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24.11.2022

07:50

Ausstellung

Der Mann, der mit Frauenkörpern malte

Von: Olga Grimm-Weissert

Yves Klein hat sich ultramarinblaue Farbe patentieren lassen und die Kunst revolutioniert. Aix-en-Provence erklärt sein Werk in einer Ausstellung.

Das 1960 entstandene Gemälde ist das Ergebnis einer Performance mit jungen Aktmodellen, die sich mit blau bestrichenem Körper auf das Papier wälzten. Succession Yves Klein c/o ADAGP, Paris, 2022

Yves Klein „Jonathan Swift, (ANT 125)“

Das 1960 entstandene Gemälde ist das Ergebnis einer Performance mit jungen Aktmodellen, die sich mit blau bestrichenem Körper auf das Papier wälzten.

Aix-en-Provence Der Name von Yves Klein ist gleichsam ein Synonym für das Ultramarin-Blau seiner berühmten Gemälde, Schwamm-Reliefs, Schwamm-Skulpturen und Körper-Abdrucke. Das intensive Blau von Yves Kleins einfarbigen Werken vermittelt dem Sinnensystem der Betrachtenden neue Energie.

Seine mittels Körperabdruck von jungen Frauen generierten Werke, seine planetarischen Reliefs, für die er kleine Schwämme in die Bildoberfläche integrierte, und seine Feuerbilder sind Markenzeichen eines Avantgardisten, dessen Kunst für alle zugänglich ist. Rasch wurde er weltberühmt, wozu auch seine Ausstattung des Musiktheaters Gelsenkirchen Ende der 1950er-Jahre beitrug.

Bis 26. März 2023 zeigt das Kunstzentrum von Aix-en-Provence im imposanten Stadtpalais „Hôtel de Caumont“ die didaktisch angelegte Schau „Yves Klein. Intime“. Ein schlüssiger Überblick über das nur achtjährige Schaffen ab 1954.

Der 1928 in Nizza geborene Yves Klein starb bereits 34-jährig am 6.6.1962 an einem Herzinfarkt. Er hinterließ seine schwangere Frau, Rotraut Klein, die am 6.8.1962 den Sohn Yves Amu Klein zur Welt brachte. Rotraut, die Schwester von Günther Uecker und selbst Künstlerin, heiratete später Daniel Moquay, der jahrelang das Dokumentationszentrum „Archives Yves Klein“ leitete.

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    Der geniale Erfinder des Farbtons Ultramarin-Blau ließ dieses als IKB (International Klein Blau) patentieren. Er verkündete, dass die Farbe an sich die Materie, das heißt das Bild sei. Kleins künstlerische Arbeit war auf „Immaterialität“ und auf grenzenlose Freiheit ausgerichtet. Bis zum fotografisch und publizistisch dokumentierten „Sprung ins Nichts“, den er 1960 quasi fliegend demonstrierte.

    Bis zu diesem „Sprung ins Nichts“ unterrichtete er Judo, wobei er, wie beim asiatischen Kampfsport üblich, die Geistes- und Körperhaltung gleichwertig einstufte. Ähnlich wie Andy Warhol und Joseph Beuys stilisierte Yves Klein sich selbst und sein außergewöhnliches Werk zum Mythos.

    Der Künstler stand am Rand im Smoking mit weißen Handschuhen wie ein Regisseur und gab zu monotoner Musik seine Anweisungen. Jacques Fleurant/MNAM; Succession Yves Klein c/o ADAGP, Paris

    Yves Klein realisiert eine der sogenannten „Anthropometrieen“

    Der Künstler stand am Rand im Smoking mit weißen Handschuhen wie ein Regisseur und gab zu monotoner Musik seine Anweisungen.

    Klein war er stets darauf bedacht, seine Aktivitäten und Performances mit Filmen, Fotos oder Schriften zu dokumentieren. Da er den Begriff des Gemäldes ablehnte, verwendete er anstelle von Pinseln breite Farbrollen, wovon man in Aix-en-Provence eine blau gefärbte sieht.

    Er experimentierte auch mit weichen Schwämmen, die er in seine strahlend blaue Farbe tränkte. Je nach Form nannte er einen Schwamm 1962 nach seinem Künstlerfreund „Porträt von Martial Raysse, S 15“, oder bloß „Schwamm-Skulptur blau ohne Titel, SE 191“. In den Jahren 1957 bis 1961 fertigte Yves Klein Hunderte Schwamm-Skulpturen und etwa fünfzig „Schwamm-Reliefs“ an.

    Rosa Schwamm-Varianten existieren ebenfalls. Die einfarbigen Schwämme waren mit Metall- oder Holzstiel in einen Stein montiert. Kleins Kumpel und Kollege Jean Tinguely erzählte, dass er oft die Bastelei der Montage übernahm. Die beiden Künstler fertigten auch eine kleine Maschine mit einem rotierenden blauen Diskus an, auf der die rasch drehende blaue Materie immateriell wird.

