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13.05.2022

09:55

Ausstellung

Künstler während des Nationalsozialismus: Im Zickzack-Kurs durch Krieg und Diktatur

Von: Regine Müller

Die Frankfurter Schirn Kunsthalle beleuchtet mit der Ausstellung „Kunst für Keinen“ eine aktuelle Frage: Wie politisch darf oder muss ein Künstler sein?

Die Fotomontage von 1935 ist eine Leihgabe des Zeppelin Museum Friedrichshafen (Ausschnitt aus einem viereckigen Format). Zeppelin Museum Friedrichshafen; Estate Marta Hoepffner

Marta Hoepffner „Selbstbildnis“

Die Fotomontage von 1935 ist eine Leihgabe des Zeppelin Museum Friedrichshafen (Ausschnitt aus einem viereckigen Format).

Frankfurt Russische Künstlerinnen und Künstler stehen derzeit im Zentrum einer erregten Debatte. Seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine wird von ihnen Haltung eingefordert, Distanz zum Aggressor und klare Verurteilung der völkerrechtswidrigen Invasion.
Gestritten wird in dieser Debatte auch um die Frage, ob und wie die Kunst zu trennen ist von Biografien, politischen Einstellungen und Schicksalen. Eine Frage, die so alt ist wie die Kunst. Und auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Die Frankfurter Schirn Kunsthalle widmet sich zurzeit in der Ausstellung „Kunst für Keinen 1933-1945“ 14 Künstler-Biografien, von denen keine der anderen gleicht. Bekannt und gut erforscht sind aus dieser Zeit die Schicksale von Künstlerinnen und Künstlern, die damals ins Exil gingen.

Für jene, die in der Nazizeit ausharrten, war bislang die begütigende Formel der „inneren Emigration“ das vorherrschende Deutungsmuster. Spätestens aber seit 2019 eine Berliner Ausstellung die wahre Verstrickung und Selbststilisierung der Expressionismus-Ikone Emil Nolde aufdeckte, ist diese Formel brüchig geworden.

Die Frankfurter Schau leistet einen weiten und durchaus auch verwirrenden Überblick über in Nazi-Deutschland gebliebene Künstler. Sie konnten zum großen Teil in dieser Zeit nur noch für sich selbst – daher der Titel – oder bestenfalls für einen kleinen Kreis Gleichgesinnter arbeiten.

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    Es sind große Namen dabei wie Otto Dix, Karl Hofer oder Hannah Höch, aber auch weniger bekannte wie Hans und Lea Grundig oder Franz Radziwill. Viele von ihnen litten große wirtschaftliche Not und konnten ihre Materialien nicht mehr beschaffen. Einige von ihnen waren im Geheimen produktiver denn je, andere wieder passten sich ästhetisch an.

    Der Künstler, Mitglied der KPD, arbeitete seit 1936 künstlerisch und politisch im Untergrund. Das abgebildete Gemälde entstand 1938. bpk / Nationalgalerie, SMB, Foto: Klaus Göken; VG Bild-Kunst, Bonn 2022

    Hans Grundig „Kampf der Bären und Wölfe“

    Der Künstler, Mitglied der KPD, arbeitete seit 1936 künstlerisch und politisch im Untergrund. Das abgebildete Gemälde entstand 1938.

    Jedem der 14 Künstler ist in einer Art Zickzack-Kurs ein eigener Raum gewidmet, in dem Wandtexte die bewegten Biografien schildern und beispielhafte Werke aus jener Zeit ausgestellt sind. Irritierend, aber damit exemplarisch für die gesamte, bewusst nicht wertende Schau wird der Fall Otto Dix präsentiert.

    Im kollektiven Kunstgedächtnis ist Dix abgespeichert als scharfer Chronist der Weimarer Zeit, visionärer Schwarzseher und unbarmherziger Beobachter bürgerlicher Dekadenz. Gleich nach dem Machtantritt der Nazis verlor er seine Professur in Dresden und zog sich an den Bodensee zurück. Dort verwandelte er sich in einen altmeisterlich inspirierten Landschaftsmaler mit teils süßlicher Farbpalette und surrealen Details.

