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22.11.2022

13:37

Ausstellung in Köln

Wie Künstler auf die Schlachtfelder der Ukraine blicken

Von: Susanne Schreiber

Einer Privatinitiative verdankt Köln eine bemerkenswerte Schau mit zeitgenössischer Kunst aus der Ukraine.

Die Kasachin inszeniert in einem Foto ein Kind in der Weite der Steppenlandschaft. Davor liegt ein alter Mann mit einem vermutlich toten Schaf in den Armen. Ein Bild vom Ende der Hoffnung. S .Schreiber

Almagul Menlibayeva

Die Kasachin inszeniert in einem Foto ein Kind in der Weite der Steppenlandschaft. Davor liegt ein alter Mann mit einem vermutlich toten Schaf in den Armen. Ein Bild vom Ende der Hoffnung.

Köln „Sie ist es wert, dass um sie gekämpft wird“. Der Satz ist mit Absicht mehrdeutig. „Worth Fighting for“ ist der Titel einer aktuellen Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst aus der Ukraine, die den Vernichtungskrieg Russlands reflektiert. Der Kampf um Werte meint natürlich auch das Land Ukraine, ihre tapfere Bevölkerung und die sie unterstützende EU.

Und schließlich meint der Titel auch die Kunst im Allgemeinen. Denn die Kunst stiftet jene Identität, die Wladimir Putins Armee auf ukrainischem Territorium auszulöschen versucht. Kunst ist Widerstand. Und der muss gesehen werden. Im Inland wie im Ausland.

Rund 40 Arbeiten zeigen den Schrecken der russischen Invasion. Die meisten sind nach dem 24. Februar 2022 entstanden. Selten gelangen Kunstwerke so schnell in eine Ausstellung. Die in den weiten Hallen des ehemaligen Kölner Autohauses Dresen aufgebaute Schau geht unter die Haut.

„Indem wir die Ausstellung nach Köln holen, bieten wir eine erweiterte Auseinandersetzung mit Kunst aus der Ukraine in einem internationalen Umfeld und ermöglichen einen emotionalen Dialog,“ sagt der Initiator, der Kunstversicherer Stephan Zilkens.

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    Säcke mit erschossenen Zivilisten aus dem Massaker von Butscha sind auf Fotos von Maxym Dondyuk präsent. Und ukrainische Soldaten mit schweren Verbrennungen - und tapferem Lächeln. Dass es einen Alltag im Krieg geben muss, mit Brot kaufen und Essen am Tisch, macht eine gewebte Tischdecke mit entsprechendem Brot-Rapport auf unheimliche Art deutlich.

    In einem Video sieht und hört man dunkle Flüssigkeit aus einem Rohr einströmen in einen Fluss. Davor gelagert wie barocke Flussgötter das Künstlerduo Daniil Revkovskiy und Andriy Rachinskiy. Sie sagen etwas, das wie ein „Blubb, blubb, blubb“ in nerviger Dauerschleife klingt.

    Videostill aus der filmischen Anklage gegen die Einleitung radioaktiver Stoffe aus der Metallverarbeitung in einen Fluss. S. Zilkens

    Daniil Revkovskiy und Andriy Rachinskiy

    Videostill aus der filmischen Anklage gegen die Einleitung radioaktiver Stoffe aus der Metallverarbeitung in einen Fluss.

    Tatsächlich fragen die jungen Künstler mit dem höhnischen Blubb-Kommentar nach der Verantwortung für die Einleitung radioaktiver Stoffe aus der Metallverarbeitung in die Natur. Der Neun-Minuten-Film entstand schon 2020. Sein Thema: Der Krieg gegen die Natur. Auch ein Krieg, auch einer, der uns hier tangiert.

    Dieser Film und fast alle Exponate sind von beeindruckender Bildsprache und emotionaler Kraft. Die jungen ukrainischen Künstlerinnen und Künstler sind, was den internationalen Dialog betrifft, absolut anschlussfähig. Die Augenhöhe beweisen Leihgaben von bekannten Künstlerinnen und Künstlern aus dem Antwerpener Kunstmuseum, die– sehr geschickt - für internationalen Kontext sorgen.

    Es ist dem Geschäftsführer von Zilkens Fine Art und seinen Mitstreitern bei den Projektentwicklern Bema und ABG Real Estate zu verdanken, dass diese gehaltvolle Ausstellung ihren Weg nach Deutschland fand. Sie hat eine Vorgeschichte.

    In Partnerschaft mit dem Antwerpener Museum für zeitgenössische Kunst eröffnete das Pinchuk Art Centre in Kiew im Juni 2022 die Ausstellung „When Faith Moves Mountains“. Ihre Kuratoren sind Björn Geldhof vom Pinchuk Art Centre in Kiew und Bart de Baere aus Antwerpen.

    Ausstellungen sind im verwüsteten Land nicht möglich

    Die zweite Ausstellungs-Station in Köln ist räumlich angepasst und trägt nun den eingangs erwähnten Titel „Worth Fighting for“. Bart De Baere wählte etwa die erschossenen Schlachtrösser aus einer unter die Haut gehenden Installation. Die Bildhauerin Berlinde De Bruyckere hat dafür sterbende Pferde nach Fotos vom Ersten Weltkrieg lebensgroß mit echtem Fell nachgebildet.

    Weitere Werke von Kunstgrößen wie Marlene Dumas, Hiwa K, Barbara Kruger, Kerry James Marshall und Luc Tuymans stellen die uns bisher unbekannten jungen Ukrainerinnen und Ukrainer in den weltweiten Kontext. Die Kasachin Almagul Menlibayeva inszeniert in einem Foto ein Kind in der Weite der Steppenlandschaft, davor liegt ein alter Mann mit einem vermutlich toten Schaf in den Armen. Ein Bild vom Ende der Hoffnung.

    Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine sehen ihre Heimat in weiten Teilen zerstört. An weitere Ausstellungen ist im verwüsteten Land aktuell nicht zu denken. Ihre Stimme dennoch zu Gehör zu bringen, die Bilder vom täglichen Schrecken auch im Ausland zu teilen, ist entscheidend. Denn die Kunst ist immer auch das Gedächtnis einer Nation. Das fand auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Sie hat „Worth Fighting for“ mit rund 200.000 Euro unterstützt.

    „Worth Fighting for“: bis 14. Dezember 2022 im Campus M, Oskar-Jäger-Straße 97-99, 50825 Köln, Eintritt frei, Mo bis So 10 bis 18 Uhr

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