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03.08.2022

09:48

Alte Kunst der Renaissance

Schloss Chantilly macht Appetit auf Dürer-Grafik

Von: Olga Grimm-Weissert

Wer allerbeste Druckgrafik und Handzeichnungen von Albrecht Dürer bestaunen möchte, kommt an einer Reise auf Schloss Chantilly nicht vorbei.

Eine Zeichnung wie aus dem Leben gegriffen: das Porträt einer älteren und jüngeren Frau. Musée Condé

Albrecht Dürer

Eine Zeichnung wie aus dem Leben gegriffen: das Porträt einer älteren und jüngeren Frau.

Chantilly Eine Sensation für Kenner und Kunstfreundinnen ist die Dürer-Ausstellung im französischen Schloss Chantilly. Sie eröffnet die einzigartige Chance, Zeichnungen und Grafiken zu betrachten, die das Schloss niemals ausgeliehen hat. Sie dürfen nur vor Ort gezeigt werden.

Die Schau der Extraklasse ergänzen großzügige Leihgaben der französischen Nationalbibliothek. So standen dem Ausstellungskurator Mathieu Deldicque die Sammlungen der zwei größten Grafik-Kabinette Frankreichs zur Verfügung.

Mit gut 200 Exponaten, davon allein 185 Holzschnitte und Kupferstiche Dürers, neun Handzeichnungen von seiner Reise in die Niederlande sowie Tierdarstellungen und Aquarelle, ermöglicht die Schau eine herausragende Übersicht über das zeichnerische Denken und die Bedeutung des Nürnberger Renaissancekünstlers.

Das Wasserschloss Chantilly, 55 Kilometer nördlich von Paris gelegen und von drei riesigen Parks umgeben, gehörte einem der größten europäischen Sammler des 19. Jahrhunderts, Henri von Orléans, Herzog von Aumale (1822-1897). Er ist ein Sohn des letzten französischen Königs Louis-Philippe I.. Letzterer dankte nach der Revolution von 1848 ab und ging, ebenso wie sein Sohn Henri, ins Exil nach England.

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    Die Dürer-Schau, die den Fokus auf Grafik und Renaissance legt, findet anlässlich des 200. Geburtstags des Herzogs von Aumale statt. Der bibliophile Herzog erwarb den Grundstock seiner Grafiksammlung in London bei dem Kunsthändler Dominic Colnaghi. Darunter findet sich zum Beispiel Dürers Porträt von Philipp Melanchthon für zehn Pfund. Den Ankauf belegen die im Archiv aufbewahrten Rechnungen. Colnaghi verkaufte dem Herzog auch Kupferstiche von Martin Schongauer, ein Vorbild für den jungen Dürer.

    Auch Tierdarstellungen wie dieser Kopf eines erlegten Hirsches werden auf Schloss Chantilly gezeigt. Château de Chantilly

    Albrecht Dürer

    Auch Tierdarstellungen wie dieser Kopf eines erlegten Hirsches werden auf Schloss Chantilly gezeigt.

    1870 ersteigerte Colnaghi für den Herzog viele Blätter aus der Frankfurter Sammlung Brentano Birkenstock, gestempelt BB. Im Jahr 1886 vermachte der Herzog sein Schloss Chantilly mit allen Ländereien, der Pferdezucht und den exquisiten Sammlungen dem „Institut de France“. Dieses Vermächtnis verband er mit der drakonischen testamentarischen Auflage, dass Möbel, Gemälde, Grafiken, Manuskripte und wertvolle Bücher immer an Ort und Stelle verbleiben müssen.

    Aus dem Ausleihverbot resultiert die besondere Attraktivität der Schau, da die immense Grafiksammlung von Chantilly, darunter 34 Dürer-Grafiken und insbesondere sechs Handzeichnungen, sonst nie zu sehen sind.

    Das Grafik-Kabinett der Nationalbibliothek (BNF) entstand seinerseits aus den im 17. Jahrhundert begonnenen königlichen Sammlungen, die Finanzminister Jean-Baptiste Colbert für König Ludwig XIV. ankaufte. Die BNF entlieh rund 150 Holschnitte und Kupferstiche, sowie ausnahmsweise drei Zeichnungen von Dürers Hand.

    Der meistkopierte Künstler seiner Zeit

    Kurator Mathieu Deldicque ordnete das Schaffen des deutschen Grafik-Genies chronologisch an, wobei er es geschickt in den historischen und künstlerischen Kontext stellt. Blätter mit gleichem Thema von Martin Schongauer, Andrea Mantegna, Jacopo de Barbari, Lucas van Leyden, Lucas Cranach, Baldung von Grien oder Albrecht Altdorfer hat er neben die von Dürer (1471–1528) gehängt, um die jeweils unterschiedliche Bearbeitung aufzuzeigen.

