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11.10.2018

15:41 Uhr

Bedrohung oder Chance? dpa

Mensch und Roboter Hand in Hand

Bedrohung oder Chance?

Shortlist: Deutscher Wirtschaftsbuchpreis

Zwischen Heilsversprechen und Weltuntergangsängsten – Warum wir „digitalen Humanismus“ brauchen

VonMoritz Koch

Julian Nida-Rümelin und seine Frau Nathalie Weidenfeld rufen zur Zuversicht auf. Künstliche Intelligenz und Roboter seien eine Chance, keine Bedrohung.

BerlinJe weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto unheimlicher erscheint sie vielen: die Marktmacht der Netzgiganten, die Entwicklung künstlicher Intelligenz, der Einsatz von Kampfrobotern. Bücher, die vor einer technologischen Apokalypse waren, steigen zu Bestsellern auf. 

Eine Kassandra-Industrie ist entstanden. Je schriller die Warnung, desto besser fürs Geschäft. Roboter werden den Menschen die Jobs streitig machen, ihnen Selbstachtung nehmen, Unheil und Elend bringen. „Die Digitalisierung bedroht alles, was ist“, behauptet Populärphilosoph Richard David Precht

Der Münchner Denker Julian Nida-Rümelin würde die Bezeichnung als Populärphilosoph wahrscheinlich empört zurückweisen. Dabei ist auch er kein Elfenbeinturmbewohner. Soziale Gerechtigkeit, die Finanzkrise, die Migration, sogar der Dieselskandal: Es gibt kaum eine große gesellschaftliche Debatte, an der sich Nida-Rümelin zuletzt nicht beteiligt hat. 

Jetzt legt Nida-Rümelin gemeinsam mit seiner Frau Nathalie Weidenfeld ein Buch zur Digitalisierung vor. Aber es ist ganz anders, als die Werke der Untergangspropheten. Es ist der Versuch, einen Mittelweg in die Zukunft zu finden. Als „Digitalen Humanismus“ bezeichnen die beiden Autoren ihre Alternative zum Gegensatz von Weltuntergangsängsten und Fortschrittsgläubigkeit.

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Dahinter steckt einerseits die Absage an das, was das Autorenpaar „Silicon-Valley-Ideologie“ nennt, also das Versprechen der amerikanischen Netzgiganten, dass in der schönen neuen vernetzten Hightech-Welt alle Probleme gelöst sind und ein glückliches globales Dorf entsteht. Doch genauso wenden sich Weidenfeld und Nida-Rümelin gegen die Schwarzseherei, sehen Roboter und künstliche Intelligenz nicht als Gefahr, sondern als Chance.

Die beiden empfangen das Handelsblatt an Nida-Rümelins Lehrstuhl an der Uni München. Es geht in einen Hinterhof, eine schmale Treppe hinauf, vorbei an Plakaten, auf denen die Ahnengalerie der großen Denker verzeichnet ist. „Die Digitalisierung wird dagegen eher zu mehr Gleichheit in der Einkommensverteilung beitragen“, sagt Nida-Rümelin. „Insbesondere die Bezieher mittlerer Einkommen können profitieren, wenn sie sich digitale Kompetenzen aneignen.“

Julian Nida-Rümelin, Nathalie Weidenfeld: Digitaler Humanismus
Piper
2018
224 Seiten
24 Euro

Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit werde sich auflösen. Es sei „absurd zu glauben, wir könnten die Arbeitsplätze der Zukunft nur mit studierten Informatikern besetzen. Wir brauchen Handwerker, Techniker und kaufmännische Angestellte mit digitalen Kompetenzen.“ Kurz: Der Roboter stürzt uns nicht ins Elend.

„Brückenschlag zwischen Science-Fiction und Philosophie“

Der Gedanke, ein mechanisches Ebenbild zu schaffen, faszinierte den Menschen lange schon, bevor der Tscheche Josef Capek 1920 das Wort „Roboter“ erfand. Doch der Traum war stets mit Angst verbunden. Auftragskiller wie der „Terminator“ oder Repressionsgehilfen wie „Robocop“ prägen das Roboterbild der Popkultur.

Es ist ein besonderes Merkmal des Buches von Weidenfeld und Nida-Rümelin, dass es eine philosophische Analyse mit kulturellen Betrachtungen verbindet. Einen „Brückenschlag zwischen Science-Fiction und Philosophie“ nennen beide Autoren diese ungewöhnliche Kombination. Man kann das Buch also durchaus als Experiment betrachten, doch über weite Strecken gelingt es den Autoren dadurch, die richtige Balance zwischen Lesbarkeit und argumentativer Substanz zu finden.

Ihr vielleicht wertvollster Beitrag zur Digitalisierungsdebatte liegt jedoch in der Sachlichkeit, mit der sie sich der Thematik stellen. Das ist gar nicht so einfach in einer Zeit, in der einem schon bei der Zeitungslektüre angst und bange werden kann; in einer Zeit, in der Predator-Drohnen über dem Jemen kreisen, in der der erste F-16-Kampfjet ohne Pilot abgehoben ist und die Vereinten Nationen beunruhigt fordern, dass Roboter „nicht die Macht über Leben und Tod von Menschen erlangen“ dürfen. Von hier aus ist der Gedankensprung zum Endzeitkampf zwischen Mensch und Maschine nicht mehr weit.

Deutscher Wirtschaftsbuchpreis: „Gegen die Industrialisierung ist die Digitalisierung Pipifax“

Deutscher Wirtschaftsbuchpreis

„Gegen die Industrialisierung ist die Digitalisierung Pipifax“

Die Autoren von „Digitaler Humanismus“, Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld, über KI, Roboter – und warum Deutschland noch nicht verloren ist.

Doch Nida-Rümelin bezweifelt, dass die Digitalisierung die Menschheit vor Herausforderungen stellt, die sie nicht bewältigen könnte. Wir haben schon größere Disruptionsprozesse erlebt, betont er: „Die massivste wirtschaftliche und technologische Veränderung in der Menschheitsgeschichte hat zwischen 1800 und 1850 stattgefunden. Innerhalb weniger Jahrzehnte mussten Menschen im Zuge der Industrialisierung massenhaft in die Städte ziehen, um dort in Fabriken zu arbeiten.“ Die Untergangsangst ist ein ständiger Begleiter der Menschen. Bewahrheitet hat sie sich noch nie.

Auch die ungleiche Einkommensverteilung, die sich in vielen Gesellschaften auftut und Zukunftssorgen auslöst, hat für Nida-Rümelin weniger mit der Einführung neuer Technologien zu tun als mit der neoliberalen Wirtschaftspolitik. „Abbau von Staatsleistungen, Schwächung der Gewerkschaften: Thatcher und Reagan waren hier die Protagonisten.“ Das ist die eigentliche Botschaft des Buches: Wir haben unser Schicksal weiterhin selbst in der Hand.

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