Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

03.06.2021

14:30

Art Brussels Week

Vier Messestädte statt einer: So antwortet die Brüsseler Kunstszene auf die Pandemie

Von: Stefan Kobel

Statt auf der abgesagten Messe Art Brussels bespielen Galerien ihre Stammsitze. Schauplätze sind Brüssel, Paris, Antwerpen und Knokke. Parallel gibt es eine Online-Messe.

Der neueste Trend heißt Diversität. Endlich wird die Kunst Nichtweißer mehr beachtet (Ausschnitt aus einem Hochformat). Zidoun-Bossuyt Gallery

John Madu „Grace Jones“

Der neueste Trend heißt Diversität. Endlich wird die Kunst Nichtweißer mehr beachtet (Ausschnitt aus einem Hochformat).

Brüssel Hybride Kooperation ist die Antwort der Brüsseler Kunstszene auf die Pandemie. Die „Art Brussels“ hat sich zur „Art Brussels Week“ in vier Städten und dem lokalen Gallery Weekend zusammengetan. Zuvor waren nicht nur zwei Ausgaben der Art Brussels, sondern auch die vom selben Team kurzfristig für Ende 2020 geplante „Art Antwerp“ der Pandemie zum Opfer gefallen. Daraufhin hat Messedirektorin Anne Vierstraete ein charmantes Format ersonnen, das funktioniert, weil die Beteiligten an einem Strang ziehen.

In vier Städten öffnen die Aussteller gemeinsam vom 3. bis 6. Juni ihre Räume. Viele zeigen das, was sie ursprünglich mit zur Messe bringen wollten. 39 Galerien in Brüssel, 19 in Paris, 15 in Antwerpen und immerhin sechs im Seebad Knokke, wo bei schönem Wetter viele Hauptstädter das Wochenende verbringen.

Für jede Stadt gibt es einen gedruckten Plan und geführte Touren. Parallel findet im Internet auf Artsy eine Online-Version der Messe statt.

In der Hauptstadt Brüssel tut sich einiges. In jüngster Vergangenheit hat sich die Szene von der Gegend um die nach Südosten stadtauswärts führende Avenue Louise wieder ins Zentrum orientiert. Zwischen Grand Sablon und Justizpalast eröffnen zwischen Antiquitäten- und Stammeskunsthändlern vermehrt zeitgenössische Galerien.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Mendes Wood aus Sao Paolo und New York unterhält hier bereits seit 2017 einen dritten Standort. Matthew Wood und Pedro Mendes zeigen mit Antonio Obá einen Vertreter der aktuell und besonders in den USA heiß begehrten „Black Figuration“. Die Ausstellung des 38-jährigen Brasilianers hätte eigentlich schon 2020 in New York präsentiert werden sollen.

    Obá behandelt die Unterdrückung der Schwarzen in Brasilien und den USA von der jüngeren Vergangenheit bis in die Gegenwart. Beides erklärt wohl auch, warum die Gemälde für Preise zwischen 20.000 und 100.000 Dollar bereits allesamt an Museen verkauft sind. Lediglich von den den filigraneren Zeichnungen sind bei Preisen ab 12.000 Dollar noch einige zu haben.

    Die Londoner Galerie Patrick Heide präsentiert den Maler auf der Onlineausgabe der Art Brussels (Ausschnitt). Galerie Patrick Heide

    Mohammed Sami „Poor Folk II“

    Die Londoner Galerie Patrick Heide präsentiert den Maler auf der Onlineausgabe der Art Brussels (Ausschnitt).

    Neu in der Stadt ist Nino Mier, der hier im Februar eine Filiale seiner Galerie in Los Angeles eröffnet hat. Der in Köln aufgewachsene Österreicher unterhält auch ein Pied-à-terre in Köln. Sein kalifornisches Programm dürfte am internationaleren Standort Brüssel wohl auch besser ankommen. Die aktuell gezeigten Gemälde der 1974 geborenen Mindy Shapero wirken wie bunte Hippie-Visionen von Dimensionslöchern. Deren Preise beginnen bei 23.000 Dollar. Alle Werke der erst im Februar eröffneten Filiale seien bereits verkauft, heißt es.