    Dürer, egal ob bei Kupferstich oder Holzschnitt, schneidet im Vergleich immer besser ab. Seine Fantasie, seine Proportionen des menschlichen Körpers, seine Landschaften im Hintergrund, sind noch überzeugender als die der besten deutschen, italienischen und niederländischen Künstler seiner Zeit. Mit diesen tauschte er sich auf seinen diversen Reisen persönlich aus.

    Da die Vervielfältigungstechnik der Grafik eine rasche Verbreitung in ganz Europa ermöglichte, wurde Albrecht Dürer schon jung bekannt, anerkannt – und imitiert. Obwohl ihn ein kaiserliches Privileg gegen Kopisten schützte, zählte er bereits zu Lebzeiten zu den meistkopierten Künstlern seiner Zeit. Wenn seine Grafik inklusive seinem Monogramm AD gefälscht wurde, führte er Prozesse, wie man im leider nur auf französisch publizierten Katalog liest.

    Der 1515 entstandene Holzschnitt eines Panzernashorns gehört zu den meist publizierten grafischen Arbeiten Dürers. Château de Chantilly

    Albrecht Dürer „Rhinocerus“

    Der 1515 entstandene Holzschnitt eines Panzernashorns gehört zu den meist publizierten grafischen Arbeiten Dürers.

    Die fulminante Schau in Chantilly enthält alle sogenannten „Meisterstiche“ Dürers, wie „Ritter, Tod und Teufel“, „Melencolia I“, „Adam und Eva“ sowie das Buch „Die Apokalypse“ mit 15 Holzschnitten Dürers. Ebenfalls zu sehen sind die Bücher „Das Marienleben“ und „Die große Passion“.

    Herausragend ist auch „Nemesis oder das große Glück“. Das „Seeungeheuer“, ein alter Mann, der sich einer nackten jungen Frau bemächtigt, illustriert den Katalog und das Plakat wegen seiner für Dürer signifikanten zeichnerischen Details.

    Zur Marktsituation Dürers befragt, reagiert die beste deutsche Grafikhändlerin Petra Rumbler von der Kunsthandlung Rumbler in Frankfurt spontan, dass man „als Kenner bei der Herkunft der Blätter dieser Ausstellung vor Ehrfurcht versinken muss“. Rumblers letzter Katalog vom Frühsommer enthält einen Dürer-Holzschnitt aus der „Kleinen Passion“. Der Probedruck vor dem Text, „Christus erscheint Magdalena“, ist mit 7000 Euro angesetzt.

    Handzeichnung: Albrecht Dürer in New York: Eine Sensation für Liebhaber der Zeichenkunst

    Handzeichnung

    Albrecht Dürer in New York: Eine Sensation für Liebhaber der Zeichenkunst

    Auf der Master Drawings Week sorgt eine Dürer-Zeichnung aus einer Haushaltsauflösung für Aufsehen. Präsentiert wird sie von der in New York gastierenden Kunsthandlung Andrews.

    Die Preise von Dürers Druckgrafik, besonders der begehrten Meisterstiche, liegen im Handel und auf Auktionen zwischen 3000 bis 800.000 Euro. Eine weit gefächerte Preisspanne. Deren Bewertung basiert laut Petra Rumbler auf folgenden Kriterien: Sujet, Provenienz und Zustand des Kupferstichblattes. Nach dem Tod von Dürer abgezogene Blätter sind selbstverständlich weniger wert.

    Das immense Gut und Schloss Chantilly zu verwalten, ist für das „Institut de France“ finanziell nicht einfach. Ohne die Unterstützung des langjährigen Mäzens Amyn Aga Khan sucht die Verwalterin Anne Miller nach substanzieller öffentlicher Finanzierung, anderen Mäzenen oder neue Ideen.

    Da „Schlagsahne“ auf Französisch „chantilly“ heißt, bietet man einen Workshop zum Schlagen von Schlagsahne an. Er findet etwas abseits von dem Gebäude statt, in dem Dürer und seine Zeitgenossen gezeigt werden. Aber „Dürer et la Chantilly“ ist auf Französisch ein appetitanregender Slogan.

    Die Ausstellung „Albrecht Dürer. Gravure et Renaissance“ läuft in Château de Chantilly bis 2. Oktober. Der Katalog in französischer Sprache kostet 35 Euro.

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