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15.08.2019

15:42

Deutscher Wirtschaftsbuchpreis

Warum es meistens gut geht: „Die Stunde der Optimisten“

Von: Christian Rickens

Die Deutschen sehen immer Schwarz. Das sagt der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar. Er argumentiert dagegen und hat Hoffnung für die Probleme unserer Zeit.

Der 61-jährige Schweizer lehrt Volkswirtschaft an der Universität Hamburg. imago/Christian Thiel

Thomas Straubhaar

Der 61-jährige Schweizer lehrt Volkswirtschaft an der Universität Hamburg.

Düsseldorf Wer hat 2019 das beste Wirtschaftsbuch geschrieben? Das bedeutendste Werk wird auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet. Die zehn Finalisten auf der Shortlist werden in den Wochen vor der Buchmesse vorgestellt. Heute: „Die Stunde der Optimisten – So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft“ von Thomas Straubhaar.

Darum geht es

In „Die Stunde der Optimisten“ wendet sich Thomas Straubhaar gegen die gerade in Deutschland gerne gepflegte Untergangsstimmung. Angesichts von Jobverlusten durch die digitale Revolution, von Klimawandel und Handelskriegen argumentiert der frühere Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts: Die historische Erfahrung spreche dafür, dass die menschliche Kreativität lernen werde, mit den derzeitigen Problemen umzugehen. Das habe sie bisher schließlich noch jedes Mal geschafft.

„Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in New York 200.000 Pferde – bei einer Bevölkerung von dreieinhalb Millionen Menschen“, schreibt Straubhaar. „Der Pferdemist führte im Sommer zu fürchterlichem Gestank und brachte Milliarden von krankheitsübertragenden Insekten und Millionen von Ratten mit sich.“

Der Siegeszug des Autos habe dann überraschend dieses bis dato als unlösbar geltende Umweltproblem beseitigt. Inzwischen ist freilich das Auto selbst zum Problem geworden. Aber auch diese Herausforderung wird sich, so Straubhaars Botschaft, wahrscheinlich bewältigen lassen – auch wenn wir die Lösung derzeit womöglich noch gar nicht kennen.

Um solchen Unwägbarkeiten besser begegnen zu können, plädiert Straubhaar für einen Umbau des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems: Weg vom Streben nach Stabilität, hin zur Resilienz. Dieser politökonomische Modebegriff besagt, dass sich Systeme möglichst flexibel an unerwartete Veränderungen anpassen sollen. Abgelaufen ist für Straubhaar hingegen die „Zeit der Masterpläne, großen Würfe aus einem Guss und perfekten To-do-Listen“.

Das ist der Autor

Thomas Straubhaar gehört zu den erfrischendsten Köpfen in der deutschsprachigen Ökonomenszene. Der 62-jährige Schweizer, der an der Universität Hamburg Volkswirtschaft lehrt, ist von marktwirtschaftlichen Grundüberzeugungen geprägt.

Thomas Straubhaar: Die Stunde der Optimisten – So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft
Edition Körber, 2019, 368 Seiten, 22 Euro

Doch diese Ansichten führen ihn oft zu unkonventionellen Schlüssen. So gehörte er früh zu den Verfechtern eines bedingungslosen Grundeinkommens. Mit diesem Mix aus Positionen lässt er sich kaum in das gängige Links-rechts-Schema der deutschen Ökonomenzunft einordnen.

Das überrascht

Viele der Gedanken, die Straubhaar darlegt, sind nicht neu. Dass Digitalisierung, Daten und Demografie „die fundamentalen Herausforderungen kommender Dekaden darstellen“ und diese drei Faktoren „Bisheriges und Altbekanntes ganz grundsätzlich in Frage stellen“: Wer wollte da wiedersprechen?

In der Zusammenschau indes ergeben Straubhaars Ideen den Entwurf für eine freiheitliche und zugleich faire Gesellschaft, die Lust darauf macht, in ihr zu leben. „Die Stunde der Optimisten“ stimmt tatsächlich optimistisch.

Und seinem unorthodoxen Ruf bleibt der Autor auch diesmal treu. So plädiert er zum Beispiel für staatlich finanzierte Ausbildungszeiten, die Menschen Weiterbildung bis ins hohe Alter ermöglichen. Dieses in Deutschland eher bei der SPD verortete Projekt soll den Bürgern helfen, sich an die rasch und unvorhersehbar wechselnden Anforderungen des Arbeitsmarkts anzupassen.

Gleichzeitig will der Wissenschaftler in geradezu libertärer Manier alle Unternehmensteuern abschaffen, weil sich in der Digitalwirtschaft die Wertschöpfung kaum noch einem geografischen Ort zuordnen lasse.

Stattdessen möchte Straubhaar nur noch an Aktionäre oder Gesellschafter ausgeschüttete Gewinne besteuert sehen – und zwar mit dem gleichen Steuersatz wie Arbeitseinkommen. Allerdings lässt Straubhaar offen, wie er verhindern will, dass die Empfänger solcher hohen Kapitaleinkünfte ihren Erstwohnsitz gezielt in Staaten mit besonders niedrigen Einkommensteuersätzen verlegen.

So viel versteht man

Auch als ökonomischer Laie lässt sich Straubhaars Buch gut lesen und verstehen. Die größere Herausforderung besteht darin, sich überhaupt erst einmal auf die ungewohnt positive Weltsicht des Schweizers einzulassen.

Mehr: Zollstreit, Währungsmanipulation, Brexit, Eskalation – beunruhigende Schlagworte. Das sind die Themen der besten Wirtschaftsbücher 2019?

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