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30.07.2022

10:14

Ausstellung in Berlin

Die übersehenen Künstlerinnen des Bröhan-Museum

Von: Christian Herchenröder

Tausend Künstlern stehen im Bröhan-Museum nur 99 Künstlerinnen gegenüber. Eine überfällige Ausstellung rückt die Übersehenen jetzt ins rechte Licht.

Die Hofmalerin am rumänischen Fürstenhof zog 1892 nach Berlin, wo sie als freie Künstlerin von gut bezahlten Aufträgen lebte. Alexandra Koronkai-Kiss

Dora Hitz „Waldmärchen“

Die Hofmalerin am rumänischen Fürstenhof zog 1892 nach Berlin, wo sie als freie Künstlerin von gut bezahlten Aufträgen lebte.

Berlin Frauen in der Kunst: Das ist zu einer unendlichen Geschichte geworden, die lange verdrängte Aufbauarbeit fordert. In Berlin wurde das 2019 mit der Ausstellung „Kampf um Sichtbarkeit“ in der Alten Nationalgalerie eingeleitet und in der Bauhaus-Schau im selben Jahr war der Beitrag der Frauen breiter als gewohnt präsent.

Jetzt widmet sich das Bröhan-Museum ausgehend vom eigenen Sammlungsbestand der Kunst und dem Design von Frauen der Zeit von 1880 bis 1940. Es ist eine Ausstellung, in der Lebensdaten und Werke von 45 Frauen ausgebreitet werden, die einen essenziellen Beitrag zur europäischen Kunst und zum europäischen Design geliefert haben.

Das Museum hat nachgezählt: Von seinen über 20.000 Sammlungsobjekten stammen nur rund 1500 von Frauen. Rund 1000 Künstlern stehen lediglich 99 Künstlerinnen gegenüber. Aus dieser Missrelation werden nun Malerinnen der Berliner Secession, Bildhauerinnen, Keramikerinnen, Silberschmiedinnen und Designerinnen herausgehoben.

Der Rundgang wird zu einem faszinierenden Tableau schöpferischer Kraft und Vielseitigkeit. Viele dieser Frauen waren Jüdinnen oder Lesbierinnen, was ihre Verdrängung aus dem repräsentativen Kanon der Kunstgeschichte besonders verwerflich macht.

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    Die Schau beginnt mit Repräsentantinnen der Berliner Secession, in deren Kreis bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs 107 Frauen aufgenommen wurden, gemäß dem Diktum von Max Liebermann, dass nur das Talent zähle.

    Zu den Gründungsmitgliedern gehörten vier Frauen, von denen Dora Hitz die bedeutendste ist. Sie hatte in Paris gelebt, war Hofmalerin am rumänischen Fürstenhof gewesen und zog 1892 nach Berlin, wo sie als freie Künstlerin von gut bezahlten Aufträgen lebte. 1906 war sie zusammen mit Käthe Kollwitz, die in dieser Ausstellung mit Grafiken vertreten ist, erste weibliche Trägerin des Villa Romana-Preises.

    Die beiden Kuratorinnen rücken die Leistungen von Künstlerinnen und Designerinnen der Moderne ins Licht. Alexandra Koronkai-Kiss

    Julia Meyer-Brehm und Anna Grosskopf (von li.)

    Die beiden Kuratorinnen rücken die Leistungen von Künstlerinnen und Designerinnen der Moderne ins Licht.

    Eine ihrer gefeierten Mutter und Kind-Darstellungen, das symbolistische „Waldmädchen“ und ein Ganzporträt des Industriellen und Politikers Walter Rathenau sind Zeugnisse ihrer malerischen Potenz. Vom Postimpressionismus und Jugendstil geprägt sind die Porträts und Werbeplakate der nicht nur in Berlin gefeierten Julie Wolfthorn, die 1944 in Theresienstadt ermordet wurde.

    Viele der Frauen, die in dieser Schau der Vergessenheit entrissen werden, waren zu Lebzeiten hoch angesehen und gefeiert. Das lag auch an der zu lange rein männlich geprägten Kunstgeschichtsschreibung.

