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27.05.2022

11:45

Interview mit Boris von Heesen

Wirtschaftswissenschaftler zu toxischer Männlichkeit: „Eine finanzielle Schneise der Verwüstung“

Kriminalität, Drogenmissbrauch, Verkehrsunfälle: Der Buchautor erklärt, weshalb Männer diese Bereiche dominieren – und was das Patriarchat die Gesellschaft kostet.

Toxische Männlichkeit verursacht hohe Kosten. (Foto: Getty Images [M])

Finanzieller Fußabdruck

Toxische Männlichkeit verursacht hohe Kosten.

(Foto: Getty Images [M])

Der Auslöser für Boris von Heesens Buch liegt schon 20 Jahre zurück. Damals war er Geschäftsführer eines Drogenhilfeträgers in Frankfurt am Main und half in einem Konsumraum aus, in dem Drogenabhängige kontrolliert ihren Stoff nehmen können. Ihm fiel auf, dass dort kaum Frauen waren – der Beginn seiner Recherche.

Bald weitete er sie auf Verkehr, Gefängnisse, Kriminalität aus. Bei einem Vortrag vor drei Jahren dann merkte der Wirtschaftswissenschaftler, wie sehr das Thema die Zuhörenden interessierte – und formulierte in der Folge sein Archiv zu einem Buch.

Boris von Heesen: Männer sorgen in Deutschland für 63 Milliarden Euro Schaden

Herr von Heesen, Sie haben ein Buch darüber geschrieben, was Männer die Gesellschaft kosten. Wie viel ist das in Deutschland?
Es sind etwas mehr als 63 Milliarden Euro im Jahr, die sicher nur einen kleinen Teil abbilden. Das liegt daran, dass ich lediglich amtliche Statistiken ausgewertet habe, für die Kosteninformationen zur Verfügung standen. Es gäbe aber noch viele andere Bereiche und Daten. Mein Buch richtet sich, anders als es der Titel vielleicht suggeriert, nicht pauschal gegen Männer. Ich will zeigen, welche erheblichen ökonomischen Schäden das Patriarchat in Form ungesunder männlicher Verhaltensweisen verursacht.

Wie schlüsseln sich die 63 Milliarden auf?
Nehmen wir zum Beispiel Gefängnisaufenthalte. Knapp 94 Prozent der Insassen in Deutschland sind Männer. Ein Tag im Knast kostet 130 Euro pro Häftling. Das macht drei Milliarden Euro im Jahr. Die Kosten, die die sechs Prozent weiblicher Häftlinge verursachen, sind davon schon abgezogen. Dann die von Männern ausgehende häusliche Gewalt. Allein die direkten Kosten belaufen sich auf 803 Millionen Euro, zu 81 Prozent sind Frauen betroffen. Das Geld geht in die Arbeit von Polizei und Justiz, Schutz in Frauenhäusern sowie medizinische und psychologische Versorgung der Opfer nach Misshandlung und Vergewaltigung.

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    Welche Bereiche haben Sie noch untersucht?
    Männer verursachen überwiegend die Kosten bei Wirtschaftskriminalität, Diebstahl und vor allem Sucht. Auch beim Alkohol, Glücksspiel und starkem Tabakkonsum dominieren ganz klar Männer. Genauso bei den Folgen schlechter Ernährung oder bei Verkehrsunfällen mit Personenschaden.

    Boris von Heesen: Was Männer kosten. Der hohe Peis des Patriarchats.
    Heyne Verlag
    München 2022
    304 Seiten
    18 Euro

    Warum führen Männer diese Ranglisten an?
    Ich denke, dass soziale Prägungen und patriarchale Rollenstereotype verantwortlich sind, die ganz früh auf Jungen und Mädchen einwirken. Jungs hören Sprüche wie „Indianer kennen keinen Schmerz, Memme, Weichei“ und glauben, sie müssten hart sein, sich durchsetzen. Leider lernen sie dabei, ihre Gefühle abzuspalten.

