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23.10.2018

11:07

Wirtschaftskrimi „Das Tomatenimperium“

Die Kriminalisierung der Agrarindustrie am Beispiel der Industrietomate

Von: Lilian Fiala

Die Schattenseiten des Kapitalismus überschreiten mitunter die Grenzen der Legalität. Licht in dunkle Machenschaften bringt nun ein Krimi über – Tomaten.

Die Globalisierung erklärt anhand einer ganzen Industrie. dpa

Tomaten

Die Globalisierung erklärt anhand einer ganzen Industrie.

DüsseldorfArbeitskräfte zum Nulltarif, ultrapreiswertes chinesisches Konzentrat überschwemmt den Weltmarkt, nach billiger Tomatenpaste gierende Neapolitaner, die Nachfrage steigt jährlich um drei Prozent: Die Zutaten für einen Wirtschaftskrimi sind perfekt. Nur handelt es sich nicht um Fiktion. In seinem Buch „Das Tomatenimperium“ beschreibt der französische Journalist und Autor Jean-Baptiste Malet die Schattenseiten des Kapitalismus in einer globalisierten Welt.

Die Geschichte der Industrietomate steht beispielhaft für die stellenweise an Kriminalisierung grenzende Agrarindustrie. „Das Tomatenimperium“ verdeutlicht die Absurdität von Liefer- und Wertschöpfungsketten. Mit dem Bild einer Kette haben diese nur im entferntesten Sinne etwas gemeinsam. Es handelt sich vielmehr um ein Netz, ein undurchsichtiges Wollknäuel, in das Malet – zumindest im Fall der Industrietomate – ein wenig Klarheit bringt.

Denn bevor eine Dose Tomatenmark bei uns im Supermarktregal steht, wurden die Tomaten von afrikanischen Flüchtlingen auf italienischen Feldern gepflückt, in chinesischen Fabriken verarbeitet, zurück in Italien gestreckt und verpackt und dann hinaus in die Welt geschifft.

Die Abfallreste dieser Produktion landen dann – in Afrika. „Einige Unternehmen der Industrietomaten-Branche haben, wie andere Unternehmer der Welt, die empörende Neigung, den afrikanischen Kontinent mit einer Müllhalde zu verwechseln“, schreibt Malet.

Im Fall der Industrietomaten nimmt Afrika Waren auf, die abgelaufen, vergammelt und zum Teil bereits mit Maden und Bakterien verseucht sind, bevor sie die afrikanischen Häfen erreichen. Die gesundheitsschädliche Ware wird neu verarbeitet und in Umlauf gebracht. Bei einer Analyse der nigerianischen Regierung stellte sich heraus, dass in den Produkten einiger Tomatenmark-Hersteller nur ein geringer Anteil oder gar keine Tomaten enthalten waren.

Jean-Baptiste Malet: Das Tomatenimperium
Eichborn
2018
288 Seiten
18 Euro

Eine Sache bleibt nach dem Lesen des Tomaten-Krimis im Gedächtnis: Die Vielfalt in den Supermarktregalen täuscht nur Wahlfreiheit vor. Denn Malet findet in seiner Recherche heraus: Ob auf der Dose nun Heinz, Giaguaro oder Gino steht – der Inhalt bleibt der gleiche. Kaum ein Lebensmittel wird so universal verzehrt wie das Tomatenmark. So kommt es, dass zu den Protagonisten der Reportage ein chinesischer General, ein amerikanischer Forscher und die italienische Mafia gehören.

Zusammengefasst leiden unter dem von Malet kritisierten System die ärmsten Feldarbeiter und die Endkunden. Was dem Buch fehlt sind die Lösungsansätze. Malet macht keinen alternativen Vorschlag zu dem vorgestellten System der Weltmärkte.
Alles in allem lohnt sich die Lektüre dennoch, auch wenn die detaillierten Informationen zu jedem Teilaspekt der Industrietomate den Leser ab und an zum Überfliegen der Zeilen verleiten.

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