Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

11.06.2022

14:27

Auktionen

Kunstversteigerer Ketterer mit bestem Auktionsergebnis in Deutschland

Von: Sabine Spindler

Der Kunstversteigerer erlöst mit 2,5 Millionen Euro für August Mackes Gartenbild den höchsten Preis in Deutschland. Der Umsatz beträgt vorläufig 27 Millionen Euro.

Energisch und vehement setzte der italienische Meister des Informel die Pinselstriche auf die große Leinwand, die für 637.000 Euro in neue Hände ging. Quelle: Ketterer Kunst GmbH und Co. KG

Emilio Vedova „Ciclo 1962 BB4“:

Energisch und vehement setzte der italienische Meister des Informel die Pinselstriche auf die große Leinwand, die für 637.000 Euro in neue Hände ging. Quelle: Ketterer Kunst GmbH und Co. KG

München Sammler und Kunst-Investoren zeigten sich Freitagabend in bester Kauflaune bei Ketterers Versteigerung von Werken der Klassischen Modernen sowie der Nachkriegs- und Gegenwartskunst. Vertrauensverlust in den Kunstmarkt sieht anders aus. Nicht ausschließlich die fünf Millionenerlöse führten zu einer blendenden Bilanz des Abends.

Erstaunlich ist die Investitionsbereitschaft in die gerade klassisch werdende Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im sechsstelligen Preisbereich. Werke von Malern und Bildhauern, die fest in den allgemeinen Kanon eingeschrieben sind, erlebten beachtliche Steigerungen.

Zahlreiche in- und ausländische Bieter hatten sich telefonisch zuschalten lassen, als Emilio Vedovas gestisch energische Leinwand „Ciclo 1962 BB4“ von 1962 zum Aufruf kam. Der Venezianer gilt als die italienische Antwort auf den abstrakten Expressionismus eines Jackson Pollock. Zu einem internationalen Spitzenpreis von 637.000 Euro sicherte sich letztlich ein Italiener das kraftvolle Werk des einstigen Documenta-Teilnehmers.

Die große Leinwand „1965/1-oo.Detail2702874-2724888“ des französisch-polnischen Konzeptkünstlers Roman Opalka mit seinem Faible für Zahlen und Datumsangaben etwa verdoppelte fast die untere Schätzung und ging für 745.000 Euro (alle Preise inkl. Aufgeld) in eine polnische Privatsammlung.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Nach Österreich reist das 1986 entstandene, explosive rot-weiße Schüttbild des kürzlich verstorbenen Wiener Aktionisten Hermann Nitsch. Es kletterte von taxierten 100.000 auf 212.500 Euro. Ein großartiges Ergebnis gab es auch für den German-Pop-Maler Konrad Lueg. Seine bewusst plakativ gemalten „Fussballer“ von 1964 blieben für 262.000 Euro in Deutschland.

    Das Gartenbild wurde mit über 2,5 Millionen Euro das teuerste in diesem Jahr in Deutschland versteigerte Kunstwerk. Quelle: Ketterer Kunst Kunst GmbH und Co. KG

    August Macke „Mädchen mit blauen Vögeln“:

    Das Gartenbild wurde mit über 2,5 Millionen Euro das teuerste in diesem Jahr in Deutschland versteigerte Kunstwerk. Quelle: Ketterer Kunst Kunst GmbH und Co. KG

    „Künstler wie diese, aber auch Ernst Wilhelm Nay, Gerhard Richter, Eduardo Chillida oder Pierre Soulages sind Künstler mit abgesicherten Positionen von Museumsqualität“, erklärte Robert Ketterer die Top-Resultate im Gespräch mit dem Handelsblatt. Und ergänzt: „Die verfügbaren Werke dieser Künstler in der von uns angebotenen Qualität sind überschaubar und entsprechend gefragt.“

    Schon vor dreieinhalb Jahren hatte der hyperrealistisch-surreale Maler Konrad Klapheck mit einer halben Million Euro für seine 1957 geschaffene Darstellung einer Schreibmaschine aufhorchen lassen. Erneut waren die Steigerungen beachtlich. Von taxierten 80.000 auf 387.500 Euro stieg der Preis für das rätselhafte, aus Versatzstücken einer altmodischen Alarmanlage komponierte Gemälde „Im Zeichen der Angst“ von 1963.

