigen. Das Problem: Unternehmen wie Google sind zu einer Zeit großgeworden, als die Wettbewerbsrechtsprechung und die Wettbewerbspolitik, überzeugt von den Chicagoer Argumenten, kein Problem in schierer Größe sehen wollten.

Inzwischen sei die Dominanz der Führenden so groß, dass sie von Wettbewerbern kaum noch angegriffen werden könnten, und wenn es doch einmal geschehe, würden die Angreifer einfach aufgekauft. Noch vor wenigen Jahren hätten sich mangels Umsetzungschancen nur wenige für Bakers Vorschläge interessiert, wie man generell und in der Internetwirtschaft wieder Wettbewerb herstellen könnte. Doch der politische Wind hat sich gedreht.

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