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21.03.2019

10:00

Kunst-Figur

Shudu Gram ist das perfekte Supermodel – doch sie existiert nur digital

Von: Lazar Backovic
Quelle:Handelsblatt Magazin

Shudu Gram ist wie geschaffen fürs Modelgeschäft – schön, elegant, flexibel. Doch die Superfrau hat einen Schönheitsfehler: Es gibt sie nicht.

Der Name des Avatars stammt von einer Instagram-Nutzerin aus Südafrika. Agentur Jennifer Powell

Kunstfigur Shudu Gram

Der Name des Avatars stammt von einer Instagram-Nutzerin aus Südafrika.

Model-Karrieren beginnen oft mit einer Entdeckung. Heidi Klum brauchte einen Showauftritt bei Thomas Gottschalk, Gisele Bündchen einen Big Mac und etwas Glück, und Cindy Crawford soll einst auf einer Farm in Illinois Maispflanzen bestäubt haben, als ein zufällig vorbeifahrender Pressefotograf ein Bild von ihr schoss.

Solche Legenden gehören zum Model-Geschäft wie im Alltag dann Laufsteg, Jetlag und Massen-Casting. Aber mit all dem könnte in einer Ära, da sich ohnehin alles digitalisieren lässt, bald Schluss sein. Zumindest in einer Nische. Dafür will auch Cameron James Wilson sorgen.

Der 29-jährige Fotograf aus der südenglischen Küstenstadt Weymouth hat kürzlich die erste Supermodel-Agentur für gut aussehende Avatare gegründet. Ihr Name: The Diigitals. Erst bei näherem Hinsehen fällt auf, dass die Models auf seiner Website mehr nach Computerspiel aussehen als nach Catwalk.

Bei Wilson wird nichts dem Zufall überlassen. Seine erste Schöpfung heißt „Shudu Gram“, ist von ebenmäßiger Eleganz und Schönheit und hat auf Instagram inzwischen mehr als 158.000 Fans.

Als der junge Brite das digitale Model 2017 am Bildschirm erschuf, steckte er in einer Sinnkrise: „Ich wollte damals etwas anderes als Fotografie machen“, erinnert sich Wilson, der in seinen ersten Berufsjahren auch echte Models und Influencerinnen wie Gigi Hadid fotografierte.

Der Grafiker ist der Erfinder des digitalen Models Shudu Gram. Agentur Jennifer Powell

Cameron James Wilson

Der Grafiker ist der Erfinder des digitalen Models Shudu Gram.

„Ich saß also da an meinem Laptop in der Gartenlaube meines Elternhauses und fing an, Shudu am Computer zu erstellen. Nach ein paar Tagen stürzte der Rechner ab. Alles war weg. Es war ein Albtraum.“

Doch Wilson raffte sich auf, arbeitete an ein paar Tagen alles wieder nach und postete das erste Bild von Shudu auf Instagram. Es hat bereits mehr als 10.000 virtuelle Herzchen auf der Plattform erhalten. Nicht schlecht für ein Wesen, das es gar nicht gibt.

Shudus Name stammt von einer Userin aus Südafrika, die Wilson um Mithilfe gebeten hatte. Demnach ist der Name beim südafrikanischen Stamm der Ndebele gebräuchlich. Die Proportionen seiner echt falschen Göttin hat Wilson dagegen der südafrikanischen Barbie nachempfunden. Weitere Inspirationsquellen waren Naomi Campbell, Alek Wek und Iman.

Betrachter bewusst im Unklaren gelassen

Anfangs ließ der Brite bewusst offen, ob Shudu echt ist oder nicht. „Ich wollte meine Fähigkeiten öffentlich auf die Probe stellen“, sagt er. „Das größte Kompliment, das man als 3D-Künstler bekommen kann, ist, wenn die Leute nicht genau sagen können, ob eine Animation echt ist oder nicht.“

Der Wendepunkt kam, als ein kalifornisches Independent-Label Wilson ein echtes T-Shirt schickte – in der Hoffnung, Shudu würde es auf einem ihrer nächsten Postings tragen. „Da war mir klar: Die denken wirklich, dass das alles real ist. Es war einfach zu verrückt“, erinnert sich der Fotokünstler.