    Für ein deutsches Sammlerpublikum dürften derartige Preise für sogenannte Mid-career-artists zwischen Mitte 30 und Mitte 50 in der Breite nicht so leicht zu vermitteln sein. Im wohlhabenden und kunstsinnigen Brüssel mit seinem Einzugsbereich bis nach Paris und London ist das traditionell einfacher.

    Galerie im Rivoli Building

    Davon zeugen auch die beiden Ausstellungen bei Xavier Hufkens, dessen Haupthaus gerade umfangreich erweitert wird. In neu angemieteten Räumen sind die schwungvollen Abstraktionen der 44-jährigen Amerikanerin Lesley Vance zu sehen. Die Künstlerin wird außerdem noch von Bortolami in New York und David Kordansky in Los Angeles vertreten. Es wundert daher nicht, dass schon die kleineren Formate mit 75.000 Dollar zu Buche schlagen.

    Am zweiten Standort der Galerie im Rivoli Building, einer Ikone der 1970er-Jahre-Architektur, beginnen die Preise für die zarten und sehr persönlichen Installationen und Skulpturen der zweimaligen britischen Venedig-Teilnehmerin Cathy Wilkes bei 60.000 Pfund.

    Doch der belgische Markt ist breiter. Auch für einen Bruchteil dieser Preise sind Entdeckungen möglich. Sebastien Janssen fährt mit seiner Galerie Sorry We‘re closed zweigleisig. Bei Artsy zeigt er die ursprünglich für die Messe vorgesehenen „Soft Sculptures“ von Al Freeman, deren kissenartige Wandskulpturen tatsächlich Penisse aus Stoff darstellen. Sie kosten jeweils 3000 Euro.

    In den neuen Galerieräumen mit einem atemberaubenden Treppenhaus, bereitet er der jungen Anastasia Bay bei einem großen Auftritt. Ihre zarten, abstrahieren Porträtköpfe einer altägyptisch wirkende Figurengruppe um ein Covid 19-Opfer kosten zwischen 3500 und 22.000. Die Ausstellung ist bereits komplett ausverkauft, wobei nur zwei Werke in Belgien bleiben. Der Rest geht in alle Welt.

    Diesen Erfolg führt Janssen nicht zuletzt auf seine Instagram-Aktivitäten zurück: „Das hat mir durch die Krise geholfen!“ Allerdings stellt er nicht nur bei sich mittlerweile eine gewisse Internet-Müdigkeit fest. Und ist froh, dass es wieder losgeht. Er hat schon das gesamte nächste Jahr durchgeplant mit Künstlern, die er noch nie vorher gezeigt hat.

    Sein Bruder Rodolphe hat im Viewing Room seiner Galerie die ursprünglich geplante Messekoje aufgebaut, unter anderem mit Keramik-Objekten verschiedener, meist jüngerer Künstler. Der angrenzende Galerieraum ist der überbordenden Fantasie der knapp 30-jährigen Belgierin Lisa Vlaemminck gewidmet, die ihre Leinwände und Kunstharz-Objekt-Bilder mit Pflanzen, Glasperlen und Versatzstücken der poppigen Internet-Kultur zu biomorphen Farbdelirien komponiert.

    Bodenständig sind hingegen die Preise von 2.000 bis 10.000 Euro. Es ist diese Bandbreite von „Cutting Edge“ bis Geldspeicher, die Brüssel so spannend macht – und dank seines starken Heimatmarktes relativ unabhängig von den Kapriolen des internationalen Messegetümmels.

    Mehr: Zeitgenössische Kunst aus der Olbricht Collection: Zu sperrig geworden: Großsammler trennt sich von Kunst im XXL-Format

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×