    Mehr als eine Viertelmillion Euro verbuchte Ketterer für Klaphecks metallisch hart gemaltes Gemälde „Zuversicht“. Beide Gemälde wie auch Joannis Avramidis organisch-körperähnliche, abstrakte Drei-Meter-Bronze „Große Trias“, die 237.500 Euro einspielte, stammten aus der Firmensammlung BEB Erdgas und Erdöl GmbH. Die einstige Tochtergesellschaft von Shell und Esso wird derzeit konsolidiert.

    Gesucht: Paradies-Bild von August Macke

    Glanzpunkte des Abends waren zweifellos die siebenstelligen Erlöse. Teuerstes Kunstwerk wurde mit 2,5 Millionen Euro August Mackes flirrendes, paradiesisches Gemälde „Mädchen mit blauen Vögeln“. Es ist eines der letzten Werke vor dem Tod des Expressionisten im Weltkriegsjahr 1914. Das auf 2 bis 3 Millionen Euro geschätzte Werk ging nach einem kurzen Schlagabtausch zweier Bieter in eine deutsche Sammlung.

    Das Ergebnis gehört laut der Datenbank artprice zu den fünf Top-Preisen für Werke Mackes. Dessen Auktionsrekord erzielte mit umgerechnet brutto 4,8 Millionen Euro Christie´s in London vor mehr als 20 Jahren.

    Rund 1,3 Millionen kostete Emil Noldes lange in Familienbesitz verbliebenes, marktfrisches Gemälde „Rittersporn und Silberpappel“ von 1926. Bei den Zeitgenossen fuhren Georg Baselitz´ Fingermalerei „Waldweg“ von 1974 sowie Gerhard Richters „Abstraktes Bild 665-4“ von 1988 siebenstellige Erlöse ein. Letzteres sicherte sich für 1,7 Millionen Euro ein New Yorker Kunstinvestor.

    Die farbige Kreidezeichnung aus der besten „Brücke“-Zeit strotzt vor Selbstbewusstsein. Auf bis zu 300.000 Euro geschätzt, wurde sie für 525.000 Euro zugeschlagen. Quelle: Ketterer Kunst GmbH und Co. KG

    Ernst Ludwig Kirchner „Selbstbildnis mit Modell“:

    Die farbige Kreidezeichnung aus der besten „Brücke“-Zeit strotzt vor Selbstbewusstsein. Auf bis zu 300.000 Euro geschätzt, wurde sie für 525.000 Euro zugeschlagen.
    Quelle: Ketterer Kunst GmbH und Co. KG

    Ketterers Evening Sale war größten Teils mit deutscher Kunst bestückt. Dennoch kamen laut Robert Ketterer etwa ein Viertel der Käufer aus dem Ausland. Das ist für den Auktionator kein Wiederspruch: „Es zeigt, dass wir eine Auswahl haben, die internationales Interesse weckt.“

    Brutto rund 27 Millionen Euro hämmerte Ketterer im Evening Sale zusammen, inklusive der 6 Millionen Euro für die renommierte Expressionisten-Sammlung Hermann Gerlinger. Die erste Tranche mit 45 Losen der weit umfangreicheren Kollektion des Würzburger Unternehmers mit einem Fokus auf die Mitglieder der Dresdner Künstlergruppe „Die Brücke“ wurde zu 100 Prozent verkauft.

    Heckels Lieblingsmodell Fränzi

    Diese Sammlung hat Tiefgang. Erwartungsgemäß wurde unter den Gerlinger-Losen das Gemälde „Kinder“ von Erich Heckel am stärksten beboten. Mit der Darstellung des Brücke-Lieblingsmodells Fränzi und der Jahreszahl 1909/10 zählt es zu den frühesten und kunsthistorisch besonders bedeutsamen Gemälden der Brücke-Künstler. Ein rheinischer Sammler setzte sich im Saal bei 1,3 Millionen Euro durch.