    Boris von Heesen: Männern achten weniger auf Gesundheit

    Wer Angst, Scham oder Trauer zeigt, wird oft ausgelacht und abgewertet. Sicherer scheint rücksichtsloses Dominanzverhalten und das vermeintlich „Weibliche“, wie Zart- und Sanftheit, in sich zu unterdrücken. Gefangen in einem Panzer aus Zuschreibungen achten solche Männer tendenziell weniger auf ihre und die Gesundheit anderer – und kompensieren Stress und Unsicherheit später durch Alkohol, Drogen, Arbeitswut, Pornografie oder Gewalt und hinterlassen dabei eine finanzielle Schneise der Verwüstung.

    Welche Rolle spielt der Bildungshintergrund?
     Bei Gefängnisinsassen einen ganz erheblichen, betroffen sind eher Männer mit niedrigem Bildungsgrad. Bei den Süchten sind alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen vertreten, auch bei den Unfallverursachern, wobei besonders Männer mit hohem Bildungsgrad und Einkommen Verkehrsregeln brechen.

    Woher wissen Sie, dass Raserei und nicht ein unglücklicher Zufall einen Verkehrsunfall verursacht? 
    Sicher hat auch mal die Sonne geblendet. Aber in meinen Berechnungen ziehe ich immer die Beträge ab, die Frauen verursachen. Somit wären beide Geschlechter von solchen Zufällen betroffen. Sie erklären nicht, weshalb die von Männern verursachten Kosten bei Unfällen mit Personenschaden doppelt so hoch sind wie die von Frauen.

    Sie schreiben, dass Männer eine größere Verantwortung für den Klimawandel tragen, doch auch Frauen sind daran beteiligt. 
    Stimmt, zugleich fahren Männer schneller, kaufen die dicken Benzinschlucker und konsumieren doppelt so viel Fleisch. Auch können wir nicht leugnen, dass vor allem Männer in den vergangenen Jahrzehnten die Politik und Geschäftsmodelle geprägt haben, die den Klimawandel verursachen.

    Beziehen Sie in Ihre Bewertung auch ein, welche Werte Männer schaffen? 
    Natürlich schaffen Männer auch Arbeitsplätze und Innovationen. Ich fokussiere mich aber bewusst auf Statistiken, die die Gesellschaft enorm belasten.

    Inwiefern stützen auch Frauen das Patriarchat und verursachen Kosten?
     Manche Frauen sprechen Männern beispielsweise ab, sich so gut um Kinder kümmern zu können wie sie selbst. Bei den Kosten liegen Frauen im Bereich stiller Süchte vorn, etwa beim Konsum von Tabletten. Oder im Bereich der Essstörungen. Insgesamt zeigt sich aber ein deutliches Kostengefälle zulasten von Männern. Meine Mission ist nicht, die Geschlechter gegeneinander auszuspielen oder Schuld zuzuweisen. Ich präsentiere Fakten, damit wir sehen, was falsch läuft, und es ändern können im Sinne aller.

    Vita van Heesen

    Werdegang

    Boris von Heesen, Jahrgang 1969, hat Wirtschaftswissenschaften, Schwerpunkt Soziales Marketing studiert. Nach Stationen in der Diakonie in Bayern und der Drogenhilfe Frankfurt am Main gründete er ein Online-Marktforschungsinstitut. Heute arbeitet er als Männerberater und geschäftsführender Vorstand eines Jugendhilfeträgers.

    Autor

    In seinen Büchern beschäftigt sich von Heesen mit dem Thema kritische Männlichkeit. „Was Männer kosten“ ist sein drittes Buch zum Thema.

