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04.07.2019

17:04

Buchtipp: „The Privileged Poor“

Wie lebt es sich als armer Student an einem Elite-Campus?

Von: Christian Wermke

An amerikanischen Elite-Universitäten prallen Welten aufeinander. Studierende aus sozial benachteiligten Schichten zu integrieren, gelingt selten.

Ein Großteil der Studierenden an amerikanischen Elite-Colleges entstammt der sozialen Oberschicht. Corbis Historical/Getty Images

Harvard-Absolventen bei Abschlussfeierlichkeiten

Ein Großteil der Studierenden an amerikanischen Elite-Colleges entstammt der sozialen Oberschicht.

Düsseldorf Als Anthony Abraham Jack im Jahr 2003 aufs Amherst College kam, war es für ihn ein Kulturschock. Während seine Klassenkameraden von Flügen im Privatjet berichteten, machte er nur Urlaub bei einem Cousin in Georgia. Jack wuchs auf in einem armen Stadtteil Miamis, um ihn herum fast nur Schwarze, wie er selbst. Seine alleinerziehende Mutter arbeitete bei einem Sicherheitsdienst, sein älterer Bruder ging putzen.

Mit einem Stipendium schaffte Jack es im letzten Highschool-Jahr auf eine private Schule. Das nächste Stipendium brachte ihn dann nach Amherst – auf eines der renommiertesten privaten Colleges der USA. Die Erfahrungen dort haben ihn nicht wieder losgelassen.

Jack, mittlerweile Assistenzprofessor in Harvard, ist selbst einer jener „Privileged Poor“, über die der Soziologe nun ein Buch geschrieben hat. Denn die meisten Elite-Colleges in Amerika bestehen größtenteils aus dem, was sie im Titel tragen: Elite. Nur 14 Prozent der Studierenden in den Grundstudiengängen kommen aus der weniger reichen Hälfte der Bevölkerung – kein Wunder: Ein Uni-Jahr kostet inklusive Wohnheimunterkunft und Verpflegung gern mal 60.000 Dollar. Erst Ende der Neunzigerjahre starteten die Hochschulen ihre Finanzhilfeprogramme, mit denen auch Jugendlichen aus ärmeren Verhältnissen das Studium ermöglicht wird.

Doch noch immer prallen auf dem Campus Welten aufeinander, wie Jack in 103 Interviews mit Studierenden festgehalten hat. Das Elite-College, an dem er zwei Jahre lang forschte, hat er anonymisiert – und nennt es „Renowned University“. Er beschreibt, wie schwer es den Neuankömmlingen aus der Unterschicht fällt, sich zurechtzufinden.

Sie putzen vor der ersten Uni-Woche die Schlafräume, um 600 Dollar zu bekommen, während sich die Reicheren kulturell weiterbilden. Sie schämen sich für ihre H&M-Klamotten, während der Rest Hunter-Boots und Moncler-Jacken trägt. Sie verzweifeln, wenn in den Frühlingsferien die kostenlose Mensa schließt, weil davon ausgegangen wird, dass alle Studenten nach Hause fliegen.

Anthony Abraham Jack: The Privileged Poor: How Elite Colleges Are Failing Disadvantaged Students
Harvard University Press
2019
288 Seiten
22,18 Euro
ISBN-13: 978-0674976894

Dabei differenziert Jack die ärmeren Studierenden in zwei Gruppen: Die „Privileged Poor“ haben auf der Highschool schon Erfahrung gesammelt. Sie wissen, wie man sich in der elitären Welt bewegt, wie man den Zugang zu Professoren proaktiv sucht. Auf der anderen Seite stehen die „Doubly Disadvantaged“, die doppelt Benachteiligten, die den Weg aufs College von einer stinknormalen staatlichen Schule geschafft haben. Ihnen fällt es besonders schwer, ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Sie fühlen sich ausgegrenzt, isolieren sich selbst, können oft nicht das Beste aus dem Studium herausholen.

Die Interviews sind interessant, wiederholen sich aber irgendwann. Lösungsansätze für die Probleme liefert der Autor erst am Ende – und das leider zu wenig konkret.

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