    Die Faschisten übersahen das Bedrohliche seiner neuen Landschaften. Dix galt ihnen damit als geläutert und konnte mit Galerie-Ausstellungen wieder in den Kunstmarkt zurückfinden. Ein Manko in diesem Kapitel der Schau ist allerdings, dass sie keinen Vergleich mit seinem Schaffen vor 1933 anbietet. Das würde seinen krassen Wandel veranschaulichen.

    Die Künstlerin war im Geheimen produktiv. Das abgebildete Leinwandgemälde entstand 1945. Berliner Sparkasse; VG Bild-Kunst, Bonn 2021

    Hannah Höch „Das Ende“

    Die Künstlerin war im Geheimen produktiv. Das abgebildete Leinwandgemälde entstand 1945.

    Jeder Eindeutigkeit entzieht sich auch Karl Hofer: Vor 1933 hatte er sich öffentlich gegen den Nationalsozialismus positioniert und wurde als Hochschullehrer sofort entlassen, sein Werk in der Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert.

    Dennoch konnte er noch längere Zeit im In- und Ausland verkaufen und aus der Reichskammer der bildenden Künste war er wegen seiner Ehe mit seiner jüdischen Frau nur kurz ausgeschlossen. Denn Hofer ließ sich scheiden, seine Frau wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Seine in der Schirn gezeigten Gemälde zeigen bereits 1936 düster-visionäre Szenen mit hohläugigen Menschen vor nachtschwarzen Ödlandschaften, die den Krieg zu ahnen scheinen.

    Der Maler Franz Radziwill dagegen war bekennendes NSDAP-Mitglied und machte mit stramm linientreuer Kunst Karriere. Er wurde Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, bevor Neider sein expressionistisches, „entartetes“ Frühwerk hervorzerrten. Daraufhin zog er sich zurück und übermalte seine Jubelbilder systemkritisch.

    Ketterer: Drei Grazien locken die Kundschaft

    Ketterer

    ArtikelDrei Grazien locken die Kundschaft

    Bei den Ketterer-Auktionen machen wiederentdeckte Künstler der Moderne Preiskarriere. Das Angebot an zeitgenössischer Kunst lockt selbst Sammler in Australien an. Auch die Werke bisher kaum bekannter Maler übertreffen die Taxen um ein Vielfaches; neue Käufer überbieten Stammkunden. Der Markt gibt hier die Initialzündung für späte Wertschätzung.

    Mag man sich mit Radziwills Gemälden und den Dix-Landschaften auch ästhetisch wenig anfreunden, die Schau bietet gerade von den weniger bekannten Künstlern bemerkenswerte Werke: Etwa Jeanne Mammens kraftvoll kubistische Malerei wie „Sterbender Krieger“, Willi Baumeisters filigrane Lackarbeiten, Hans Grundigs expressive Radierungen aus der Reihe „Tiere und Menschen“ und die drastischen, an Goya erinnernden Radierungen der Serien „Unterm Hakenkreuz“ und „Krieg droht!“ seiner Frau Lea.

    Hans und Lea Grundig waren Mitglieder der KPD, sie jüdischer Herkunft. Seit 1936 arbeiteten sie künstlerisch und politisch im Untergrund. Solche gradlinigen Biografien gab es auch, aber sie sind eher die Ausnahme. Die Frankfurter Schau ist ohne wohlfeile Wertungen präsentiert, der Tonfall ist sachlich und nachdenklich. Das ist ihre besondere Stärke.

    Die Ausstellung „Kunst für Keinen 1933-1945“ läuft in der Schirn Kunsthalle Frankfurt noch bis 6. Juni 2022. Der Katalog mit 296 Seiten erschien im Hirmer Verlag und kostet 39 Euro im Museum, 49,90 Euro im Buchhandel.

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