    Keramikerinnen in Überzahl vertreten

    Zu den einst Arrivierten gehören die von dem einflussreichen Designer Henry van de Velde geförderten Freundinnen Margarete Junge und Gertrud Kleinhempel. Die beiden sind hier mit Möbeln für die Dresdner Werkstätten vertreten, die in ihrer schlichten, geradlinigen Form Anmutungen des Biedermeier mit dem frühen 20. Jahrhundert verbinden.

    Heute nahezu vergessen, aber einst als eine der wichtigsten Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts gefeiert, haben die Skulpturen der 1888 geborenen Ukrainerin Chana Orloff eine herb männliche, dem Kubismus entwachsene Ausstrahlung.

    Keramikerinnen sind in dieser Ausstellung in Überzahl vertreten. Eine der berühmtesten ist Hedwig Bollhagen, die ihre Karriere von der Weimarer Republik über die Naziperiode und die DDR bis in die Nach-Wende-Jahre sicherte: ein Chamäleon der Anpassung, die durch die Zeiten gleichwohl stilistisch unverkennbare Fayencen schuf.

    Die Gefäße der Budapesterin ragen vor allem durch ihren farbigen stark geometrischen Dekor heraus. Alexandra Koronkai-Kiss

    Eva Stricker-Zeisel

    Die Gefäße der Budapesterin ragen vor allem durch ihren farbigen stark geometrischen Dekor heraus.

    Eine der erfolgreichsten Keramikerinnen der Weimarer Republik, deren Arbeiten selbst in Kaufhäusern reüssierten, war Margarethe Heymann-Loebenstein, deren Vasen und Service dem extravaganten Formwillen des Art Déco verpflichtet sind.

    Den Formwillen des Art Déco atmen auch die bauchigen Teekannen der für die Steingutfabrik Wächtersbach tätigen Ursula Fesca, während die Gefäße der Budapesterin Eva Stricker-Zeisel vor allem durch ihren farbigen stark geometrischen Dekor herausragen. Dass hier die KPM-Entwerferin Trude Petrimit frühen Beispielen ihrer „Urbino-Form“ vertreten ist, versteht sich fast von selbst.

    Kitsch und Nippes aus Wien.

    Die einzigen hier ein Gefühl von Kitsch und Nippes verbreitenden Fayencen sind die aufdringlich glasierten, um 1920 entstandenen Köpfe und Figuren von Keramikerinnen der Wiener Werkstätte, die dem geschmäcklerischen Gusto konservativer Keramik-Sammler huldigen.

    Die Periode zwischen 1925 und 1933 war die Hoch-Zeit der Silberschmiedin Emmy Roth, die 1942 in Palästina starb. Ein Pokal von 1922 knüpft noch stark an den Wiener Jugendstil an, aber ein um 1930 entstandenes Kaffee- und Teeservice atmet mit seiner konischen, leicht gehämmerten Form den Geist einer sachlicheren Epoche.

    In der zu Weltruhm gelangten Küche verbindet sich das Zeitsparende mit dem Wohlfühl-Gedanken. Alexandra Koronkai-Kiss

    Margarethe Schütte-Lihotzky „Frankfurter Küche“

    In der zu Weltruhm gelangten Küche verbindet sich das Zeitsparende mit dem Wohlfühl-Gedanken.

    Die Wienerin Margarethe Schütte-Lihotzky genießt als Architektin der in den Frankfurter Siedlungen mit seinerzeit über 10.000 Exemplaren präsenten „Frankfurter Küche“, in der das Zeitsparende sich mit dem Wohlfühl-Gedanken verbindet, Weltruhm. Ein Exemplar dieses rationalistischen Interieurs ist unübersehbares Glied der Enfilade.

    Formprägendes und Zeitzeugenschaft wird in dieser Schau großgeschrieben, die Frauen aus dem Schatten hebt, deren Werke allen Widrigkeiten und Zeitläuften zum Trotz Kunstgeschichte geschrieben haben. Es ist an der Zeit, ihren Werken auch im Rahmen der Schausammlungen von Museen ein stärkeres Eigengewicht zu geben.

    Die Ausstellung „Ansehen! Kunst und Design von Frauen 1880 bis 1940“ läuft bis 4. September 2022 im Bröhan-Museum, Schlossstraße 1a, 14059 Berlin am Schloss Charlottenburg. Der Katalog erschien im Hirmer Verlag und kostet 32 Euro.

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