    Vernissagen sorgten oft für Sensationen

    Der charismatische Yves Klein überredete zwei Pariser Galeristinnen, Iris Clert und Colette Allendy, seine innovativen Werke auszustellen. Die Vernissagen sorgten oft für Sensationen. Zum Beispiel, als Yves Klein und seine Kumpane 1001 blaue Ballone in die Luft steigen ließen.

    Noch sensationeller waren die genauestens in Szene gesetzten, mit Zeichnungen vorbereiteten Performances mit jungen Aktmodellen, die intensiv leuchtende blaue Farbe auf Torso und Schenkel auftrugen. Dann drückten sie entweder ihre Vorderseite auf Leinwand oder Papier. Oder sie zogen sich gegenseitig darüber. So entstand das – in Aix ausgestellte – Bild „Héléna, ANT 111“ von 1960.

    Yves Klein stand am Rand im Smoking mit weißen Handschuhen wie ein Regisseur und gab zu monotoner Musik seine Anweisungen. Ein Kunstkritiker gab der heute begehrten Werkgruppe den Namen „Anthropometrieen“.

    Für die „Feuerbilder“ hinterließen Modelle Spuren ihrer nassen Körper auf der Leinwand. Dann „malte“ der Künstler mit einer riesigen Gasflamme die Umrisse des Körpers nach. Succession Yves Klein c/o ADAGP, Paris, 2022

    Yves Klein „Peinture de Feu sans titre, (F 24 )“

    Für die „Feuerbilder“ hinterließen Modelle Spuren ihrer nassen Körper auf der Leinwand. Dann „malte“ der Künstler mit einer riesigen Gasflamme die Umrisse des Körpers nach.

    Die Züricher Galerie Gmurzynska verwaltete lange Zeit den Yves Klein-Nachlass für Europa. Selten am Markt, kann sie gelegentlich noch Klein-Werke dank guter Beziehungen zu Rotraut Klein-Moquay offerieren, teilt Galerie-Miteigentümer Mathias Rastorfer dem Handelsblatt mit.

    Eine wegen ihrer Gefährlichkeit typische Erfindung des Künstlers sind die „Feuerbilder“. Dabei hatten die Modelle Spuren ihrer nassen Körper auf der Leinwand zu hinterlassen. Daraufhin „malte“ der Künstler mit einer riesigen Gasflamme die Umrisse des Körpers nach.

    Neben seinem intensiven Blau, das den Himmel, das Meer und die Unendlichkeit symbolisiert, beschränkte sich Yves Klein auf zartes Rosa, das Hautfarbe evoziert und Gold, das er als Bindeglied zum Immateriellen propagierte. Anlässlich einer Ausstellung in Antwerpen verlangte er ein Kilogramm Gold für jedes Werk, womit er surrealistischen Humor und Sinn für handfest Materielles bewies. Seine mit Blattgold hergestellten Werke, als „Monogold“ bezeichnet, beenden den Aixer Ausstellungsparcours.

    Gute Arbeiten von Yves Klein sind rar auf dem Kunstmarkt

    Mit einem Höhepunkt: eines seiner „Relief-Porträts“, wo er seinen Jugendfreund Claude Pascal als Plastik in strahlendem Blau nachbildete und vor einen goldenen Hintergrund platzierte. Das Werk ist eine Leihgabe des Nizzaer Museums für Moderne Kunst MAMCO, das eine umfassende Sammlung von Yves Klein-Werken besitzt.

    Wie rar gute Arbeiten von Yves Klein sind, beweist sein bereits zehn Jahre alter Weltrekord: Das Schwamm-Relief „Le Rose du bleu (RE 22)“ von 1960 erzielte im Juni 2012 bei Christie’s in London 23,6 Millionen Pfund. Das entsprach 29,4 Millionen Euro.

    Im Jahr darauf versteigerte Sotheby’s in New York eine Schwamm-Skulptur auf einer Stein-Basis für 22 Millionen Dollar. Die Galerie Gmurzynska verfügt über eine blaue Schwamm-Skulptur, die in einer Vitrine auf einem durchsichtigen Stiel schwebt und 600.000 Dollar kosten soll.

    Im März diesen Jahres schlug Sotheby’s Paris eine „Anthropometrie Sans Titre (ANT 20)“ von 1962 für knapp 2 Millionen Euro zu. Dagegen kann man die 50 Zentimeter hohe Skulptur „La Victoire de Samothrace“, von der 175 Exemplare im Jahr 1973 aufgelegt wurden, auf deutschen und französischen Auktionen bereits für ungefähr 140.000 Euro ersteigern.

    Die Ausstellung „Yves Klein: Intime“ läuft im Hotel de Caumont in Aix-en-Provence bis 26. März 2023.

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