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27.07.2022

15:59

Ausstellung in Dresden

Bernado Bellotto: Stadtansichten im Breitwandformat

Von: Christian Herchenröder

Dresden brilliert mit einer Wiederentdeckung der Veduten von Bernardo Bellotto. Die Gemäldegalerie schöpft dabei auch aus dem reichen eigenen Bestand.

1748 entstand diese Ansicht von Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustbrücke. Gemäldegalerie Alte Meister, Staatl. Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

Bernado Bellotto

1748 entstand diese Ansicht von Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustbrücke.

Dresden Was gibt es nicht alles für Beschreibungen der Malerei von Bernardo Bellotto (1720–1780). Dem italienischen Maler von Stadtansichten und Neffen von Antonio Canaletto werden im Unterschied zu den Werken seines Onkels kalte Farben, strenge Geometrie, Gleichförmigkeit der Technik unterstellt.

Dass Bellotto ein Schnellmaler war, der im Dienst seiner königlichen Auftraggeber in Dresden und Warschau bis zu 14 Gemälde im Monat produzieren musste, bedeutet aber nicht, dass es ein starkes Qualitätsgefälle in seiner Malerei gibt. Die Dresdner Bellotto-Ausstellung zeigt mit 130 Werken, darunter auch filigrane Zeichnungen und Radierungen, einen Künstler, der stets auf der Höhe seiner minutiösen Technik war.

Die Gemäldegalerie Alte Meister kann dabei mit ihrem Bestand wuchern. In der Ausstellung hängen 36 eigene Werke, davon nicht weniger als 18 der meist über zwei Meter breiten Dresdner Auftragsbilder. Als Schüler seines berühmten Onkels Antonio Canal, genannt Canaletto, hatte er seine ersten Venedig-Ansichten unter dessen Aufsicht ausgeführt.

Die hier gezeigten Bilder der frühen 1740er-Jahre aus Venedig, Rom und Verona sind stark perspektivisch empfundene, lichtgetränkte Ansichten mit blauem Himmel, der in den späteren Werken an Farbe verliert; selbst wenn man bedenkt, dass sich das Preußischblau graduell entfärbt hat. Diese Werke sind weniger farbselig und pastos als die seines Onkels.

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    1747 nach Exkursen in die Lombardei, nach Turin und Verona lud ihn der sächsische Kurfürst Friedrich-August II., als König von Polen August III. nach Dresden ein. 1748 wurde Bellotto zum Hofmaler ernannt. Schon die ersten in dieser Zeit entstandenen, vom rechten und linken Elbufer aus gesehenen Panoramen der Residenzstadt sind Meisterwerke, die uns noch heute faszinieren, weil ihr Breitwand-Format dem uns vertrauten Kinoformat 19:9 entspricht.

    Die realitätsnahe Ansicht entstand zwischen 1754 und 1756. Gemäldegalerie Alte Meister, Staatl. Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

    Bernardo Bellotto „Pirna von Copitz aus“

    Die realitätsnahe Ansicht entstand zwischen 1754 und 1756.

    Ihre skrupulöse Komposition und ihr standardisiertes Bildformat verdanken sie dem Gebrauch der Camera Obscura, die bereits Antonio Canal als optisches Hilfsmittel benutzt hatte. In die Komposition werden markante Schatten eingefügt, die den weiten Bildraum gliedern.

    Die in Dresden entstandenen Werke widmen sich nicht nur der berühmten Elbsilhouette. Sie geben auch Einblicke in die Architektur der alten und neuen Plätze, der Kirchen und des Zwingergrabens, der nahen Stadt Pirna und der Festungen.

    Die volle Auslastung des Künstlers bescherten nicht nur die vom Herrscher bestellten Großformate. Für den Premierminister Heinrich Graf von Brühl, ein fanatischer Sammler, dessen Kollektion nach seinem Tod von der Zarin Katharina II. erworben wurde, musste er dieselben Ansichten noch einmal malen.

    Dresden-Ansicht aus der Irischen Nationalgalerie

    Auch die dramatischen Ansichten der Festung Königstein von Norden und Nordwesten, die jetzt als Leihgaben aus Washington und London in der Ausstellung hängen, gehörten zu den Auftragswerken des Hofes. Aus der Irischen Nationalgalerie Dublin kam ein kleineres, ursprünglich von einem russischen Sammler angekauftes Kleinformat mit einer Dresden-Vedute vom oberen Elbufer.

    Nachdem Kursachsen im Siebenjährigen Krieg unter preußische Herrschaft gefallen war, verließ Bellotto 1758 die Stadt und zog nach Wien. Dort arbeitet er für den Fürsten Kaunitz, den Prinzen von Liechtenstein und die Kaiserin Maria Theresia. Aus dem Kunsthistorischen Museum Wien und aus dem Liechtenstein Museum sind Bilder in die Ausstellung, in denen die Figurenstaffage stärkere Akzente setzt als früher.

