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25.03.2021

10:45

100. Geburtstag von Joseph Beuys

Das Werk des Weltkünstlers: Zu sperrig für einen breiten Markt

Von: Sabine Spindler, Susanne Schreiber

Museen feiern Beuys, doch der Markt ist überschaubar. Ketterer überrascht mit einer Privatsammlung. Eine internationale Marktumschau in Auktionshäusern und Galerien.

Die Installation wurde in den Kunsthallen Schaffhausen aufgenommen, bevor sie an den Sammler Erich Marx verkauft wurde. VG Bild-Kunst, Bonn 2015 /Daniel Rosenthal / Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Joseph Beuys „Das Kapital Raum 1970-1977“

Die Installation wurde in den Kunsthallen Schaffhausen aufgenommen, bevor sie an den Sammler Erich Marx verkauft wurde.

Düsseldorf Joseph Beuys wurde vor 100 Jahren geboren und starb vor 35 Jahren. Der Mann, der meist Hut und Anglerweste trug, hat die Kunstgeschichte umgeschrieben. Mit Fettecken, Filzobjekten und zart getuschten Hirschen erweiterte er den Kunstbegriff. Unvergessen bleibt seine Gleichung „Kunst = Kapital“. Da setzt er Kreativität mit gesellschaftlichem Empowerment in eins. Während Dutzende Museen den Jahrhundertkünstler mit Ausstellungen ehren, zeigt sich der Kunstmarkt eher verhalten. Das hat mehrere Gründe.

Die Fragilität von Fett und anderen Substanzen in Beuys‘ Kunstwerken, lässt so manchen Sammler zögern. Dann hat der strategisch agierende Künstler gern ganze Werkkomplexe bei nur wenigen Sammlern und Museen selbst platziert. Und schließlich reagierte der bedeutende amerikanische Markt mit seiner Vorliebe für die strenge Form der Minimal Art mit Skepsis auf die höchst subjektive, Mythen beladene Kunst des Schamanen Beuys.

Nur 2015 gab es einen singulären Privatverkauf. Da veräußerten drei Sammler, die jahrzehntelang die Kunsthallen im schweizerischen Schaffhausen betrieben hatten, die Großinstallation „Das Kapital“ an den Beuys-Sammler Erich Marx.

Der Berliner Bauunternehmer überlässt das herausragende Werk der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Dauerleihgabe. Im Neubau am Kulturforum wird sogar eigens ein Raum für diese wilde Summe des Beuys’schen Denkens eingeplant. Ein Kenner beziffert den unveröffentlichten Verkaufspreis für „Das Kapital“ mit „mehr als 10 Millionen und deutlich weniger als 20 Millionen Euro.“

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    Der Auktionsmarkt hingegen leidet unter fehlenden Glanzlichtern. Hier mangelt es, analysiert Aeneas Bastian von der Bastian Gallery in London und Berlin, „an einem Spitzenwerk als Referenzwert für andere Hauptwerke.“

    Die Auktionspreise für bedeutende Arbeiten wie das „Fluxusobjekt“, den großen „Ofen“ und das „Erdtelefon“ haben sich zwischen 400.000 Euro und 600.000 Euro eingependelt. „Daher gibt es anders als bei Anselm Kiefer oder Gerhard Richter kein öffentlich ablesbares Preisgefüge für Schlüsselwerke von Beuys.“

    Das Multiple aus der Installation „Das Rudel“ schätzt Phillips auf 80.000 bis 120.000 Pfund. Phillips / VG Bild-Kunst

    Joseph Beuys „Schlitten"

    Das Multiple aus der Installation „Das Rudel“ schätzt Phillips auf 80.000 bis 120.000 Pfund.

    In diesem schwierigen Markt kann das Auktionshaus Ketterer in seiner Juni-Auktion mit einer über viele Jahre zusammengetragenen rheinischen Privatsammlung auftrumpfen. Die fast dreißig Objekte, Hasenblut-Multiples und Pflanzenzeichnungen wurden laut Ketterer direkt beim Künstler erworben.