Designer Wilson entwarf noch zwei weitere Avatare: Margot (l.) und Zhi (r.). Agentur Jennifer Powell

Shudu und die „Virtual Army“

Designer Wilson entwarf noch zwei weitere Avatare: Margot (l.) und Zhi (r.).

Wilson baute das Kleidungsstück am Rechner nach, zog es seinem Model virtuell über, schickte das echte T-Shirt zurück und offenbarte der kleinen US-Firma kurze Zeit später die Wahrheit. Die reagierte souverän und wirbt inzwischen offensiv auf Facebook damit, das weltweit erste digitale Supermodel für eine Kampagne gewonnen zu haben.

Mithilfe eines 3D-Programms kann Wilson seine Models in alles Mögliche kleiden: Shudu trug schon einen Lippenstift der Rihanna-Kosmetiklinie Fenty, ist kürzlich bei den British Academy Film Awards als Hologramm auf dem roten Teppich erschienen und hatte in der australischen und in der arabischen Ausgabe der „Vogue“ bereits eigene Fotostrecken.

Besonders geadelt wurde die Bit-Beauty im vergangenen Sommer, als sie für das Pariser Modehaus Balmain posieren durfte. Wilson entwarf eigens noch zwei weitere Avatare als „Balmain’s New Virtual Army“. „Der Modemarkt ist sehr traditionell geprägt“, sagt Wilson. „Deshalb sind meine Ideen für Marken wie Balmain interessant.“

„Shudu und die ‚Virtual Army‘ zeigen, wie wichtig digitale Bildersymbolik heute ist“, sagt Olivier Rousteing, Creative Director bei Balmain. Für das Luxuslabel hat offenbar auch die Tatsache, dass Wilson mit Shudu ein dunkelhäutiges Model erschaffen hat, eine wichtige Rolle bei der Auswahl gespielt. „Jede Balmain-Kampagne ist für ihr Bestreben bekannt, Schönheit in allen Facetten abzubilden“, erklärt Rousteing.

Das wolle man auch in der digitalen Zukunft so halten. „Und so haben wir den Kontakt zu Cameron James Wilson gesucht.“

Harsche Kritik von der Netzgemeinde

Doch nicht jeder sieht in Wilsons Werk einen Beitrag für mehr Diversity im Modebusiness. Im vergangenen Jahr erntete der junge Brite nach einem Interview mit „Harper’s Bazaar“ harsche Kritik aus der Netzgemeinde. Ausgerechnet ein „weißer Fotograf hat einen Weg gefunden, Profit mit einer schwarzen Frau zu machen, ohne sie zu bezahlen“, twitterte eine wütende Userin etwa.

Andere stimmten ihr zu. Ein echter Shitstorm um eine falsche Schönheit kam auf.

„Ich verstehe, woher diese Kritik kommt“, sagt Wilson heute. „Aber das war nicht meine Absicht.“ Er sei stolz, dass das erste digitale Supermodel dunkelhäutig sei. „Ich glaube, wir brauchen mehr weiße Leute, die das Bild einer vielfältigen Gesellschaft kreieren.“

Dass Digital-Models wie Shudu eines Tages aber die Model-Weltstars verdrängen könnten, hält selbst Wilson für unwahrscheinlich. „Ich denke, dass Avatare zwar die Modewelt verändern, aber niemanden arbeitslos machen werden. Es ist ähnlich wie in der Filmindustrie, wo es auch komplett animierte 3D-Filme gibt, aber eben auch weiterhin Filme mit echten Schauspielern.“

Am Ende geht es tröstlicherweise eben nicht nur um Schönheit, sondern auch um Persönlichkeit.

Bei den Honoraren werden Shudu und ihre Avatar-Geschwister den realen Models bereits ähnlicher. Exakte Zahlen will Wilson zwar partout nicht nennen, „aber natürlich gibt es Leute, die denken, digitale Supermodels seien viel günstiger. Das stimmt aber nicht. Es braucht viel mehr Zeit und Manpower, einen Avatar zu erstellen, als ein Model zu engagieren. Das ist der Preis, den man zahlen muss, um innovativ zu sein.“

Das Selbstbewusstsein stimmt also schon mal – und das ganz ohne Castingshow und Zufallsentdeckung im Maisfeld.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°2/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 22. März 2019 am Kiosk erwerben.

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