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29.11.2022

08:05

Ausstellung in Berlin

Selbstporträt als Mischwesen: Maria Lassnig befragt sich selbst

Von: Christian Herchenröder

Maria Lassnig galt als schwierige und radikale Malerin. Der Kunsthändler Helmut Klewan hat früh mit ihr zusammengearbeitet. Die Früchte sind jetzt in Berlin zu besichtigen.

Gnadenlose Selbstporträts wie das hier abgebildete Gemälde von 1963 sind das Leitmotiv der Ausstellung (Ausschnitt aus einem Hochformat). Maria Lassnig Stiftung/Foundation / VG Bild-Kunst Bonn 2022

Maria Lassnig „Selbstporträt mit Ordenskette“

Gnadenlose Selbstporträts wie das hier abgebildete Gemälde von 1963 sind das Leitmotiv der Ausstellung (Ausschnitt aus einem Hochformat).

Berlin Die Österreicherin Maria Lassnig, die 2014 mit 94 Jahren starb, wurde erst spät als eine der wichtigsten Künstlerinnen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts gefeiert. Es ist vor allem ihr Spätwerk, das in den Auktionen der letzten Jahre Spitzenpreise erzielt - bis hinauf zu jenen 1,36 Millionen Euro, die im Juni 2021 im Wiener Dorotheum ihr monumentales Gemälde „Wilde Tiere sind gefährdet“ erlöste.

Das Dorotheum ist das Auktionshaus, in dem die meisten Werke der Kärntnerin versteigert werden. Schon im Frühwerk, das aus den noch abstrakten „Körperbewusstseinsbildern“ ins Figurative mutiert, sind radikale Verkörperungen, schwarzer Humor, die in Schmerz und Isolation getauchte Selbstbefragung allzeit präsent.

Diese frühen Werke einer Identitätsfindung, in der sich das Innere nach außen kehrt, und fragmentierte menschliche Formen tierische Gestalt annehmen oder mit Sesseln verwachsen, stehen im Mittelpunkt einer Lassnig-Schau. Sie speist sich aus Beständen des Kunsthändlers und Sammlers Helmut Klewan.

Die Ausstellung füllt mit Gemälden der sechziger Jahre und Zeichnungen der Jahre 1967 bis 2000 die vier Säle des Gutshauses Berlin-Steglitz. Hier sind die gnadenlosen Selbstporträts der Künstlerin das Leitmotiv der Schau. Hier wird sie zum Mischwesen („Der gelbe Hund“), verschmilzt mit der Natur („Der Garten in mir“) oder richtet den Revolver auf den Betrachter („Wildwestselbstporträt“). Die Kleinbronze „Selbstgöttin“ von 1979 erinnert an ostasiatische Figuren; doch die menschliche Form ist auch hier tierisch verfremdet.

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    Mit dieser Ausstellung präsentiert sich Helmut Klewan, der von 1970 bis 1986 eine Galerie in Wien und von 1978 bis 1999 eine Dependance in München führte, mit einem Fixpunkt seines Sammlerlebens. Es hat sich parallel zu seiner Händlertätigkeit entwickelt.

    Radikale Verkörperungen, schwarzer Humor, die in Schmerz und Isolation getauchte Selbstbefragung sind allzeit präsent. Abgebildet ist ein Gemälde aus dem Jahr 1968 (Ausschnitt aus einem Hochformat). Maria Lassnig Stiftung/Foundation / VG Bild-Kunst Bonn 2022

    Maria Lassnig „Herzselbstporträt in grünem Zimmer“

    Radikale Verkörperungen, schwarzer Humor, die in Schmerz und Isolation getauchte Selbstbefragung sind allzeit präsent. Abgebildet ist ein Gemälde aus dem Jahr 1968 (Ausschnitt aus einem Hochformat).

    Mit Werken österreichischer Maler hatte Klewan seine Galerie eröffnet. Kurt Schwitters, Joseph Beuys und Hermann Nitsch waren die Protagonisten der folgenden Jahre.

    Schon 1981, lange vor dem internationalen Ruhm der Malerin, führte der Kontakt mit Maria Lassnig zu einer Ausstellung mit Gemälden und Zeichnungen der schwierigen Künstlerin. Sie trennte sich nur durch starke Überredungskunst von ihren Werken. Mit dem im Galerieprogramm stark vertretenen Arnulf Rainer, der zehn Jahre jünger war, hatte Maria Lassnig eine filmreife Affäre.

    1986 und dann wieder erst 1999 im letzten Jahr der Münchner Dependance erscheint Lassnig im Programm. In der Zwischenzeit hat sie sich im Kunsthandel rar gemacht, ist bei Capitain Petzel in Berlin und Barbara Gross in München vertreten.

    Geschmacklich gegen den Strom geschwommen

    Fast fünfzig Jahre hat der Sammler Klewan Arbeiten von Künstlern aller Richtungen zusammengetragen. Als im August 2001 die Kestner Gesellschaft in Hannover eine Ausstellung seiner Sammlung unter dem Titel „Obsession“ eröffnete, zeigte sich ein breites undogmatisches, gegen den Strom schwimmendes Geschmacks-Panorama.

    Die Wiener Aktionskunst der sechziger und siebziger Jahre war vertreten mit Christian Attersee, Günter Brus und Otto Mühl. Neben Lassnig und Rainer figurierten André Masson, Jean Dubuffet, Jean Fautrier und Hans Bellmer. Alberto Giacometti war hier ebenso präsent wie Kurt Schwitters und Joseph Beuys. Selbst kitschverdächtige Salonkunst und Nippes-Skulpturen erschienen in dieser Melange.

    Die unterschiedlichen Qualitäten der Werke zeugen von einem vom Kanon der Kunstgeschichte unabhängigen Geist. Seit dieser Schau steigerte sich die Sammelleidenschaft Klewans noch. 193 Werke von über 50 Künstlerinnen und Künstlern wurden 2017 im Wiener Belvedere gezeigt.

    Im Mai 2022 wurde im Wiener Leopold Museum eine Ausstellung mit Porträts von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in Zeichnung Grafik, Fotografie eröffnet. Sie speiste sich aus Klewans Schenkung von 350 Werken an das Museum.

    Schon vorher hatte der Sammler Konvolute von Kurt Schwitters und Arnulf Rainer verkauft, um eine der größten Privatsammlungen von Werken Alberto Giacomettis zusammenzutragen. Die Berliner Lassnig-Ausstellung ist und bleibt ein starkes Segment. Sie verdient es, um Gemälde der Spätzeit ergänzt zu werden.

    Die Ausstellung läuft bis 26. Februar 2023 im Gutshaus Steglitz, Schlossstr. 48, 12165 Berlin, täglich 10 bis 18 Uhr. Schließtage sind jeder 1. Dienstag im Monat und 24. bis 26.12., 31.12.2022 und 1.1.2023. Der Eintritt ist frei. Der Katalog zur Ausstellung soll im Kerber-Verlag erscheinen.

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