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07.02.2019

03:25

„Identität“

Neues Buch von Francis Fukuyama – Was nach dem „Ende der Geschichte“ kommt

Von: Thomas Jahn

Mit seiner Theorie vom „Ende der Geschichte“ lag Francis Fukuyama daneben. In seinem neuen Buch erklärt er sich und hofft, dass die liberale Demokratie doch noch siegt.

Der Polit-Ökonom wird häufig auf seine These von der Demokratie als Endzustand der Geschichte reduziert. Corbis Entertainment/Getty Images

Francis Fukuyama

Der Polit-Ökonom wird häufig auf seine These von der Demokratie als Endzustand der Geschichte reduziert.

KopenhagenLeicht zerknittertes Jackett, Jeans und offenes Hemd, Geheimratsecken und ein leicht ironisches Lächeln. Kurzum: Francis Fukuyama sieht aus wie ein Professor. Zum Gespräch in einer Hotel-Lobby in Kopenhagen holt er sich erst einen Kaffee, spricht dann in präzisen, kurzen Sätzen und mit leicht monotoner Stimme. Das ändert sich nur, als er auf die Kritik an „Das Ende der Geschichte“ angesprochen wird, jenem Essay, der ihn Anfang der Neunzigerjahre weltberühmt machte.

Die Stimme hebt sich, die Mimik wird lebhaft. Er sei falsch verstanden worden, die Kritik ginge in die falsche Richtung, keineswegs habe er sagen wollen, nach dem Fall der Mauer 1989 käme die Geschichte zum Erliegen. „Karl Marx war überzeugt, dass das Ende der Geschichte der Marxismus sein wird“, sagt er. „Mein Argument war, dass wir nicht dahin kommen.“

Der Stanford-Professor prophezeite stattdessen den Siegeszug der liberalen Demokratie. Doch blickt man nach Europa und in die USA, muss man sagen: es ist anders gekommen. Der Vormarsch des rechtsgerichteten Populismus beunruhige ihn, sagt der 66-Jährige.

Das habe ihn dazu bewogen, eine Neuauflage seiner Ende-der-Geschichte-Theorie zu schreiben, oder eher eine Weiterentwicklung wie Fukuyama sagen würde. Der Titel: „Identität – Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie bedroht“. Der Aufstieg von Populisten wie Donald Trump oder Viktor Orban sei eine Gegenbewegung zum Globalismus, die ihre Wurzeln auf dem Land habe.

Stadt gegen Land: „Das ist der Kern des Konflikts“, sagt Fukuyama. Seine Beobachtung: Je geringer die Bevölkerungsdichte, desto eher wird rechtsgerichtet wählt. Selbst in US-Bundesstaaten, in denen Republikaner dominieren, wählten die Städte die Demokraten – nur die Landbevölkerung nicht. „Das gleiche trifft auf die Türkei, Ungarn oder selbst Russland zu“, sagt der Amerikaner.

Francis Fukuyama: Identität
Hoffmann und Campe, Hamburg, 240 Seiten, 22 Euro
ISBN: 9783455005288

Aber wenn in so vielen Ländern wie Deutschland oder den USA die Wirtschaft auf Hochtouren läuft, wie kann da die Unzufriedenheit so groß sein? Der Professor erklärt sich das mit ungleicher Verteilung. „Das extremste Beispiel ist Polen, das in den vergangenen zehn Jahren zu den erfolgreichsten Volkswirtschaften der EU gehörte.“

Die rechtsgerichtete Partei „Recht und Gerechtigkeit“ würden nicht die Einwohner von Warschau oder anderer Großstädte wählen, sondern die Landbevölkerung, die mit weniger Bildung und Möglichkeiten.

Wie rechts gegen links siegen konnte

Wirtschaftliche Problemlagen müssten eigentlich linksgerichteten Bewegungen in die Hände spielen, schließlich setzen sie sich für die weniger Privilegierten ein. Doch das ist nicht der Fall. Die Linke habe sich in den vergangenen zwanzig Jahren verändert. „Früher war sie die Partei der Proletarier, der Arbeiterschicht, der Gewerkschaften“.

Mit dem Aufkommen des Multikulturalismus verstünde sich die Linke immer mehr „als Vertretung der Minderheiten, von Frauen und anderen Identitätsgruppen“. Dabei habe sie den Kontakt mit der Arbeiterklasse und den weißen Wählern verloren – der Kerngruppe, die sie im 20. Jahrhundert unterstützte.

Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte
Kindler Verlag, Reinbek, 511 Seiten, ca. 48 Euro
ISBN: 9783463401324

„Die Rechte hat es besser geschafft, das Gefühl des Verlierens zu artikulieren, das ehemalige Angehörige der Mittelschicht verspüren“, sagt Fukuyama. Es ginge viel um den Verlust der Würde. Die Wähler von Populisten fühlten sich unsichtbar, von den Eliten ignoriert. „In Hollywood-Filmen gibt es die starke Frau, den Schwulen oder Afroamerikaner, aber niemals eine weiße Person aus der Arbeiterschicht“, nennt Fukuyama ein Beispiel.

Sind also linke Bewegungen etwa unter dem Anti-Sexismus-Schlagwort #MeToo oder dem Slogan Black Lives Matter der afroamerikanischen Gemeinschaft mit verantwortlich für den Populismus? „Ich möchte hier vorsichtig sein“, sagt Fukuyama. „Es gibt Polizeigewalt und sexuelle Angriffe. Der grundlegende Impuls ist richtig.“ Aber klar sei auch: Digitale Medien steuerten ihren Teil zum Erfolg der Populisten bei.

Soziale Netzwerke seien „wie geschaffen für Identitätspolitik“. Verschwörungstheorien oder krude Politikideen hätten auf einmal ein Sprachrohr. Nach Fukuyamas Meinung liegt die Verantwortung eindeutig bei den Googles und Facebooks dieser Welt.

Sie formulieren die Algorithmen, die darüber entscheiden, was oben auf dem Newsfeed steht oder nicht. Nur sie können Inhalte von Bots, Internet-Trolls oder von Verschwörungstheoretikern löschen. „Letztlich müssen diese Internetplattformen wie traditionelle Medien agieren und Inhalte filtern“, sagt Fukuyama.

US-Politologe Francis Fukuyama: „Überall gibt es Mini-Trumps“

US-Politologe Francis Fukuyama

„Überall gibt es Mini-Trumps“

Er prophezeite das „Ende der Geschichte“, nun fürchtet er um die Demokratie: Ein Gespräch mit dem großen amerikanischen Politologen Francis Fukuyama über Populismus, den Aufstieg der Autokraten und die Kraft der Freiheit.

Fest stehe: Google oder Facebook seien zu mächtig. „Wenn sie entscheiden, die Inhalte einer bestimmten Person nicht mehr zu veröffentlichen, dann ist es fast wie eine Zensur der Regierung.“ Man könne versuchen, sie zu regulieren – oder sie aufspalten. Beides sei sehr schwer, aber noch schwerer wiegen die Folgen. „Jetzt ist die Demokratie stark genug bedroht, dass wir wirklich etwas tun müssen.“

An den US-Universitäten wird stark zu dem Thema geforscht, erzählt Fukuyama. Beispielsweise habe die University of Chicago eine Konferenzreihe darüber ins Leben gerufen. „Anders als in Europa ist die Kartellbehörde in den USA sehr passiv, definiere Marktbeherrschung in sehr enggefassten Kriterien wie Konsumentenwohlfahrt und Preise“.

Die Produkte von Google und Facebook seien aber umsonst und von daher schwer zu kritisieren. „Wir versuchen, eine intellektuelle Grundlage für eine Reinterpretation von Kartellen zu bilden. Wir wollen politische Faktoren hereinnehmen, denn ökonomische Faktoren geben politische Macht.“

Hört man Fukuyama zu, hat er einen obersten Leitsatz: „Man muss liberale Werte und Institutionen verteidigen. In vielen europäischen Ländern gäbe es durch nicht integrierte Bevölkerungsgruppen in der zweiten und dritten Generation eine „sehr gefährliche Situation“, Europa würde sich dem Mittlere Osten annähern.

„Dort ist Identitätspolitik außer Kontrolle geraten, Syrien, Irak, Jemen oder Libyen fallen auseinander, weil es keine kohäsive nationale Identität gibt, die die Gesellschaft zusammenhält. Jede ethnische Gruppe will ihre Interessen verteidigen.“

Daher macht Fukuyama eine klare Ansage: Die Grenzen eines Landes müssen kontrolliert werden. Die Forderung von rechtsgerichteten Politikern sei „nicht sehr angenehm“ zu wiederholen, gibt der Professor zu. Aber es könne keine Demokratie geben, die nicht ihre Grenzen unter Kontrolle habe. „Angela Merkel beging einen großen Fehler, als sie 2015 nicht die Grenzen dichtmachte und Europa die Flüchtlingsströme nicht bewältigen konnte, die zu einer Gegenreaktion führten.“

Wir brauchen einen Nationalstaat, der auf demokratischen Werten aufbaut und eine vielfältige Bevölkerung akzeptiert.

