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12.09.2019

12:05

Deutscher Wirtschaftsbuchpreis

Warum es neue Regeln für Algorithmen braucht

Von: Lazar Backovic

Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt fordern einen Gesellschaftsvertrag für das KI-Zeitalter. Sie liefern provokanten und relevanten Diskussionsstoff.

Wer haftet, wenn ein selbstfahrendes Auto einen Unfall verursacht? obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH

Autonomes Fahren

Wer haftet, wenn ein selbstfahrendes Auto einen Unfall verursacht?

Düsseldorf Wer hat 2019 das beste Wirtschaftsbuch geschrieben? Das bedeutendste Werk wird auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet. Die zehn Finalisten auf der Shortlist werden in den Wochen vor der Buchmesse vorgestellt. Heute: „Wir und die intelligenten Maschinen“ von Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt.

Darum geht es:

Algorithmen sind so etwas wie Allzweckreiniger für die blinden Flecken der großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit. Sie sollen Krebs erkennen, noch bevor Tumore wachsen, Verbrechen verhindern, ehe sie geschehen, und den Traumjob vermitteln, ohne zu diskriminieren. Doch wie das mit Versprechen so ist – sei es auf Putzmittelflaschen oder in Programmcodes: Vorsicht ist geboten.

Denn neben Gewinnern des digitalen Wandels wird es über kurz oder lang auch Verlierer in unserer „algorithmischen Gesellschaft“ geben, wie Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt erklären. Dem Autorenduo geht es dabei weniger um die Darstellung einzelner technischer Finessen, als vielmehr um die sozialen Folgen und Gestaltungsfragen beim Megathema Künstliche Intelligenz (KI).

Dräger und Müller-Eiselt stellen dabei nicht nur Fragen, sondern geben auch Lösungsvorschläge in die aktuelle KI-Debatte hinein. Einige davon sind absolut notwendig, wie der Vorschlag, einen Haftungsrahmen für automatisierte Entscheidungen zu entwickeln – etwa nach Unfällen mit selbstfahrenden Autos. Andere Ideen sind höchst wünschenswert, wie ein Algorithmen-Tüv, der auch die gesellschaftlichen Folgen einzelner KI-Anwendungen berücksichtigt.

Andere Ideen wiederum dürften polarisieren, etwa der Autorenvorschlag, Unternehmen ab einer bestimmten Marktmacht dazu zu verpflichten, „Teile ihrer Rohdaten auch möglichen Konkurrenten zur Verfügung zu stellen“. Gesamteindruck: provokanter und relevanter Diskussionsstoff für die oft lahmende Digitalrepublik Deutschland.

Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt: Wir und die intelligenten Maschinen. Wie Algorithmen unser Leben bestimmen und wir sie für uns nutzen können
DVA
272 Seiten
20 Euro
ISBN-13: 978-3421048417

Das sind die Autoren:

Dräger und Müller-Eiselt stehen beide im Dienst der Bertelsmann Stiftung. Der eine – Dräger, 51 – war 2001 parteiloser Wissenschaftssenator in Hamburg und ist Bertelsmann-Vorstand für Bildung und Integration. Der andere – Müller-Eiselt, 37 – beschäftigt sich als Megatrend-Direktor mit Chancen und Risiken der Digitalisierung. Er verantwortet auch einen Blog zu ethischen Fragen von KI.

Das überrascht:

Das Überraschendste sind die vielen eindrücklichen Beispiele in „Wir und die intelligenten Maschinen“, die zeigen, wie Algorithmen schon heute eingesetzt werden. Und das oft, ohne dass wir groß davon wüssten. Oder war Ihnen klar, dass das Düsseldorfer LKA nicht nur Vorreiter für Kriminalitätsprognosen ist, sondern auch anhand von Daten über Bebauung, Demografie, Wetter und Verkehrslage Wahrscheinlichkeiten für Einbrüche berechnen kann – und mit diesen Informationen einen Teil seiner Einsätze plant?

Oder dass in Teilen Berlins Grundschulplätze seit einigen Jahren algorithmengestützt vergeben werden? Laut einer Bertelsmann-Umfrage, die Dräger und Müller-Eiselt zitieren, weiß nur ein Zehntel der Deutschen, wie Algorithmen in etwa funktionieren. Viele Passagen in „Wir und die intelligenten Maschinen“ wirken daher auf den Leser erst einmal wie Science-Fiction und sind doch bereits heute Realität.

So viel versteht man:

Nicht nur die Nähe der Beispiele, auch die Sprache, mit der Dräger und Müller-Eiselt über vermeintliche Nerd-Themen wie Algorithmenethik und offene Quellcodes schreiben, sorgen dafür, dass der Leser lange und gebannt weiterliest. Gerade die ersten Kapitel haben viele fast reportageartige Elemente und lassen aufgrund der Informationstiefe einiges an Recherchearbeit vermuten.

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