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22.08.2019

14:46

Deutscher Wirtschaftsbuchpreis

„Wirtschaftskriege“ – Wenn die Wirtschaft zur Waffe wird

Von: Torsten Riecke

Ein Ethiker und ein Politikberater erklären, wie Wirtschaftskriege funktionieren. Aber sie brauchen lange, bis sie zum aktuellen Handelsstreit kommen.

Der Wirtschaftsethiker lehrt an der Leuphana Universität in Lüneburg. Christian Gogolin für Handelsblatt

Nils Ole Oermann

Der Wirtschaftsethiker lehrt an der Leuphana Universität in Lüneburg.

Berlin Wer hat 2019 das beste Wirtschaftsbuch geschrieben? Das bedeutendste Werk wird auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet. Die zehn Finalisten auf der Shortlist werden in den Wochen vor der Buchmesse vorgestellt. Heute: „Wirtschaftskriege – Geschichte und Gegenwart“ von Nils Ole Oermann und Hans-Jürgen Wolff.

Darum geht es

„Handelskriege sind leicht zu gewinnen“, twitterte US-Präsident Donald Trump im März vergangenen Jahres. Ein gutes Jahr später ist aus dem Konflikt mit China ein globaler Wirtschaftskrieg an mehreren Fronten geworden: Außer mit Strafzöllen bekämpfen sich Amerikaner und Chinesen mit Technologieverboten und Währungsmanipulationen. „Ich habe nie gesagt, dass es mit China einfach wird“, muss Trump heute einräumen.

Für Ole Oermann und Hans-Jürgen Wolff ist Trumps späte Erkenntnis keine Überraschung. „Das hat schon kriegerische Qualitäten“, urteilen die beiden Autoren im Handelsblatt-Interview über den Konflikt der Großmächte. „Es geht um strategische Ziele, um Macht und Vorherrschaft.“

Oermann und Wolff haben unter dem Titel „Wirtschaftskriege“ ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie die Wirtschaft bereits früher zum Kriegsziel und zur Waffe in geopolitischen Machtkämpfen geworden ist. Wer über die flüchtige Zeitungslektüre hinaus wissen will, wo die Fronten heutiger Wirtschaftskriege verlaufen und wie man die Eskalation vielleicht noch stoppen kann, der findet bei Oermann und Wolff erste Antworten.

Nils Ole Oermann und Hans-Jürgen Wolff: Wirtschaftskriege – Geschichte und Gegenwart
Herder, 272 Seiten, 24 Euro

Allerdings nehmen die Autoren einen sehr langen Anlauf, bis sie zu den aktuellen Handels-, Technologie- und Währungskriegen kommen. Akribisch versuchen Oermann und Wolff, zunächst für eine begriffliche Klarheit zu sorgen, und unterscheiden drei Arten von Wirtschaftskriegen: einen militärischen Konflikt mit wirtschaftlichen Zielen, den Kampf gegen die Kriegswirtschaft des Gegners und den Einsatz ökonomischer Instrumente, um politische Ziele zu erreichen.

Aktuell geht es zwischen den USA und China zum Glück bislang nur um die dritte Kategorie von Wirtschaftskriegen.

Das sind die Autoren

Oermann und Wolff sind ein eher ungewöhnliches Autorenduo. Der 46-jährige Oermann lehrt Ethik an der Universität in Lüneburg und an der Oxford University. In Oxford hat er auch über Kolonialgeschichte promoviert. Von 2004 bis 2007 beriet er als persönlicher Referent den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler.

Dort kreuzten sich auch die Wege mit Hans-Jürgen Wolff, der bis 2010 für Köhler das Bundespräsidialamt leitete. Promoviert hat der 61-Jährige über das Thema „Kriegserklärung und Kriegszustand nach Klassischem Völkerrecht“. Heute arbeitet der Jurist als Politikberater in Berlin.

Das überrascht

Das politisch interessanteste Kapitel haben sich die Autoren bis zum Schluss aufgehoben. Unter der Überschrift „Was tun?“ geben sie acht Empfehlungen, wie Deutschland und Europa sich im globalen Wirtschaftskrieg behaupten können. Ganz oben auf ihrer To-do-Liste steht die Forderung nach einer „Renaissance der wirtschaftlichen Staatskunst“.

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Was in der angelsächsischen Welt unter dem Begriff „economic statescraft“ seit Jahrhunderten zum Repertoire staatlichen Handelns gehört, ist im Nachkriegsdeutschland verloren gegangen. Oermann und Wolff plädieren dafür, das globale Wirtschaften zu einem Teil der Außen- und Sicherheitspolitik zu machen. In Ländern wie den USA ist das längst gang und gäbe. Wirtschaftspolitische Erwägungen sind seit Jahren Teil der nationalen Sicherheitsstrategie Amerikas. In Deutschland tut man sich dagegen nach wie vor schwer, die eigene wirtschaftliche Stärke für strategische politische Ziele einzusetzen.

So viel versteht man

Das Buch wendet sich nicht an den schnellen Leser, was dem komplexen Thema durchaus angemessen ist. Wer den langen Anlauf bis zum aktuellen Wirtschaftskrieg nicht scheut, lernt vor allem, dass und wie die Wirtschaft schon in früheren Konflikten immer wieder als „Waffe“ genutzt wurde. Lobenswert ist, dass die Autoren auch die Kollateralschäden einer klammheimlichen „Germany first“-Politik kritisch unter die Lupe nehmen.

Das Buch wurde nicht nur für ein Fachpublikum geschrieben, sondern ist auch für eine breite, interessierte Öffentlichkeit gut verständlich.

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