    Viele der Stereotype, die das Patriarchat aus Ihrer Sicht stützen, sind zugleich das Fundament erfolgreicher Karrieren. Selbstbehauptung auch auf Kosten anderer, Dominanz, Durchsetzungsfähigkeit, eine gute Portion Narzissmus. Warum sollten Männer sich davon lösen, wenn ihnen das den Weg in Vorstandsetagen ebnet?
    Wegen der dunklen Seite dieser Attribute, die uns ein Vermögen kostet. Doch auch die Seite des vermeintlichen Erfolgs hat einen hohen Preis. Topmanager, die auf ihre Karriere zurückblicken, haben häufig auf wertvolle Zeit mit ihren Familien und Freunden verzichtet. Im Ruhestand sind viele von der Leere stark überfordert. Statistisch sehen wir bei Männern eine frühere Sterblichkeit, starke Suchtanfälligkeit und eine extrem hohe Suizidrate. Die liegt bei 76 Prozent in allen Bildungs- und Altersschichten. Ich bin überzeugt, dass Männer erheblich profitieren, wenn sie sich aus dem Patriarchat befreien.

    Und wie?
    Statt sich selbst zu limitieren, könnten sie aus dem Set aller menschlichen Eigenschaften und Möglichkeiten die herauspicken, die wirklich stimmig für sie sind. Das kann, muss aber nicht in die klassische Konzernkarriere münden.

    Inwieweit profitieren Unternehmen, wenn Vorstände Rollenstereotype stärker hinterfragen?
    Sie binden Talente an sich, die nicht Karriere gegen Familie tauschen wollen und die Unternehmen weiterbringen. Sie gewinnen kooperativere, teamorientiertere Mitarbeiter. Es entsteht ein Umfeld, in dem es normal ist, sich mittags mal hinzulegen. Schließlich macht das die Arbeit effizienter. Statt zehn Stunden oder mehr reichen am Tag vielleicht nur sechs effektive Stunden.

    Noch werden in den Wirtschaftswissenschaften aber recht einseitige Erfolgsbilder vermittelt ...
    Das stimmt. Status, Konkurrenzdenken, ein hohes Gehalt, einflussreiche Posten. Wie meine Arbeit das Gemeinwohl oder die Umwelt unterstützt, spielte zumindest in meinem BWL-Studium gar keine Rolle. Die Folgen dieses an monetärem Erfolg orientierten „Schneller-Höher-Weiter“ erleben wir in Form der Klimakrise. Selbst- und Fremdausbeutung, auch unseres Planeten, sind Symptome des Patriarchats.

    Boris von Heesen: Besserer Zugang zur Gefühlswelt entscheidend

    Gibt es einen Weg, diese Männer zu erreichen – und was hätten sie davon, Privilegien aufzugeben?
    Wir sollten überforderten Männern die Hand reichen und sie zu einem Dialog einladen. Hier können ihnen die Argumente – belegt durch amtliche Statistiken – sachlich und auf Augenhöhe erläutert werden. Von einer geschlechtergerechten Gesellschaft profitieren letztlich alle Menschen. Wenn sich Partner auf Augenhöhe begegnen, tragen Männer nicht mehr die Hauptversorgerlast. Sie entwickeln bessere und intensivere Beziehungen zu ihren Kindern, ganz andere Männerfreundschaften, wo sie auch über Sorgen reden können, statt nur über Fußball. Männer würden gewalttätigen Auseinandersetzungen öfter aus dem Weg gehen und besser auf ihre Gesundheit achten. Bei Sorgerechtsstreitigkeiten würden Männer dieselben Rechte bekommen wie Frauen. Entscheidend dafür ist ein besserer Zugang zur eigenen Gefühlswelt.

    Weniger Geld und Status, dafür ein reiches Gefühlsleben. Wie viele Männer wird das überzeugen?
    Es ist ein Prozess. Aber ich glaube, wenn die Fakten so deutlich auf dem Tisch liegen und mit ihnen die Ursache, die Rollenstereotype, kann Handeln viel Geld und letztlich Leid sparen.
    Herr von Heesen, vielen Dank für das Interview.

    Dieser Artikel erschien zuerst am 21.05.2022 um 15:18 Uhr.

    Von

    aga

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