    Der Künstler porträtierte die Architektur der alten und neuen Plätze, der Kirchen und des Zwingergrabens der Stadt Pirna. Gemäldegalerie Alte Meister, Staatl. Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

    Bernardo Bellotto „Der Marktplatz von Pirna“

    Der Künstler porträtierte die Architektur der alten und neuen Plätze, der Kirchen und des Zwingergrabens der Stadt Pirna.

    Vor allem im Blick auf das Wiener Gartenpalais Liechtenstein erscheinen neben den Gartenskulpturen Figuren in farbigem Rokoko-Gewand als elegantes Repoussoir. In einer um 1765 entstandenen Architekturfantasie stellt sich Bellotto selbst in der Tracht eines venezianischen Edelmanns in den Vordergrund: Ausdruck eines an europäischen Fürstenhöfen gewonnenen noblen Status. Breit gestreutes Personal verstärkt die Tendenz einer Verlebendigung der Architekturszene.

    In dem zeitlosen Gemälde von 1765, das die Trümmer der im Krieg verwüsteten ehemaligen Kreuzkirche zu Dresden zeigt, tummeln sich Schaulustige in der gesamten perspektivischen Ebene. Das Bild entstand nach der Rückkehr Bellottos nach Dresden, die im Dezember 1766 mit der Reise nach Warschau endet. Hier wird er von König Stanislaus II August Poniatowski als Hofmaler angestellt.

    Warschau-Ansichten für die königliche Sammlung

    In Bellottos letzten 14 Lebensjahren entstehen in Warschau einige Idealansichten der Stadt Rom, die von den „Vedute di Roma“ Giovanni Battista Piranesis inspiriert sind. Vor allem aber entstanden die stark farbigen Warschau-Ansichten für die Königliche Sammlung. Von ihnen hängen elf als Leihgaben aus dem Warschauer Königsschloss im letzten Saal der Ausstellung. Nach Bericht des polnischen Grafen Mycielski besaß König Stanislas 27 Ansichten von Warschau, zwölf von Rom und zehn von anderen Städten.

    In Deutschland hängen mit Ausnahme Dresdens nur wenige Gemälde von Bellotto. Die Museen in Hamburg, Berlin, Düsseldorf besitzen weniger kapitale Werke. In München, wo der Maler vor der Rückkehr nach Dresden einige Monate weilte, hängen zwei mittelmäßige Canaletto-Veduten, aber kein Bellotto.

    Zu den herausragenden Werken der mittleren Periode zählt das jetzt aus dem Besitz der Washingtoner Nationalgalerie ausgestellte majestätische Panorama mit der Festung Königstein von Nordwesten.

    Das lupenreine Gemälde wurde im Dezember 1991 für 3,41 Millionen Pfund von den Kunsthändlern Konrad Bernheimer und Bruno Meissner ersteigert und zwei Jahre später für 9,6 Millionen Dollar an das Washingtoner Museum verkauft. Das war schon damals ein Rekordpreis, der auch in den letzten 20 Jahren nur geringfügig überboten wurde.

    Das Gemälde spricht uns heute noch durch sein Cinemascope-Format an. Gemäldegalerie Alte Meister, Staatl. Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

    Bernardo Bellotto „Der alte Ponte delle Navi in Verona“

    Das Gemälde spricht uns heute noch durch sein Cinemascope-Format an.

    Das bislang teuerste Bild des Malers kam im Juli 2021 bei Christie’s unter den Hammer. Es ist eine von mehreren Versionen der Verona-Vedute mit dem Ponte delle Navi, zugeschlagen für 10,5 Millionen. Das Bild wurde als nationales Kulturgut mit einer Exportsperre belegt. Es kam wie viele der seit den 1990-er Jahren versteigerten Bellottos aus britischem Adelsbesitz. Im Mai 2007 war bei Christie’s eine Ansicht des Canal Grande mit der Kirche San Stae für 11 Millionen Dollar versteigert worden.

    Auch die 5,4 Millionen Pfund, die ein Dresden-Bild mit dem Zwinger im Juli 2020 bei Sotheby’s einspielte, waren ein beachtlicher Preis. Das helle Gemälde gehörte einst dem Hamburger Sammler Max Emde, wurde 1938 in Hitlers Reichskanzlei überführt und hing nach dem Krieg Jahrzehnte lang im Büro des deutschen Bundespräsidenten. 2019 wurde es an die Erben Emden restituiert. Bellotto schreibt immer noch Geschichte. Auch als Marktfaktor bleibt er einer der ganz Großen.

    Die Ausstellung „Zauber des Realen. Bernardo Bellotto am sächsischen Hof“ läuft im Dresdner Zwinger bis zum 28. August. Der Katalog kostet 34 Euro.

    Mehr: Der Kunstmarkt im ersten Halbjahr 2022: Halbjahresbilanz der Auktionsriesen: Ein zwiespältiges Ergebnis

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