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24.09.2022

08:19

Ausstellung

Kunst in der DDR: Die Grenze in den Köpfen

Kunst aus Ostdeutschland wird nur sehr selten im Westen ausgestellt. Es klafft offenbar noch immer ein Wahrnehmungsgefälle.

Im Vordergrund Hilde Broërs Zementskulptur "Sitzende" von 1961. Die Ausstellung lief bis 28.8.2022. Marlies Kross

Blick in die Ausstellung im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus

Im Vordergrund Hilde Broërs Zementskulptur "Sitzende" von 1961. Die Ausstellung lief bis 28.8.2022.

Halle an der Saale Der Stempel klebt hartnäckig, seit mehr als 30 Jahren. „DDR-Kunst“ ist darin eingraviert, „Kunst aus dem Osten“, wenn es etwas freundlicher klingen soll.

Kaum ein Künstler, der zwischen Rügen und Reichenbach beheimatet ist, entgeht dieser Klassifizierung. Die Stars der „Neuen Leipziger Schule“ einmal ausgenommen, hat das auch Konsequenzen für die Museums- und Marktpräsenz im immer noch tonangebenden Teil des Landes. „Gerichtetheit West“ nennt das die Dresdner Kunsthistorikerin Susanne Altmann.

Ausstellungen von Künstlern, die in der DDR groß wurden, sind im Westen die Ausnahme. Wer nicht Neo Rauch oder Norbert Bisky heißt und von der Galerie Eigen + Art vertreten und gefördert wird, hat es im Westen nach wie vor schwer. Das machte eine Tagung der Kunstkritikervereinigung AICA im Sommer klar. Im Dresdner Albertinum wurde nach „Kunst/ Kritik in Ost und West“ gefragt, doch spiegelten sich dort auch die Interessen von Museumsleuten und Besuchern.

Solche „Gastspiele“ ostdeutscher Maler, Grafiker oder Fotografen bleiben auch allzu oft genau das, Unikate, denen kaum einmal weitere Schauen oder Kooperationen folgen. Ein Beispiel ist die Ausstellungsliste von Cornelia Schleime, 1953 in Berlin geboren. Die Werke der Malerin und Autorin waren in Paris, Moskau, Prag, London und Venlo zu sehen, hierzulande nur in Tübingen und oft in Berlin.

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    Physisch ist die Grenze zwischen den Landesteilen seit mehr als 30 Jahren verschwunden, in den Köpfen selbst der mit oder nach der Wende Geborenen scheint sie allzu oft noch präsent. Wenn Bernhard Schulz in Dresden mit Blick auf die 1990er-Jahre formulierte, „Feinheiten (der DDR-Kunst) blieben der westdeutschen Kunstkritik verborgen“, so ist diese Unschärfe teils immer noch vorhanden.

    Gegenüber der Kunst aus dem Osten gibt es immer noch Vorbehalte: „Staatskünstler“ ist schnell gesagt, „Republikflucht macht noch keinen Künstler“, ein Zitat eben aus den 1990ern, gilt manchen immer noch als zutreffend.

    Auch westdeutsche Museen sollten sich um die Kunst aus dem Osten Deutschlands kümmern. Marlies Kross

    Ausstellungsansicht aus dem Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus

    Auch westdeutsche Museen sollten sich um die Kunst aus dem Osten Deutschlands kümmern.

    Das Museum Moritzburg in Halle an der Saale hat nun die erste Dauerausstellung zur Kunst in der DDR eingerichtet, Direktor Thomas Bauer-Friedrich sieht auch durchaus interessierte westdeutsche Besucher. Doch in Westdeutschland gab es so etwas kaum einmal, und wenn, dann im und als „Bilderstreit“.

    Bauer-Friedrich äußerte sich im Interview mit der „Zeit“. Dort hatte man einen Text über „Die verborgene Kunst des Ostens“ veröffentlicht. Der begann mit einem Frühwerk von Gerhard Richter, das dieser heute nicht mehr kommentieren mag; es folgten Daniel Buren, Barlach, ein namenloses „Aufbruch“-Relief, dann Werner Tübke. Und Annedore Policek, die das Fliesenbild „aus der Welt des Kindes“ schuf. Heute ist die Künstlerin nur noch auf der Webseite von Halberstadt, wo sie lebt, und in der Werkdatenbank des BBK Sachsen-Anhalt zu finden.

    Exil ins Grenzgebiet der Systeme

    Solche Kaum-Wahrnehmung von aus der DDR stammenden Künstlern nannte Susanne Altmann bei der AICA-Tagung ein „Rezeptions- und Repräsentanzgefälle West“, die auch bemängelte, es werde über „Kunst aus der DDR“ gesprochen, nicht aber über „Kunst aus dem Westen“. Das hat zum Teil skurrile Auswirkungen: Auf Wikipedia findet sich unter einer Künstlerbiografie die Schlusszeile „Deutscher – Ostdeutscher“.

    Damit gemeint ist Ralf Kerbach, 1956 in Dresden geboren, 1982 zur Ausreise aus der DDR gezwungen. „Er kam aus der selbstgenügsamen Zurückgezogenheit Dresdens in die Offenheit der westlichen Szene“, beschrieb Kunsthistoriker Eckhart Gillen dieses Exil, ins „Niemandsland, an die Grenze der Systeme“. Nicht nur Kerbach habe die Mauer „traumatisiert; er hat seine Erfahrungen in seinen Bildern „als desillusionierte Beschreibung des Exils“ verarbeitet.

    Der Ausstellungsspiegel zeigt bei Kerbach ein ähnliches Bild wie bei Schleime: In Oldenburg, Bielefeld, Düsseldorf gab es jeweils nur eine Präsentation des Malers, Grafikers und Gitarristen, ansonsten in Berlin und in seiner Heimatstadt Dresden, wo er 1992 eine Professur antrat.

    Dem Dresdner Albertinum hat man lange Zeit vorgeworfen, sich zu wenig um die Kunst aus der DDR zu kümmern; nun will man sich diesem Gebiet dort stärker widmen. Aber wäre das nicht auch eine Aufgabe gerade für westdeutsche Museen? Wie sagte Kathleen Reinhardt, Kuratorin für Gegenwartskunst am Albertinum, vor den versammelten Kunstkritikern: „Wir müssen die junge Generation mit dem Weiterdenken beauftragen und das Archiv als Werkzeug für neue Zukünfte nutzen.“

    Von

    Ute Grundmann

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