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03.10.2019

12:29

Deutscher Wirtschaftsbuchpreis

Wie die US-Ölindustrie Klimabemühungen zunichte macht

Von: Jakob Blume

Während Europa versucht, gegen die Erderwärmung zu kämpfen, stoßen die USA Mengen an klimaschädlichem CO2 aus. Das Schieferöl boomt.

Jeden Tag fluten die USA den Weltmarkt mit 13 Millionen Barrel Öl. Reuters

Fracking in Texas

Jeden Tag fluten die USA den Weltmarkt mit 13 Millionen Barrel Öl.

Frankfurt Wer hat 2019 das beste Wirtschaftsbuch geschrieben? Das bedeutendste Werk wird auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet. Die zehn Finalisten auf der Shortlist werden in den Wochen vor der Buchmesse vorgestellt. Heute: „Ölbeben“ von Heike Buchter.

Darum geht es:

Es ist eine kaum vorstellbare Entwicklung, die sich in den Vereinigten Staaten vollzogen hat: Innerhalb weniger Jahre sind die USA vom größten Ölimporteur der Welt zum größten Produzenten aufgestiegen. Erst kürzlich hat Amerika Saudi-Arabien und Russland sogar von der Spitze der weltgrößten Ölexporteure verdrängt.

Jeden Tag fluten die USA den Weltmarkt mit 13 Millionen Barrel Öl und unzähligen Kubikmetern Erdgas. Das meiste davon kommt aus dem Permischen Becken, einer Region in den Bundesstaaten Texas und New Mexico. Die Autorin Heike Buchter spürt dort dem Boom des amerikanischen Schieferöls nach.

Sie spricht vor Ort mit Arbeitern, Unternehmern und Lokalpolitikern, die von dem Ölrausch profitieren. In akribischer Archivrecherche zeichnet sie die Werdegänge der Protagonisten nach, ohne die die Förderung des Schieferöls niemals möglich gewesen wäre. Der Leser lernt etwa Colonel Edward Roberts kennen, der bereits im 19. Jahrhundert mit Kriegsmunition und Schießpulver Bohrlöcher aufsprengte und so die Grundlage für die umstrittene Fracking-Methode schuf, bei der unter hohem Druck Wasser, Sand und Chemikalien in Bohrlöcher gepresst werden, um Gas oder Öl aus Gestein zu lösen und zu fördern.

Auch versteht es die Autorin, die engen Verflechtungen zwischen Weißem Haus und texanischen Ölförderern nachzuzeichnen. So wird verständlich, wie die USA den grundlegenden Wandel zum Ölexporteur Nummer eins vorangetrieben haben – und welche Auswirkungen die Entwicklung auf Volkswirtschaften, Geopolitik und Weltklima hat.

Mit ihrem Buch liefert die Journalistin einen wichtigen Beitrag zur Klimadebatte. New York Germanpress

Heike Buchter

Mit ihrem Buch liefert die Journalistin einen wichtigen Beitrag zur Klimadebatte.

Das ist die Autorin:

Heike Buchter arbeitet als freie Autorin und Korrespondentin im New Yorker Büro der „Zeit“ und berichtet seit 2001 von der Wall Street. Ihr Report zu komplexen Finanzinstrumenten, die die Finanzkrise ausgelöst haben – veröffentlicht drei Monate vor der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers – war 2009 für den Henri-Nannen-Preis nominiert.

Die Wirkung von US-Präsident Donald Trump auf die Massen hat sie bereits vor dessen Wahl zum US-Präsidenten beschrieben. Im Jahr 2015 hat sie im Campus-Verlag ein Buch über die Macht des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock veröffentlicht.

Das überrascht:

Während Europa sich den Kopf darüber zerbricht, wie das beim Pariser Klimaabkommen vereinbarte Ziel der Erderwärmung um maximal zwei Grad noch zu erreichen ist, haben die USA eine Kehrtwende hingelegt. Sie setzen voll auf fossile Energieträger. Die Autorin liefert einen wichtigen Beitrag zur Klimadebatte, indem sie zeigt, wie durch Investitionen in Schieferöl-Projekte, Pipelines und Infrastruktur klimaschädliche CO2-Emissionen auf Jahre zementiert und die Hoffnung auf sinkende Emissionen zunichtegemacht werden.

Ihre nüchternen Beschreibungen der Fracking-Technologie und der Lieferketten der Schieferöl-Industrie führen dem Leser vor Augen, wie viele Lkw-Kilometer und Liter Wasser nötig sind, um ein Ölfass im Permischen Becken zu produzieren. Analysten, Fachpublikationen und einige Medien veröffentlichen seit Jahren Beiträge über den Schieferölboom in den USA.

Heike Buchter: Ölbeben. Wie die USA unsere Existenz gefährden.
Campus
Frankfurt 2019
304 Seiten
24,95 Euro

So viel versteht man:

Ein Rohstoff-Analyst dürfte in dem Buch zwar wenig Neues erfahren. Doch gerade im deutschsprachigen Raum gibt es bislang wenig Vergleichbares und Verständlicheres zum Aufstieg der USA als Ölnation. Buchters Buch lässt sich wie ein Roman in einem Rutsch durchlesen. Szenische Elemente und Protagonisten machen den abstrakten Schieferölboom greifbar. Technische Details teilt Buchter in gut lesbare Texthappen auf und diese beschränken sich auf das, was für das Verständnis nötig ist.

In wenigen Fällen rutscht Buchters Sprache allerdings etwas zu sehr ins comichaft Kindliche, etwa wenn die Autorin die Resultate früher Fracking-Experimente in Großbuchstaben mit „KAWUMM!“ beschreibt oder wenn von „Backe-backe-Kuchen-Sandförmchen“ die Rede ist. Das ändert jedoch nichts daran, dass „Ölbeben“ ein wichtiges und lesenswertes Buch ist.

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