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10.03.2022

09:13

7. Deloitte Art & Finance Report 2021

Kunst wird als Baustein für Vermögen wichtiger

Von: Sabine Spindler

Mehr Sammler und Anleger setzen ihr Vertrauen in Kunst als Vermögensklasse. Das geht aus dem jüngsten „Art & Finance Report“ des Finanzdienstleisters Deloitte hervor.

Das erste Gemälde auf einer Blockchain. Im Juli 2021 startete die Bank Sygnum die Tokenisierung des auf 4 Millionen Franken geschätzten Werks. Der Mindesteinsatz lag bei 5000 Schweizer Franken.  Seraina Wirz / © Succession Picasso / 2021, ProLitteris, Zürich

Pablo Picasso „Filette au béret“

Das erste Gemälde auf einer Blockchain. Im Juli 2021 startete die Bank Sygnum die Tokenisierung des auf 4 Millionen Franken geschätzten Werks. Der Mindesteinsatz lag bei 5000 Schweizer Franken. 

München Diese Zahl muss man sich vor Augen führen: 1481 Milliarden Dollar besaßen die Ultrareichen dieser Welt im Jahr 2020 allein an Kunst, Antiquitäten, Antiken, Oldtimern und Weinen. Als ultrareich gilt, wer mehr als 50 Millionen Dollar Gesamtvermögen besitzt.

Laut einer Hochrechnung wird diese Summe bei gleichbleibender Wirtschaftslage bis 2025 auf 1882 Milliarden Dollar steigen. In dieser Prognose steckt ein enormes Potenzial für Vermögensmanager. Sie sucht nach werterhaltendem Umgang von Sammlungen, nach Marktanalysen und auch nach steuerbegünstigenden Regularien für diesen nicht liquiden Teil eines Vermögens. Das meint jedenfalls der „7. Deloitte Art & Finance Report 2021“ des globalen Wirtschafts- und Finanzdienstleisters Deloitte, der vor dem Krieg Russlands gegen die Ukraine verfasst wurde.

Die Studie ist keine Analyse des Kunstmarktgeschehens des gesamten Jahrs 2021. Der Report wird im Rhythmus von zwei Jahren in Zusammenarbeit mit dem Londoner Kunstmarkt-Analysten ArtTactik herausgegeben. Deloitte fasst darin Stimmungen und Tendenzen dekadenweise zusammen und indem Umsätze der ersten sechs Monate aufeinanderfolgender Jahre miteinander verglichen werden.

Der Report bezieht sich hauptsächlich auf Daten der drei Auktionsmultis Sotheby’s, Christie’s und Phillips und konzentriert sich auf den Highend-Bereich.

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    Was das Handelsblatt in seinen zeitnahen Auktionsberichten en detail in den letzten 24 Monaten immer wieder zum Ausdruck brachte, bestätigt der Deloitte-Report: Das globale Tief des Kunstmarkts von 2019, als die Umsätze weltweit um fast 20 Prozent absackten, ist trotz Pandemie durchschritten.

    Das Video von 2017 bietet die Galerie Schöttle jetzt auch als NFT an.  Galerie Schöttle; VG Bild-Kunst, Bonn 2022

    Thu Van Tran „Overly forced Gestures“

    Das Video von 2017 bietet die Galerie Schöttle jetzt auch als NFT an. 

    Christie’s, Sotheby’s und Phillips setzten im ersten Halbjahr 2021 zusammen 5,9 Milliarden Dollar um und erzielten damit einen Einnahmeanstieg von 230 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2020. Ein Ausschlag, der wohl nur als reißerische Momentaufnahme zu sehen ist. Doch die Weichen sind gestellt.

    Die Resilienz von Kunst und Sammlungsobjekten gegenüber unvorhersehbaren Krisen hat, so der Deloitte-Report, das Vertrauen in diese nicht bankfähigen Assets (nBA) erhöht. Deloittes Befragung von 388 Marktteilnehmern – darunter 182 Professionelle, 115 Sammler und 59 Privatbanken – ergab eine höhere Wertschätzung von Kunst als Möglichkeit der Vermögensdiversifizierung als noch 2019/20. Rund 85 Prozent der Befragten brachten das zum Ausdruck, 32 Prozentpunkte mehr als in der Befragung zuvor.

    KI verändert das Kunstinvestment

    Gegenüber dem Handelsblatt präzisierte Adriano Picinati di Torcello, Direktor von Global Art & Finance Deloitte Luxemburg, diese Zahl: „Die Umfrageergebnisse zeigen deutlich, dass es nicht mehr um die Frage geht, ‚ob‘, sondern ‚wie‘ Kunst in ein Vermögensverwaltungsangebot integriert werden sollte.“

    Als treibende Kraft für den Aufwind des Kunstmarkts nennt der Report den Innovationsschub der Branche: „Technologie könnte der Klebstoff zwischen Kunstmarkt und Vermögensmanagement werden.“ Big Data und Künstliche Intelligenz werden das Kunstinvestment verändern, glauben immerhin 85 Prozent der Befragten.

    Künstliche Intelligenz: Eine neue App prognostiziert Künstlerkarrieren

    Künstliche Intelligenz

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    Das kanadische Start-up „Wondeur“ analysiert das System des internationalen Kunstbetriebs. Zielgruppe sind Versicherer, Vermögensberater, Museen und Händlerverbände.

