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10.11.2019

09:15

Buchtipps zum Mauerfall

30 Jahre wiedervereint – und von der Einheit keine Spur

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Drei Ostdeutsche schreiben über Ostdeutschland. Fernab von westdeutschen Heldensagen lassen sie teilhaben an ihren Hoffnungen und Enttäuschungen.

In keiner Weise auf Migranten vorbereitet. imago/imagebroker

Menschen aus Ost und West am Brandenburger Tor

In keiner Weise auf Migranten vorbereitet.

München Zu den wirklich großen Ereignissen der Welt stellt sich eine simple Frage: „Und wo warst du?“ Und dann erinnert sich der Befragte, was er oder sie am 11. September 2001 gemacht hat, damals, als die Zwillingstürme in New York fielen, und natürlich auch, wie das am 9. November 1989 war, als in Berlin die Mauer fiel. Das ist sozusagen die Schokoladenschicht, die manchmal über der Zeitgeschichte liegt.

Wenn es um die deutsche Einheit geht, ist diese Schicht dahingeschmolzen. Heute, 30 Jahre nach dem Anfang vom Ende der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), nach Öffnung der Grenzstation „Bornholmer Straße“, drängt sich der Eindruck von „Westalgie“ auf, vom einseitigen Beschwören eines historischen Moments der Freude, der aber eben nur für einen Teil der Deutschen – diejenigen in der alten Bundesrepublik – das Glück verlängert hat, auf der Sonnenseite der Geschichte zu leben.

Auf der Mauer in den Novembertagen 1989 standen ja vor allem Westdeutsche und angereiste Zeitzeugentouristen. Die soeben freigelassenen Brüder und Schwestern waren noch mit den Erkundungen der kapitalistischen Konsumlandschaft beschäftigt.

Unter den vielen Büchern zur deutschen Einheit fallen jene auf, die das Großereignis aus Sicht der Befreiten, Beitretenden, Übernommenen, Angeschlossenen reflektieren. Alles aus dem Selbstverständnis heraus, was die DDR einmal war und was aus ihr wurde, was das große Projekt mit den Ostdeutschen machte.

Solche Grisaillen zu einem anhaltenden Post-Merger-Syndrom leisten der Historiker Ilko Sascha Kowalczuk (in ruhiger, akademischer Manier), der Soziologe Steffen Mau (ebenfalls getragen im Ton, konzentriert auf seine Geburtsstadt Rostock und den Neubaustadtteil Lütten Klein) sowie der Journalist Matthias Krauß, der im Grunde eine höchst emotionale Trauerrede hinlegt.

Die vielen Heldensagen zum 30. Geburtstag, die Erzählungen von neuen Autobahnen und Telefonkabeln und der Eiserne-Vorhang-fällt-Süßstoff werden hier konterkariert durch Befindlichkeits-Testate aus der einstigen „Zone“ selbst, vorgelegt von drei ostdeutschen Autoren, die teilhaben lassen: an ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, an Lust und Frust.

Aus dieser Art Einheitsliteratur lässt sich schließen, dass etwas gewaltig schiefgelaufen ist, dass die vielen Milliarden an Transferleistungen keinen Zusammenhalt brachten, dass die Störfälle der AfD im Osten nur das klarste Symptom für eine fehlende nicht-monetäre Aufbauarbeit ist. „Ich hänge nicht an diesem Land, aber es ist verdammt schwer, es loszuwerden“, hat der Schriftsteller Eugen Ruge einmal formuliert.

Tief gespalten und zerrissen

Er habe nach 1989 zunächst in einer Blase gelebt, schreibt der Historiker Kowalczuk in „Die Übernahme“, es zählte nur „Freiheit, Freiheit, Freiheit“. Dann aber kam die Finanzkrise 2008, und er merkte, dass ihm das in der DDR erworbene Vokabular, das sich so kontaminiert angefühlt hatte, plötzlich „immer nützlicher und treffender erschien“.