Sind aber Immigranten nicht laut dem Migrationsbericht der Vereinten Nationen „eine Quelle des Wohlstands“? Die Aussage lässt Fukuyama stehen, aber unter der Voraussetzung, dass Immigranten erfolgreich in die Gesellschaft integriert werden. „Das braucht eine lange Zeit und gelingt nicht jedes Mal.“ Wie das gelingen könne, sei von Land zu Land verschieden. Aber was immer gilt: „Man will Immigranten in demokratische Werte, nicht unbedingt in die Kultur integrieren.“

Fukuyama gibt ein konkretes Beispiel: Ob eine muslimische Frau einen Hidschab trägt oder nicht, sei weniger von Bedeutung für den Erfolg einer demokratischen Gesellschaft. Wenn aber die muslimische Familie die Tochter dazu zwingt, zurück nach Marokko zu gehen und jemanden zu heiraten, dann ist das nicht zu tolerieren, weil es gegen Frauen- und Menschenrechte verstößt.

Wie wir werden, was wir sind

Fukuyama sieht wenig Zukunft für das Prinzip der Reise- und Bewegungsfreiheit in der EU. „Das Schengen-Abkommen bricht bereits in sich zusammen.“ In Dänemark gäbe es wieder Grenzkontrollen, Österreich und Ungarn hätten die Grenzen für Flüchtlinge geschlossen. Auch sei nicht klar, warum das System an sich gut sei. Es ist von Ökonomen unter der Annahme entworfen worden, dass es Arbeitsproduktivität maximiert. „Ich verbringe viel Zeit in Osteuropa, im Balkan oder der Ukraine.

Diese Länder sind wie leer gefegt.“ Die Ukraine habe in der vergangenen Generation ein Viertel ihrer Einwohner verloren, fast eine Million Polen seien in zwei Jahren nach Großbritannien gezogen. „Solche Bewegungen sind ökonomisch und kulturell sehr disruptiv und weder gut im Land, aus dem die Menschen kommen, noch in dem, wohin sie gehen“.

Es wäre nicht „das Ende der Welt, die Bewegung ein wenig zu verlangsamen. Ultimativ ziehen wir einen Nutzen aus Immigration, aber die Geschwindigkeit und Anzahl spielen eine Rolle.“ In dem Zusammenhang sei das deutsche Abstammungsprinzip bei der Einbürgerung „sehr merkwürdig“. Deutschland habe ein extrem liberales Asylrecht, aber ein sehr restriktives Staatsbürgerschaftsrecht. „Deutschland braucht ein Einwanderungsgesetz, das nicht auf ethnischer Herkunft basiert.“

Vita Francis Fukuyama

Der Ökonom

Francis Fukuyama ist US-Bürger mit japanischen Wurzeln und Vater von drei mittlerweile erwachsenen Kindern. Er reiste mehrfach auf den Balkan, nach Georgien und in die Ukraine: Ihn interessiert, wie eine bessere Regierungsführung und ein Kampf gegen Korruption möglich sind.

Der Wissenschaftler

Der Polit-Ökonom mit Harvard-Abschluss wird häufig auf seine These von der Demokratie als Endzustand der Geschichte reduziert. Doch der liberale Denker hat auch zu zahlreichen anderen Themen der Weltpolitik publiziert. Der frühere Professor der Universität in Baltimore und Regierungsberater arbeitet heute an der Stanford-Universität in Kalifornien.

Europa-Utopisten erteilt Fukuyama eine Absage und liefert ihnen in verlässlicher Fukuyama-Manier steile Gegenthesen: Eine europäische Identität sei nicht möglich. „Die EU fällt nicht auseinander, aber ich sehe auch keine Vereinigten Staaten von Europa entstehen.“

Das Momentum sei weg. Eine gemeinsame Verteidigungspolitik sei theoretisch eine gute Idee, aber es werde nicht dazu kommen. „Dafür gibt es zu viele Meinungsverschiedenheiten in der EU.“ Europa müsse sich auf enggefasste wirtschaftliche Ziele beschränken.

Wie also entsteht Identität? „Auf nationaler Ebene“, sagt Fukuyama. „Das ist immer noch die wichtigste politische Einheit.“ Das klingt eher nach 19. Jahrhundert als nach 2019: „In der Tat, das stimmt. Aber der Nationalstaat im 19. Jahrhundert basierte auf ethnischer Zugehörigkeit und wir wollen definitiv nicht dahin zurückgehen. Wir brauchen einen Nationalstaat, der auf demokratischen Werten aufbaut, eine vielfältige Bevölkerung akzeptiert und nicht auf Herkunft oder Religion aufbaut“.

Dann hätte auch der Professor mit seinem „Ende der Geschichte“ doch noch recht behalten.

Kommentare (1)

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Herr MARKUS LUBIG

08.02.2019, 09:17 Uhr

Interessant vor allem, wie ein Hochschulprofessor und damit Mitglied des Establishments provokante Äußerungen tätigen kann, ohne gleich von unseren gleich geschalteten Medien öffentlich gekreuzigt zu werden! 

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