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22.12.2021

08:11

Dokumentarfilm

„The Lost Leonardo“ im Kino: Geldmaschine und politischer Spielball

Von: Sabine Spindler

Eine Rekordsumme wurde auf dem Kunstmarkt für den angeblich von Leonardo gemalten „Salvator Mundi“ bezahlt. Wie es dazu kam erzählt ein neuer Film, der jetzt in die Kinos kommt.

Das Knistern des Geldes symbolisiert diese kurze Einstellung mit den Dollarscheinen zwischen den Fingern des „Salvator Mundi“. Piece of Magic Entertainment

Filmstill aus Andreas Koefoeds Dokumentarfilm „The Lost Leonardo“

Das Knistern des Geldes symbolisiert diese kurze Einstellung mit den Dollarscheinen zwischen den Fingern des „Salvator Mundi“.

München Als Christie´s 2017 wenige Wochen vor dem sensationellen 450 Millionen-Verkauf den „Salvator Mundi“ in New York ausstellte, hatten viele der über tausend Besucher vor lauter Andacht vor dem angeblichen Leonardo-Gemälde Tränen in den Augen. Auch Leonardo DiCaprio gehörte zu den zutiefst Gerührten.

Andere wie der New Yorker Kunsthändler Robert Simon oder der Genfer Freilager-Betreiber Yves Bouvier hatten Jahre zuvor vor allem Dollarzeichen in den Augen. Besonders für sie und für die Mischung aus Lügen, Geld und Publicity interessiert sich der dänische Filmemacher Andreas Koefoed in seinem 100-Minuten-Dokumentarfilm „The Lost Leonardo“.

Für Koefoed ist der „Salvator Mundi“ eine Geschichte über Gier und Kunst als politischer Spielball, aber auch über den Ehrgeiz von Museumskuratoren und das menschliche Sehnen nach Wundern. Ein temporeicher Film mit tiefen Blicken hinter die Kulissen des Kunstbetriebes. So spannend erzählt wie ein Krimi.

Der Film folgt der Spur des umstrittenen Da Vinci-Gemäldes von seiner Entdeckung in einem kleinen Auktionshaus in New Orleans bis hin zum mysteriösen Rückzieher des Pariser Louvres in der großen Da-Vinci-Ausstellung 2019. Dort wollte der „Salvator Mundi“-Käufer, der saudische Prinz Mohammed bin Salman, sein Gemälde neben der „Mona Lisa“ sehen. Stattdessen hing in einem anderen Saal lediglich eine Kopie des teuersten Gemäldes der Welt.

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    Diese Episode in den letzten Minuten des Films macht deutlich, dass die Spekulation um die zukünftige Rolle und die Echtheit des Gemäldes ohne hinlängliche Provenienz noch lange nicht zu Ende ist. Aber schon jetzt ist es die bislang aufregendste Geschichte der Kunsthistorie.

    Als drei New Yorker Kunsthändler noch von einem 200 Millionen-Dollar-Verkauf träumten: Der in höchste Museumskreise bestens vernetzte Warren Adelson und die Salvator-Mundi-„Entdecker“ Alexander Parish und Robert Simon. Piece of Magic Entertainment

    Akteure der ersten Stunde

    Als drei New Yorker Kunsthändler noch von einem 200 Millionen-Dollar-Verkauf träumten: Der in höchste Museumskreise bestens vernetzte Warren Adelson und die Salvator-Mundi-„Entdecker“ Alexander Parish und Robert Simon.

    Koefoeds Film funktioniert wie eine raffinierte Zeugenbefragung zu einem Fall, der viel größere Dimensionen annimmt als die Frage nach der Authentizität seines Malers. Es geht um den Umgang mit Wahrheit und um das Verhältnis von Sensation, Geschäft und Macht.

