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14.06.2019

00:30

Rezension

„Blinder Galerist“: Die Autobiografie von Johann König

Von: Susanne Schreiber

Johann König verlor bei einem Unfall sein Augenlicht – und ist einer der bekanntesten Galeristen Deutschlands. Nun hat der Kunstversteher eine Autobiografie veröffentlicht.

Die Autobiografie des 37-Jährigen heißt „Blinder Galerist“ ullstein

Johann König

Die Autobiografie des 37-Jährigen heißt „Blinder Galerist“

DüsseldorfJohann König ist schon länger einer der erfolgreichen jungen Galeristen in Deutschland. Der 37-jährige Wahlberliner hat ein Händchen für aufstrebende Künstlerinnen und Künstler mit Potenzial. König vertritt Alicja Kwade und Andreas Schmitten, die abstrakte Malerin Katharina Grosse und den gegenständlichen Maler Norbert Bisky. Die Konzeptkünstler Jeppe Hein und Natascha Sadr Haghighian wurden zur gerade laufenden Biennale von Venedig gebeten. Die internationalen Sammler reißen sich um solche Künstler, Königs Künstler. Inzwischen hat er knapp 40 Künstler unter Vertrag.

Seine Galerie, die König Galerie, agiert in Berlin aus einer ehemaligen Kirche heraus, deren Stil man dem „Betonbrutalismus“ zurechnet. St. Agnes ist ein Ort, den man gesehen haben muss, wenn man mitreden will. Außerdem unterhält der Galerist mit Geschäftssinn eine weitere Dependance in London. Dass es sich dabei um eine schnöde Tiefgarage handelt? Geschenkt! Wer schaut schon auf Äußerlichkeiten?

König, der Ästhet, der Galerist, der Kunstversteher, kann selbst kaum etwas sehen. Als Zwölfjähriger hat er mit der Munition einer Startschusspistole gespielt und das rechte Auge verloren. Sein außergewöhnliches Leben, wie er die Galerie-Eröffnung vergeigt hat, wie ahnungslos er war, schildert der lässige Kunstverkäufer in seinem Buch „Blinder Galerist“ dem Autor Daniel Schreiber.

Auf 168 flott erzählten Seiten erhält der Leser Einblick in das Leben eines Kämpfers, der nach dem Unfall Sinne und Kopf zuerst für sein (mühsames) Überleben, dann für seine Künstler und das Geschäft einzusetzen lernt. Deutlich wird, dass es bei König nicht nur um das Aussehen eines Kunstwerks geht, sondern auch um das Konzept dahinter, die richtigen Kontakte, das Marketing und die Bedienung der Schaltstellen im Betriebssystem Kunst.

König wuchs mit Künstlern auf, Andy Warhol, On Kawara oder Rosemarie Trockel waren ständig zu Hause oder in den Ferien mit dabei. Sein Vater ist der einflussreiche Kurator und spätere Museumsdirektor Kasper König, seine Mutter die Schauspielerin und Illustratorin Edda Köchl-König, sein Patenonkel der Videopionier Nam June Paik. Das unablässige Reden über Kunst war für den Jugendlichen vor dem Unfall so lästig wie langweilig. Doch der Verlust der Sehkraft änderte alles.

Erst 30 Operationen nach dem Unfall im Kinderzimmer vermag Königs linkes Auge ein bisschen was zu sehen. Trauma, Reha und Blindenschule folgen. Vom Kortison wird König 100 kg schwer. Sein stets Rad fahrender Vater baut eigens ein Tandem und nimmt ihn mit in die Frankfurter Kunstakademie Städel, deren Rektor er geworden war. Auch nach New York zu Jeff Koons ins Atelier darf der fast blinde Sohn selbstverständlich mit.

Fest in Frankfurts Kunstszene verwurzelt, bekommt Johann König das Angebot, Assistent eines Kurators zu werden. Doch er kann keine Büroarbeit oder Reisen organisieren. „Aber ich kann gut mit Künstlern zusammenarbeiten.“ Noch vor dem Abitur gründet der Zwanzigjährige 2002 seine eigene Galerie.

Sein lebenslang angehäuftes Wissen über Kunst, das Verhalten von Künstlern, die Netzwerke und ein Gespür für die Belastbarkeit neuer künstlerischer Positionen sollen zur beruflichen Basis werden. Widerstand auch in der eigenen Familie halten das sehbehinderte Verkaufstalent nicht ab.

Es gehört schon Sendungsbewusstsein dazu, mit 37 Jahren eine Autobiografie vorzulegen. Johann König macht eben vieles anders als andere Galeristen: Er hat auch am Sonntag geöffnet und bietet neben wertvoller Kunst erschwingliche Souvenirs von Künstlern an. Er zeigt keine Angst vor den anstehenden Veränderungen des Marktes. Vielleicht, weil er selbst schon so gravierende Veränderungen erlebt hat.

Johann König, Daniel Schreiber: Blinder Galerist, 168 Seiten, Propyläen Verlag, 24 Euro, ab 14. Juni im Handel.

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