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05.09.2019

11:11

Deutscher Wirtschaftsbuchpreis

Ist der Kapitalismus noch zu retten?

Von: Frank Wiebe

Die gesellschaftliche Spaltung wächst, der Kapitalismus steckt in der Krise. Der Lösungsvorschlag des Oxford-Ökonomen Paul Collier: mehr Menschlichkeit.

Die soziale Ungleichheit wächst – auch, weil Mitglieder der Gesellschaft sich gegenseitig ausbeuten, schreibt Paul Collier. dpa

Bettler in München

Die soziale Ungleichheit wächst – auch, weil Mitglieder der Gesellschaft sich gegenseitig ausbeuten, schreibt Paul Collier.

Frankfurt Wer hat 2019 das beste Wirtschaftsbuch geschrieben? Das bedeutendste Werk wird auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet. Die zehn Finalisten auf der Shortlist werden in den Wochen vor der Buchmesse vorgestellt. Heute: „Sozialer Kapitalismus“ von Paul Collier.

Darum geht es

Der Kapitalismus ist in die Krise geraten. Die Gegensätze werden stärker: Reich gegen Arm, Gebildet gegen Ungebildet, Stadt gegen Land. Collier will diese Risse kitten. Dabei setzt er vor allem darauf, Gemeinschaften wieder zu beleben, die von gegenseitiger Verantwortung getragen werden. Die Gesellschaft ist seiner Meinung zu sehr in Individuen zerfallen, die einseitig Vorteile ausbeuten oder Rechtsansprüche stellen. Genossenschaften sind sein Leitbild.

Positiv stellt er deutsche Sparkassen heraus, die ihrer Region und nicht allein der höchsten Rendite verpflichtet sind. Hohe Mieten und Gehälter in Städten sieht er nicht als individuelles Einkommen, sondern weitgehend als unverdiente Gewinne aus der Zusammenballung von Ressourcen und Talenten an. Er schlägt daher vor, sie besonders zu besteuern und das Geld ländlichen Regionen zu Gute kommen zu lassen.

Loyalität ist für ihn ebenso wichtig wie Freiheit, Gerechtigkeit definiert er als Fairness, weniger als Anspruch auf Gleichheit. Sein Kernbegriff ist „Ethik“: Die fordert er für den Staat, die Unternehmen, die Familie, die ganze Welt.

Das ist der Autor

Paul Collier, britischer Ökonom deutscher Abstammung, lehrt in Oxford. Er wurde 1949 in Sheffield geboren, einer Stadt, die hart vom Niedergang der englischen Stahlindustrie getroffen wurde. Er bezeichnet sich als Sohn „ungebildeter“ Eltern. 1986 gründete das Centre for the Study of African Economies (CSAE) und leitete es bis 2014.

Sein Buch „Die unterste Milliarde“ über die Ärmsten dieser Welt, im Original 2007 erschienen, machte ihn berühmt. Sein Buch „Exodus“ von 2014 analysiert das Thema Migration und lässt Skepsis gegenüber zu starker Einwanderung anklingen. In seinem jüngsten Buch nimmt Collier immer wieder Bezug auf seine eigene Biografie, wodurch das Werk spürbar an Farbe gewinnt.

Das überrascht

Collier lässt sich hier, wie schon in seinen früheren Büchern, nicht in eine gängige politische Schublade einordnen. Er lehnt Staatsgläubigkeit ebenso wie ausufernden Finanzkapitalismus ab. Explizit wendet er sich gegen rechte Populisten. Aber linksliberale Denker mit abstrakten Ideen von Gerechtigkeit und dem Hang, immer wieder neue Opfergruppen zu finden, sind ihm auch nicht geheuer.

Paul Collier: Sozialer Kapitalismus. Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft
Siedler Verlag
320 Seiten
20 Euro
ISBN-13: 978-3-8275-0121-9

Besonders greift er in dem Zusammenhang den bekannten US-Philosophen John Rawls an, und sieht die ehemalige US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton als „archetypische rawlsianische Juristin.“ Angela Merkel habe 2015 die Grenzen Deutschlands „mit einer seltsamen Mischung aus rawlsianischem Legalismus und Populismus“ geöffnet.

Er ist überzeugt: „Es gibt sehr wohl nachhaltige Lösungsansätze für die Prozesse, die den Zusammenhalt in unseren Gesellschaften untergraben, aber sie lassen sich weder aus dem moralischen Rigorismus einer Ideologie noch aus den unausgegorenen Patentrezepten des Populismus ableiten.“ Aggressiver Nationalismus ist ihm fremd, aber die Nation hält er für einen sehr wichtigen, vor allem von Linken unterschätzten Bezugspunkt.

Das ist problematisch

Collier fordert die Aufwertung traditioneller Gemeinschaften und Werte. Weil aber, auch nach seiner Analyse, traditionelle Gemeinschaften zerfallen, fragt sich, ob sie noch verbindliche Maßstäbe liefern können. Er spricht von „normalen moralischen Instinkten“ und fordert die Abkehr abstrakter Prinzipien. Aber was ist heute noch „normal“?

So viel versteht man

Das Buch ist auch ohne Fachkenntnisse leicht zu lesen. Es ist klar geschrieben. Allerdings bezieht sich Collier auf die Philosophie des Kommunitarismus, die vor allem in Amerika zu Hause und in Europa nicht durchweg bekannt ist.

Er stellt dieses Konzept nicht explizit vor und bezieht sich auch nicht auf bekannte Vertreter dieser Richtung wie Michael Walzer oder Amitai Etzioni, sondern breitet es nach und nach vor dem Leser aus. Daher bleibt der Begriff „Kommunitarismus“ zunächst unerklärt, was zu Verwirrung führen kann.

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