    Nachdem der „Sleeper Hunter“ Alexander Parish, dessen Geschäft das Aufstöbern falsch zugeschriebener Bilder in Auktionshäusern ist, und der New Yorker Kunsthändler Robert Simon das Bild für 1175 Dollar gekauft hatten, tritt die Restauratorin Dianna Modestini ins Geschehen. Als konservatorische Ruine kam das Bild in ihr Atelier. Glatt und mit dem schleierhaften Gesichtsausdruck der Mona Lisa verließ es diesen Ort.

    Später wird im Film jemand sagen, dass erst Modestini das Bild zu einem Leonardo gemacht hat. Doch den Wechsel vom „Art Game“ zum handfesten „Money Game“, so die Titel des 1. und 2. Kapitels, läutet Luke Syson ein. Der Kurator der National Gallery London nimmt die Bewunderung wahr und ignoriert die Skepsis der Experten. Er hängt das Bild als große Entdeckung und echten Leonardo in die Da-Vinci-Ausstellung von 2011.

    Der Kunstspediteur, Strippenzieher und Profiteur im Fall Leonardo vor den Stahlkammern des von ihm betriebenen Genfer Freilagers. Piece of Magic Entertainment

    Yves Bouvier

    Der Kunstspediteur, Strippenzieher und Profiteur im Fall Leonardo vor den Stahlkammern des von ihm betriebenen Genfer Freilagers.

    Für die Besitzer ist der Weg zum „big deal“ von avisierten 200 Millionen Dollar frei. Doch Museen reagieren wegen der vielen Zweifel abweisend. Nun betritt eine neue Figur das Spielfeld. Die Kamera folgt einem schmalen, blassen Mittfünfziger auf einem akrobatischen Einrad beim Kurvendrehen. Es ist der Schweizer Kunstspediteur und Freilager-Besitzer Yves Bouvier, der dem russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew das Bild sehr trickreich mit einem Aufschlag von 40 Millionen Dollar besorgt hat.

    Während Bouvier über den Milliardär Rybolowlew spricht, zeigen Bilder die ökologische Katastrophe in dessen Kali-Mine im Ural und einen Flieger hoch über den Wolken. Bouvier: Rybolowlew transformiert sein Geld am liebsten in Assets in Ausland, die er mit ins Flugzeug nehmen kann. Allein Bouvier verkauft ihm 37 Gemälde.

    Was den Film so fesselnd macht: Koefoed schneidet die Berichte und Kommentare wichtiger Akteure, Skeptiker und Kritiker zu einer Chronologie voller Eigendynamik zusammen und überblendet sie oft mit seltenem Archivmaterial. Das ist beispielsweise für Sekunden Yves Bouvier mit einem Buch in der Hand zu sehen. Der Inhalt wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Es sind über 80 Meisterwerke aus seinem Frei-Lager, für deren Besitzer er fern von Zoll, Fiskus und Öffentlichkeit Interessenten suchen darf.

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    In den Medien ist es längst etwas stiller um den Fall Salvator Mundi geworden. Umso interessanter ist das letzte Filmkapitel. Koefoed montiert einen touristischen Werbespot Saudi-Arabiens. Monumentale moderne Kunst verwandelt karge Felslandschaft in einen Skulpturenpark.

    Kultur-Tourismus soll demnächst die Ausfälle aus dem versiegenden Ölgeschäft auffangen. Günstig war da die Gelegenheit für den saudischen Thronfolger, während der Gespräche mit Frankreichs Präsidenten Macron über milliardenschwere Gütertransfers in die arabische Monarchie auch über den Salvator Mundi zu reden. Die Louvre-Ausstellung sollte dem Gemälde den ewigen Heiligenschein als männliches Pendant zur Mona Lisa verpassen.

    Wer immer noch an die Unschuld der Kunst glaubt, sollte diesen Film nicht verpassen: „The Lost Leonardo“, Regie: Andreas Koefoed, DK/FR, 2021, 100 Minuten, dt. untertitelt, Start in Deutschland und Österreich am 23. Dezember 2021.

    Mehr: Leonardo da Vinci: Neue Zweifel am „Salvator Mundi“

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