    Der Hamburger Kunsthändler Thole Rotermund engagierte sich im Kundenauftrag für Ernst Ludwig Kirchners farbstarke Kreidezeichnung „Selbstbildnis mit Modell“ von 1910. Die nicht gerade zweifelnde Selbstinszenierung des dreißigjährigen Künstlers wurde erst bei 525.000 Euro weitergereicht.

    Rotermund sagte dem Handelsblatt: „Eine solche durchgängige Qualität wie das Angebot aus dieser Sammlung ist seit Jahren nicht auf dem Markt gewesen.“ Für den Spezialisten für expressionistische Arbeiten auf Papier war die Auktion ein Gradmesser dieses Marktsegments. „Es freut mich, dass die Aquarelle, Holzschnitte und Zeichnungen der Klassischen Moderne hier einen so großen Erfolg erzielen und ihre Taxen weit übersteigen bzw. verdoppeln konnten“, ergänzte er am Rande der Auktion.

    Das Aquarell war Bestandteil der Sammlung Cornelius Gurlitt. Ketterer konnte es für 156.250 Euro brutto versteigern. Gekauft hat es der Sammler Günther Jauch. Quelle: Ketterer Kunst GmbH und Co. KG / VG Bild-Kunst

    Otto Dix „Dompteuse“:

    Das Aquarell war Bestandteil der Sammlung Cornelius Gurlitt. Ketterer konnte es für 156.250 Euro brutto versteigern. Gekauft hat es der Sammler Günther Jauch. Quelle: Ketterer Kunst GmbH und Co. KG / VG Bild-Kunst

    Das hohe Niveau zahlreicher Blätter trieb die Preise an. Bei sensationellen 625.000 Euro übernahm ein Münchener Sammler Kirchners Holzschnitt „Wintermondnacht“, ein eindrucksvolles, rares Blatt expressiver Naturdarstellung. Günstiger erhielt derselbe Sammler für 400.000 Euro für Hermann Max Pechsteins Gemälde „In der Hängematte“ aus bester Brücke-Zeit um 1910, einen weiteren Zuschlag bekam er bei 162.500 Euro für Karl Schmidt-Rottluffs leicht kubistisch, dynamisches gestaltetes Aquarell „Leuchtturm“.

    Was Günther Jauch sammelt

    Als Schmidt-Rottluff-Anhänger outete sich auch der Fernsehjournalist Günther Jauch. Bei 275.000 Euro ging das Gemälde „Afrikanische Schale“ von 1926 in die Hände des prominenten Moderators. Wenig später übernahm er im Evening Sale auch Otto Dix‘ burlesk-erotisches Aquarell „Dompteuse“. Das Blatt war vor wenigen Jahren Teil des sogenannten „Schwabinger Kunstfunds“ um Cornelius Gurlitt und stand unter NS-Raubkunst-Verdacht. Inzwischen ist es an die Erben des bedeutenden Breslauer Sammlers Ismar Littmann restituiert und wurde nun für 156.250 Euro veräußert.

    Die Seltenheit mancher Objekte in der Gerlinger Sammlung animierte auch amerikanische Museen. Ins Los Angelos County Museum geht beispielsweise für 18.750 Euro ein von Schmidt-Rottluff gestaltetes und bemaltes Holzkästchen.

    Auf die Handelsblatt-Frage nach dem Engagement deutscher Museen für die Gerlinger-Offerte, fällt Ketterers Antwort schroff aus: „Nein.“ Dabei hatte im Januar, als die Veräußerung der Gerlinger-Sammlung publik wurde, Frédérik Bußmann, Direktor der Kunstsammlung Chemnitz, über einen Weg des Erwerbs öffentlich nachgedacht: „Vielleicht kann man auch gemeinsam Werke erwerben?“

    Und überlegte im MDR-Interview: „Wie schaffen wir es gemeinsam, zumindest einen Teil dieser Sammlung in Deutschland und öffentlich zugänglich zu halten?“. So eine kennerschaftliche Sammlung ist nicht nur Nachschub für einen qualitätsbegierigen Markt. Es steckt auch viel Kulturgut in ihr drin.
    Mehr: Sammlung Gerlinger: Raus aus dem Museum

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×