Bei seinen Landsleuten konstatiert er, dass viele tief enttäuscht wurden, „nicht nur weil sie überspannte Erwartungen hatten, sondern weil sie gar keine Chance bekamen, ein Leben jenseits staatlicher Alimentierungen zu entfalten“. Ostdeutschland erscheine wie vor 1989 „als eine stark fragmentierte, tief gespaltene, in sich zerrissene und zerstrittene Gesellschaft“.

Sicher, Helmut Kohls „blühende Landschaften“, ein Klassiker der Wahlpropaganda, hat sich in Gestalt schönerer Dörfer und Städte sowie geputzter Landschaften dem Wortsinn nach vielleicht erfüllt, nicht aber im Wiederaufblühen von Industrie und Wirtschaft. Und damit fehlen auch Bürgersinn und Bürgerstolz.

Matthias Krauß: Die große Freiheit ist es nicht geworden – Was sich für die Ostdeutschen seit der Wende verschlechtert hat
Das Neue Berlin
256 Seiten
14,99 Euro

Steffen Mau – der den 9. November in Schwerin als Soldat der Nationalen Volksarmee erlebte – beschreibt sein Ostdeutschland „als eine Gesellschaft mit zahlreichen Frakturen, die sich aus den Besonderheiten von Sozialstruktur und mentaler Lagerung ergeben“. Aus Fragment wird hier Fraktur.

Die DDR-Gesellschaft, urteilt der Autor, sei „durch eine nach unten zusammengedrückte Sozialstruktur und eine arbeiterliche Kultur geprägt“ worden, es dominierte eine Mentalität der einfachen Leute. Nach dem 9. November jedoch fanden sie sich – deklassiert, entmündigt – auf den unteren Rängen der gesamtdeutschen Hierarchie wieder.

Die Elite im Gebiet der früheren DDR bildeten jetzt die Importe aus Westdeutschland; sie machten Karriere in Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Justiz. Das war eben anders als in seiner Kindheit in der Plattenbausiedlung „Lütten Klein“.

Die Mutter, Ärztin in der Poliklinik „Salvador Allende“, und der Vater, Abteilungsleiter im Schiffsbaubetrieb, hätten zu den „konformistischen Kohorten“ gehört, die recht große Entwicklungschancen hatten – für „Loyalität und Mitarbeit am sozialistischen Aufbauprojekt“. Mit der Zeit ließ die innere Entflammbarkeit nach. Nach der Wende verschwanden mit der DDR dann ihre Produkte, Symbole, ihre Alltagsästhetik – „es kam zugleich zu einer Entwertung des angehäuften Erfahrungsschatzes“.

So konnte Ostdeutschland zum Laboratorium für soziale Unruhe werden, mit Gefühlseruptionen der Zu-kurz-Gekommenen. Viele der Eigenschaften der DDR, dieses „erschöpften und ausgelaugten Lands“, seien weitergetragen, ja vertieft worden. Die Qualifizierten waren ja rasch nach der Maueröffnung weg (die Zahl der Einwohner sank von 16,8 Millionen auf 14,6 Millionen), hinzu kam ein „Gebärstreik“ (eine Million Babys weniger). Die Defekte der DDR würden wie eine Hypothek auf der ostdeutschen Teilgesellschaft lasten, findet Mau.

Wo die beiden Wissenschaftler im Blick auf 30 Jahre Einheit differenzieren, geht es dem Journalisten Matthias Krauß „um den postumen Ruf der DDR“ und darum, dem „einseitigen Mainstream“ etwas entgegenzusetzen: „Wir haben nicht das Problem der Idealisierung der DDR, sondern das ihrer einseitigen Verteufelung.“ Das Berufsbeamtentum etwa sei abgeschafft worden, „gepriesen sei sie dafür“.