    Die unveröffentlichte Quelle dieser Kollektion verrät indes ein Objektkasten mit einer abgenagten Fischgräte: „Artistproof für Heinz Althöfer von Joseph Beuys“ steht handgeschrieben neben den Speiseresten. Beuys widmete seinem Vertrauten Althöfer, was vom Hering übrig blieb.

    Der 2018 verstorbene Heinz Althöfer war einer der bedeutendsten Restauratoren Deutschlands. Ketterer taxiert „1a gebratene Fischgräte (Hering)“ von 1970 auf 10.000 bis 15.000 Euro.

    Rätselhaftes Ready Made

    Hauptwerk der Althöfer-Offerte ist mit 600.000 bis 800.000 Euro Schätzpreis das Werk „Wo ist Element 3?“. Das rätselhafte Ready Made von 1983 kreist wie so oft bei Beuys um Spiritualität und Realität.

    Ein Stromzähler- und Sicherungskasten wird bei Beuys zum geistigen Transformator und Teil des Beuys‘schen Kosmos. Er schlägt die Brücke zu der Aktion „Manresa“ im Jahr 1966. In diese Aktion bezog Beuys halbierte Filzkreuze, Transformatoren und Laborgläser ein und beschallte mit einem Lautsprecher die Straße vor Düsseldorfer Galerie Schmela mit der Frage nach Element 3.

    Der bislang einzige Beuys-Hype stammt aus dem vorigen Jahrhundert. Kurz nach Beuys‘ Tod 1986 verkauften der eingangs erwähnte Großsammler Erich Marx und der englische Gallerist Anthony d‘ Offay den sogenannten „Beuys Block“ für 16 Millionen D-Mark an das Hessische Landesmuseum Darmstadt.

    Die 210 Zentimeter hohe Installation aus Stromzähler, Sicherungen und Pflaster ist das Hauptwerk aus der Sammlung des Restaurators Heinz Althöfer. Offerte bei Ketterer. Ketterer Kunst / VG Bild-Kunst

    Joseph Beuys „Wo ist Element 3?"

    Die 210 Zentimeter hohe Installation aus Stromzähler, Sicherungen und Pflaster ist das Hauptwerk aus der Sammlung des Restaurators Heinz Althöfer. Offerte bei Ketterer.

    Erworben hatten Marx und d'Offay das außergewöhnliche Konvolut sechs Jahre vorher für 3,5 Millionen D-Mark von den Erben des Industriellen Karl Ströher. Das letzte noch verfügbare Hauptwerk aus dem Nachlass sicherte Museumsdirektor Armin Zweite 1991 der Kunstsammlung NRW. „Palazzo Regale“ kostete 6,5 Millionen D-Mark.

    „Die Preise für Beuys-Werke sind eigentlich zu günstig in Bezug auf seine Bedeutung für die Kunst des 20. Jahrhunderts“, sagt Silke Thomas von der Münchener Galerie Thomas. Andererseits findet sie es gerecht, dass Arbeiten eines großen Künstlers für unter 100 Euro zu haben sind.

    Filzpostkarte für 15 Euro

    Vor fünf Jahren erinnerte bei Thomas eine museumsreife Ausstellung an die Beziehung zwischen Nam June Paik und Beuys. Für 15 Euro wurde eine Filzpostkarte angeboten, bei 295.000 Euro lag der Preis für eine Papierarbeit von 1963 mit dem unverwechselbaren „Braunkreuz“. Beide Arbeiten wurden verkauft.

    Eine kontinuierlich steigende Preiskurve verzeichnet am ehesten eine Handvoll symbolträchtiger Multiples. Beuys‘ populärstes Kunstwerk ist die 200 Mal aufgelegte Capribatterie. Sie suggeriert eine gelb leuchtende Glüh-Birne, deren Energiequelle eine saftige Zitrone zu sein scheint. Ihre Brutto-Preise kreisen um die 18.000 Euro-Marke. Den Rekord hält Lempertz seit 2012 mit 26.400 Euro.

    Das Multiple soll in Phillips’ Sonderauktion im Juni mindestens 10.000 Pfund einspielen. Phillips / VG Bild-Kunst

    Joseph Beuys: Das Multiple „Capri-Batterie" von 1985

    Das Multiple soll in Phillips’ Sonderauktion im Juni mindestens 10.000 Pfund einspielen.

