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27.05.2022

08:18

Ausstellung in Solingen

Documenta in Kassel: Die erste Ausgabe sah alt aus

Von: Regine Müller

Eine erhellende Ausstellung in Solingen rekonstruiert, wie die Documenta 1955 verfolgte und verfemte Künstlerinnen und Künstler bewusst ausgrenzte.

Der Maler war 1929 in Bodes Kasseler Ausstellung vertreten, nicht aber in der ersten Documenta von 1955. Bürgerstiftung für verfolgte Künste

Anton Kerschbaumer „Stilleben mit Weihnachtsengel“

Der Maler war 1929 in Bodes Kasseler Ausstellung vertreten, nicht aber in der ersten Documenta von 1955.

Solingen Gut drei Wochen vor dem Start der documenta 15 ist die Debatte über das Leitungs-Team nicht verstummt: Der Vorwurf, Mitglieder des Leitungs-Kollektivs und eingeladene Teilnehmer stünden der Israel-Boykott-Bewegung „BDS“ nahe oder seien antisemitisch, konnte bisher nicht entkräftet werden.

Die Documenta gilt als weltweit wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst und steht in der Kunstwelt unter höchster Aufmerksamkeit. Denn sie dominiert den künstlerischen Diskurs und nobilitiert ihre Teilnehmer zu Stars und damit zu Marktgrößen des Kunstbetriebs.

Wie wirkmächtig die Auswahlpolitik der Documenta bereits bei ihrer ersten Ausgabe war, analysiert nun eine Ausstellung im Solinger Zentrum für verfolgte Künste, die gemeinsam mit dem Documenta Archiv Kassel entstanden ist. Die Schau „1929/1955. Die erste documenta und das Vergessen einer Künstler:innengeneration“ erinnert daran, dass es in Kassel bereits eine gewachsene Tradition bedeutender Ausstellungen mit Gegenwartskunst gab.

Und Arnold Bode, der Initiator der ersten Documenta von 1955 hatte 1929 auch die „Vierte Große Kunstausstellung“ in Kassel verantwortet. Eine Kontinuität, die nun erstmals in einem kritischen Vergleich aufgearbeitet wird.

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    Aber kann man wirklich zwei Ausstellungen miteinander in einen Bezug setzen, zwischen denen nicht nur 26 Jahre liegen, sondern eine Diktatur, ein Zivilisationsbruch, ein verheerender Weltkrieg, der Holocaust und der Beginn eines Wiederaufbaus, der Schuldfragen weitgehend verdrängte?

    Um es vorwegzunehmen: Das letzte Wort über die Konzeption der ersten Documenta ist mit der Solinger Ausstellung – die sich als laufendes Forschungsprojekt begreift – sicher noch nicht gesprochen. Aber die Schau schafft eine Faktenbasis und trägt reichlich Material zusammen.

    Der Künstler gehört zur Neuen Sachlichkeit. Dieser zeitkritische Stil fand in der 1. Documenta keine Berücksichtigung. VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Bürgerstiftung für verfolgte Künste

    Emil Betzler „Frauenbad“

    Der Künstler gehört zur Neuen Sachlichkeit. Dieser zeitkritische Stil fand in der 1. Documenta keine Berücksichtigung.

    Damit wird deutlich, welche Fäden der Vergangenheit die erste Documenta wieder aufnahm, und welche bewusst nicht. Zu den Gründen dieser Politik stellt die Schau (noch) keine ehernen Thesen auf. Aber sie regt mögliche Antworten an.

    Das Solinger Museum kann auf die eigene Sammlung zurückgreifen von rund 1500 Werken von Künstlerinnen und Künstlern, die in der NS-Zeit verfemt, verfolgt und danach teils ganz vergessen wurden. In den eigenen Beständen suchte das Team um Direktor Jürgen Kaumkötter nach Teilnehmern der Kasseler Ausstellung von 1929.

    Die Kuratoren versuchten, die Teilnehmer anhand des erhaltenen Katalogs in Teilen zu rekonstruieren. Demnach waren rund 30 Künstler der Solinger Sammlung 1929 in der Kasseler Schau vertreten; bei der Documenta 1 dagegen waren es aus ihren Reihen nur noch drei: Josef Albers, Christian Rohlfs und Xaver Fuhr. Zufall?

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    Der kunstpolitische Neuanfang der Bundesrepublik ist ein Trugbild. Das zeigen Forschungen zur documenta und zu Nazi-Akteuren, die auch nach 1933 Karriere machten.

    Die Ausstellung beginnt mit einer langen Liste der Künstler, die Arnold Bode für seine Kasseler Schau von 1929 eingeladen hatte. Er zeigte einen repräsentativen Überblick über die zeitgenössische deutsche Kunst, die der Kunstkritiker Paul Westheim begeistert als „Phalanx der jungen Kräfte“ feierte.

    In Diagrammen arbeiten die ersten Wände die „Struktur des Vergessens“ auf. Sie dokumentieren, welche der Kasseler Künstler von 1929 in der Nazizeit in der propagandistischen Wanderausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert wurden, und welche der bis dahin erfolgreichen Künstlerbiografien abrissen. Nicht weniger als 86 der 172 Kasseler Künstler von 1929 waren von dem Urteil „entartet“ betroffen, das einem Berufsverbot gleichkam.

    Arnold Bodes erklärtes Ziel für die Documenta 1 war es dann, die verfemte Kunst wieder zu rehabilitieren, und ausdrücklich an die Kunst der Zeit vor der NS-Zeit wieder anzuknüpfen. Bode listete sein erstes Konzept mit der Schreibmaschine auf: „Blauer Reiter, Kubismus, Surrealismus, Brücke“ steht da geschrieben, nur handschriftlich ergänzte Bode „neue Sachlichkeit & Primitive“.

    Kunst der Neuen Sachlichkeit ignoriert

    Tatsächlich aber besann die Documenta 1 sich nicht zurück auf den Stand der Gegenwartskunst von 1929, sondern zeitlich weiter zurück zur international etablierten Klassischen Moderne der 1910er-Jahre. Die gesellschaftskritische, überwiegend figürlich arbeitende Kunst der Weimarer Republik dagegen blieb draußen. „Die erste documenta war sehr alt“ sagt Brigitta Coers vom Documenta Archiv Kassel.

    Warum Bode sein Konzept nur eingeschränkt realisierte und etwa die Kunst der Neuen Sachlichkeit bei der Documenta 1 doch nicht berücksichtigte, lässt sich aus eigenen Äußerungen nicht nachweisen. Die beteiligten Wissenschaftler allerdings schreiben dieses bewusste Vergessen dem Kunsthistoriker Werner Haftmann zu. Der stieß 1955 zum Documenta-Team hinzu. Ihm weist die Forschung inzwischen massive NS-Verwicklungen nach.

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    Die Ausstellung der Kunst von Verfemten oder ermordeten Künstlern wie etwa Felix Nussbaum hätten zudem eine Auseinandersetzung der Documenta mit dem Holocaust erfordert. Das aber war nicht erwünscht, wie Jürgen Kaumkötter anmerkt: „Man wollte an die Verbrechen und Ausgrenzungen zwischen 1933 und 1945 nicht erinnert werden.“

    Im Untergeschoss erinnert die Schau nun mit 60 Werken an 24 Künstler, von Jankel Adler bis Gert Wollheim, darunter auch Gemälde von Joachim Ringelnatz, der heute als Dichter skurriler Reime im kulturellen Gedächtnis abgespeichert ist. „Aber im Telefonbuch stand damals hinter seinem Namen „Maler“, sagt Kaumkötter.

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