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme – Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde
C.H. Beck
318 Seiten
16,95 Euro

In dieser Sicht – sie dürfte typisch sein für viele im Osten – wurde den Menschen nach der Wende alles genommen: die Fahne (mit Ährenkranz), die Hymne, Firmen mit innovativen Ansätzen, drei Millionen Arbeitsplätze, die gelebte Gleichberechtigung mit einem hohen Anteil berufstätiger Frauen, Kinder-Früherziehung in Kitas, Ferienlager, Sportförderung, FKK, DDR-Filmkunst, Bildung mit Begabtenförderung, Polikliniken, Artenvielfalt („die DDR war räudig, aber lebendig“).

Dass heute einige der Ost-Lebensmodelle gesamtdeutsch diskutiert werden, ist in dieser Philippika kein Trost. Das, was die Menschen 1989 auf die Straße gebracht hat, ein diktatorisches System mit Stasi-Netz und Schießbefehl an der Mauer, ist hier ideologisch auf das Normalniveau eines funktionierenden Staats heruntergedimmt: Im Westen hätten Bürger doch auch dem BND geholfen.

Mit der Abrissbirne

Von solchen Bügeleien abgesehen, bietet Krauß doch Einblick in das neue (alte) Denken, in die Abwehr des Westens mit der Thematisierung der im Vergleich ungleichen Löhne, der wirtschaftlichen Fremdbestimmung, der Entleerung der ländlichen Regionen. Das alles mit dem Verdikt: „Die große Freiheit ist es nicht geworden.“ Solidarität sei durch Konkurrenzgehabe ersetzt worden. Krauß: „Auf die wirtschaftliche Verwahrlosung folgte die moralische. Der Osten wurde zum Armenhaus Deutschlands.“

Liest man diese Ost-Ost-Literatur, wird rasch klar, wo der Fehler lag. Unter dem Druck der Ereignisse und der Zeitknappheit angesichts der Angst vor dem Ende des „Gorbi-Wunders“ wurde die Einheit schlampig gemanagt. Wo war das echte Interesse an dem untergegangenen Staat – hinter den Siegesgesängen des Liberalismus und Kapitalismus? Wo war die Bestandsaufnahme dessen, was gut war im System? Wo blieb die Lebensleistung der Menschen?

Steffen Mau: Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft
Suhrkamp
284 Seiten
22 Euro

„Eine Liste der ,Errungenschaften der DDR‘ wurde nie verfertigt, die Abrissbirne umstandslos angesetzt“, schreibt Soziologe Mau: „Man wollte nicht nach best practices Ausschau halten, Östliches und Westliches zu etwas Neuem kombinieren.“ Die Ostdeutschen wurden von der „Landnahme“ des West-Modells in die Rolle passiver Beobachter gedrängt. Nur der grüne Pfeil fürs Rechtsabbiegen durfte bleiben.

Man entschied sich zum Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes nach Artikel 23. Dabei sah Artikel 146 ausdrücklich Besseres für das Grundgesetz vor: Es sollte nach „Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands“ durch eine vom „Volk in freier Entscheidung“ beschlossene Verfassung ersetzt werden. Diese Debatte wurde ersetzt durch die Formel „nationale Einheit“.

Noch immer missverstehen sich Ost und West gründlich. Nach einem kurzen Happening der Freiheit 1990 zeigten sich Unverträglichkeiten schnell in der Frage der Migration. Die DDR sei zum Zeitpunkt der Wende eine „geschlossene, sich einigelnde Gesellschaft“ gewesen, die in keiner Weise auf Globalisierung, kulturelle Vielfalt und größere Migrantengruppen vorbereitet war, schreibt Soziologe Mau. Das Unheil nahm seinen Lauf. Die im Westen fühlten sich überlegen, die im Osten genossen Konsum, litten aber unter mangelnder Wertschätzung.

Vergessen ist, was Einheitskanzler Kohl noch im Februar 1990 erklärte: „Ich bin dafür, dass das, was sich bewährt hat, und zwar auf beiden Seiten, von uns übernommen werden soll.“

Langsam wäre Zeit dafür.

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