    Fahrt aufgenommen hat der Preis für den „Schlitten“. In ihm steckt die schwungvolle Energie der Rauminstallation „Das Rudel“, das 1969 auf dem Kölner Kunstmarkt angeblich 110.000 D-Mark gekostet haben soll. Da schwärmen 20 Schlitten mit Filzmatte und Fettmaske wie Rettungshunde aus dem Heck eines VW-Busses.

    „Das Rudel“ steht im Kassler Museum, dem Markt bleibt nur die Edition dieser kunstvollen Rettungs-Pakete. Keines von ihnen ist in den letzten zehn Jahren auf dem internationalen Auktionsparkett unter 200.000 Euro weggegangen.

    Dementsprechend taxiert Phillips den „Schlitten“ auf 80.000 bis 120.000 Pfund. Die Capribatterie hat einen unteren Schätzpreis von 10.000 Pfund. Beide Objekte sind bislang die Top-Lose von Phillips‘ Sonderauktion „Beuys 100“ am 10. Juni 2021.

    Jahrzehnte sammelnde Händler sind im Vorteil

    Der Londoner Versteigerer verspricht ein breites Spektrum an Techniken, Werken und Editionen. Dass Phillips das Holzkästchen „Wirtschaftswert Signiertusche“ für 1500 Pfund und das gestempelte Schrift-Blatt „Pass für die Zukunft“ mit einer Taxe von 1000 Pfund ankündigt, lässt allerdings die derzeitige Materialknappheit ahnen. Da haben es die Galerien Bastian, Ropac und Klüser besser. Sie sind seit Jahrzehnten mit dem Oeuvre von Joseph Beuys befasst, als Sammler und Händler.

    100. Geburtstag von Joseph Beuys: Lothar Schirmer: „Die Preisschlacht kommt erst noch“

    100. Geburtstag von Joseph Beuys

    Lothar Schirmer: „Die Preisschlacht kommt erst noch“

    Der Verleger und frühe Beuys-Sammler Lothar Schirmer erklärt, warum er 50 Bücher über den Künstler herausgebracht hat. Ein Zeitzeugengespräch.

    Ropac vertritt den Nachlass und veranstaltet im Sommer nur eine kleinen Beuys-Ausstellung in Salzburg. Denn die Galerie leiht so viele Arbeiten in die Museumsschauen, dass eine große Präsentation in den Galerien in Paris oder Salzburg erst 2022 starten kann. Dann sind die Objekte auch noch durch die Museumsausstellungen geadelt und tendenziell teurer.

    Die Bastian Gallery ist zuversichtlich, ihr neues Haus in Berlin noch in diesem Jahr mit Beuys‘ Bleistiftzeichnungen eröffnen zu können. Dafür schöpft Aeneas Bastian aus ungenannten Privatsammlungen, nicht aber aus der Sammlung, die sein Vater Heiner in der Zeit anlegte, als er Sekretär bei Beuys war.

    Seit Jahrzehnten kauft der Münchener Galerist Bernd Klüser Zeichnungen und Multiples. Wenn er am 1. Juni seine Beuys-Jubiläums-Schau eröffnet, wird zu den Exponaten das zarte Blatt „Akteur“ gehören. Der Preis des Blattes aus der Sammlung Ströher liegt bei 160.000 Euro.

    Zu sperrige Themen für einen breiten Markt

    Und auch aus den galerieeigenen Editionen existieren noch einige Restposten, wie beispielsweise eines der ursprünglich sieben Exemplare des 31 cm hohen „Ofen“ aus Bronze. Für etwas unter 300.000 Euro wird Klüser die Skulptur in seiner Beuys-Jubiläumsschau anbieten.

    Der Zugang zu Beuys‘ Werk war noch nie einfach. Ob der Markt im Jubiläumsjahr einen Preis-Kick erfährt, weiß auch Bernd Klüser nicht. „Viele seiner Themen wie Tod, Krankheit, Verwundungen sind zu sperrig für einen breiten Markt“, so der Kenner. Beuys ist für Klüser ein Weltkünstler. Aber derzeit leider ohne Spitzenmarkt.

    Mehr: Porträt eines Galeristen: Thaddaeus Ropac - Der großzügige Gentleman

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