    Vor allem die größere Transparenz durch Digitalisierung und Blockchain-Technologie sowie die Monetarisierung der digitalen Kunst durch Non-Fungible Tokens (NFTs), also identifizierbare Eigentumsnachweise, wird als ausschlaggebend gewertet. Sie hätten eine junge, netzaffine und durch den Tech-Boom der letzten Jahre finanziell stark gewordene Käuferschaft hervorgebracht.

    Diese kaufkräftige Klientel könne in Zukunft die Lücke zwischen dem Vermögenswachstum der letzten zehn Jahre und dem proportional geringeren Anstieg des Volumens verkaufter Kunst- und Sammelobjekte ausgleichen.

    Crypto Analytics und die Plattform Dappradar errechneten für das erste Halbjahr 2021 einen weltweiten Umsatz mit NFTs von etwas unter 2,5 Milliarden Dollar im Vergleich zu 13,7 Millionen Dollar im selben Zeitraum des Vorjahres.

    Picasso tokentisiert

    Da ist ein Markt entstanden, den es zuvor nicht gegeben hat und der schon nicht mehr auf Kunstwerke der Virtual Reality beschränkt bleibt. Adriano Picinati di Torcello verweist auf Pablo Picassos Gemälde „Filette au béret“. Die Schweizer Kunstinvestmentgesellschaft Artemundi und Sygnum, eine Bank für digitale Vermögenswerte, haben das Werk im vergangenen Sommer tokenisiert, „um so ‚fractional ownership‘, also Eigentumsanteile verschiedener Investoren an dem Werk, zu ermöglichen“.

    In Deutschland stößt gerade die Münchener Galerie Rüdiger Schöttle mit Kunstwerken in den Raum der Blockchains vor, die ursprünglich gar nicht als NFTs gedacht waren – beispielsweise mit den Videos „Non consensual act (in Progress) – first Treatment“ von Goshka Macuga und „Overly forced Gestures“ von Than Van Tran.

    Non Fungible Token: Dämpfer für den Goldrausch der Kryptokunst

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    Sotheby's hat die Einzelauktion der „CryptoPunks“ in letzter Minute abgesagt. Über die Gründe wird spekuliert.

    Beide Videos waren in der gerade beendeten Winterausstellung ganz real in den Galerieräumen zu sehen und zugleich über eine Plattform als Tokens zu minten, erstmals zu kaufen.

    Hongkong verdrängt London

    Dass die konventionellen Sammelgebiete an Bedeutung verlieren, sieht Deloitte nicht. Immerhin legten Family-Offices laut UBS Family Report bis 2020 etwa drei Prozent ihres Vermögens in physisch präsenten Sammelobjekten an. In der Pandemie stieg dieser Anteil auf fünf Prozent.

    Gedreht hat sich allerdings das Ranking der Kunst-Handelsplätze. Noch bis 2020 stand London an zweiter Stelle, wenn es um die Umsätze der Multis Sotheby’s, Christie’s und Phillips ging. Seit dem ersten Halbjahr 2021, sechs Monate nach Inkrafttreten des Brexits, hat Hongkong diese Position übernommen und erbringt 22,2 Prozent des Umsatzes der drei Häuser. Platz eins bleibt mit 45,1 Prozent weiterhin New York.

    Hongkong hat sein neues Standing mit außergewöhnlichen Rekorden realisiert. Wie lange es hält, hängt nicht zuletzt von der politischen Entwicklung des momentan stärksten Finanzmarkts Ostasiens ab. Ein Land wie Japan sieht in der ungewissen Entwicklung Hongkongs gerade eine Chance, seine Rolle als asiatischer Umschlagplatz für Kunst neu zu erfinden und zu forcieren.

    Jahresbilanz 2021: Inflation, neuer Reichtum und Statusdenken beflügeln den Kunstmarkt

    Jahresbilanz 2021

    Inflation, neuer Reichtum und Statusdenken beflügeln den Kunstmarkt

    Trotz Pandemie war 2021 ein Jahr der Rekorde auf dem Auktionsparkett. Das Wichtigste: Die Käuferschaft hat sich entscheidend verjüngt. NFTs und Luxusgüter boomen.

    Laut eines Berichts von Deloitte Japan bereitet sich der Inselstaat auf den Schritt vor. Hongkong plant Freihandelszonen, Steuererleichterung beim Handel mit ausländischen Kunstwerken, und will eine international attraktive Kreativindustrie fördern. Das zeigt deutlich, dass der Kunstmarkt auch von politischen Rahmenbedingungen abhängt.

    Welche Auswirkungen die Sanktionen gegen Russland, die Erschütterung der Finanzmärkte und der Wirtschaft als Folge des Kriegs in der Ukraine haben werden, ist bis heute nicht absehbar. Der Deloitte-Report zeichnet diesmal noch ein dynamisches Bild des globalen Kunstmarkts als Feld für den Finanzmarkt. Er suggeriert eine Wachstumsindustrie innerhalb des Wealth-Managements und diskutiert kundenorientiert Philanthropie als Steuersparmodell.

    Einer der Kernsätze lautet, dass Händler, Auktionatoren und Kunstberater mit dem Finanzmarkt in Zukunft enger zusammenrücken werden. Das wird die hochpreisige Kunst in noch stärkerem Maße als globale Finanzmasse klassifizieren.

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