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15.09.2022

17:37

Ausstellung

La Biennale de Lyon: Rebellion in der Seidenmanufaktur

Von: Olga Grimm-Weissert

Dem deutsch-libanesischen Kuratoren-Duo Till Fellrath und Sam Bardaouil gelingt eine gut durchdachte Kunstbiennale in Lyon. Den roten Faden legt das imaginäre Leben einer Fabrikarbeiterin.

In der Videoarbeit „Where Is My Mind?“ liefern gebrochene Statuen der römischen Zeit der Stadt Lyon den thematischen Einstieg. Courtesy the artistes & Galerie In Situ-fabienne leclerc

Joana Hadjithomas & Khalil Joreige

In der Videoarbeit „Where Is My Mind?“ liefern gebrochene Statuen der römischen Zeit der Stadt Lyon den thematischen Einstieg.

Lyon Selten gelingt es Kuratoren, eine Kunstbiennale mit einem stringent durchdachten und effizient realisierten Leitmotiv auszurichten wie nun dem deutsch-libanesischen Kuratorenduo Till Fellrath und Sam Bardaouil: Konzept und Durchführung der 16. Lyoner Kunstbiennale gelingen mustergültig. Unter dem Titel „Manifesto of Fragility“, übersetzt etwa mit „Manifest der Fragilität“, präsentiert das Duo 88 Künstler aus 39 Ländern an zwölf verschiedenen Orten der südfranzösischen Metropole.

Die beiden international seit 15 Jahren hochaktiven Ausstellungsmacher leiten seit Anfang dieses Jahres den „Hamburger Bahnhof“ in Berlin. Dort zeigten sie bereits eine Variante ihrer Schau, die sie jetzt im zeitgenössischen Museum „macLYON“ aktualisieren.

Die Ausstellung, die sich klug in den geografischen und historischen Kontext der Stadt Lyon einbettet, zieht ihren Faden von der Seidenhersteller-Stadt Lyon bis nach Beirut. Dort pflanzte die französische Kolonialverwaltung Unmengen Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht.

Eine während der Recherchen der Kuratoren aufgefundene Frauengestalt, Louise Brunet, war um 1835 in einer Lyoner Seidenfabrik tätig. Wegen ihrer Teilnahme an der Arbeiterrevolte verurteilt, tauchte sie später in einer Seidenmanufaktur in Beirut auf.

Das imaginäre Leben der Louise Brunet, die gegen Ausbeutung und Geschlechtszugehörigkeit rebelliert und deren Autoren Fellrath & Bardaouil sich über die chronologische Logik hinwegsetzen, bildet den Erzählstrang der Ausstellung im macLYON. Locker springen die Kuratoren vom 19. ins 20. Jahrhundert, in die „goldenen“ 1960er-Jahre, als der wirtschaftliche Aufstieg Beiruts eine intensive künstlerische Kreativität ermöglichte.

Die Auswahl der gezeigten Werke besticht durch ihre Qualität. Diese kuratierte Schau füllt zwar das dreistöckige Museum, sie stellt aber nur einen kleinen Teil des Mammut-Kunstangebots der Lyoner Biennale dar, deren zeitgenössischer Aspekt sich in den überdimensionalen Fabrikhallen der früheren „Usines Fagor“ ausbreitet.

Bei „Self-contained Withstander“ handelt es sich um ein Foto auf Polyesterseide. Courtesy of the Artist and Casas Riegner Gallery; Foto: Blandine Soulage

Leyla Cárdenas

Bei „Self-contained Withstander“ handelt es sich um ein Foto auf Polyesterseide.

Viele ausgezeichnete Videos, Malerei, variantenreiche Skulpturen und Installationen erwarten die zusehends euphorisierten Besucher. Wobei der mit viel Humor gewürzte Parcours stets von gut abgestimmter Musik begleitet wird.

Fragilität heißt auch Zerbrechlichkeit. Gebrochene Statuen aus der römischen Zeit der Stadt Lyon dienen als thematischer Einstieg. Die libanesisch-französischen Multimediakünstler Joana Hadjithomas und Khalil Joreige montierten einen faszinierenden Videoablauf, projiziert auf einem lang gestreckten Screen, wo sie kopflose archäologische Marmorstatuen oder aber nur antike Köpfe systematisch sortieren. Dazu die Frage: „Where is my mind?“

Nike fliegt durch das Museum

Der humorvolle US-Künstler Gabriel Abrantes verwandelt Marmorstatuen sogar in sprechende Filmhelden. Die griechische Göttin Nike, bekannt als „Nike von Samothrake“ aus dem Louvre, lässt ihre Flügel schwingen.

Durch das Museum fliegend, überredet Nike ein Mädchen aus Marmor dazu, sich in das nächtliche Paris zu wagen. Dort knüppeln Polizisten eine Protestveranstaltung nieder und schlagen der neugierigen Marmorstatue ein Bein ab. Als sie humpelnd auf ihren Sockel zurückwill, zerbricht sie elend in Scherben. Aber das Louvre-Laboratorium setzt alle Teilchen wieder zusammen.

Aufmüpfige Geschichten

Andere aufmüpfige Geschichten malt die 80-jährige Französin Sylvie Selig auf einer 50 Meter langen Leinwand und auf Ölgemälden. Die Kuratoren entdeckten die energiegeladene Künstlerin auf Instagram. Sie stellt ihre Arbeit erstmals aus. Sylvie Selig deutet mit einigen Werken, wie „Knaben weinen nicht“ oder „Tanguy und sein Hund“ in die Richtung der Queer-Thematik. Sie ist einer der feinsinnig gewebten roten Fäden der Biennale.

Die Ausstellungsmacher hatten eigentlich die Absicht, den Kunstmarkt von der Biennale fernzuhalten. Das gelang wegen der fragilen finanziellen Situation nicht wirklich. Unter den 50 Auftragsarbeiten unterstützten mehrere Galerien die Realisierung der XXL-Installation von Hans Op de Beeck, „Wir blieben als die Letzten“. Ein mit hellgrauer Staubhülle übergossener Campingplatz, im Format eins zu eins, verbreitet gruseliges Grauen. Oder Ablehnung wegen Größenwahn.

Die omnipräsente Musik bei der Biennale verstärkt die Sinneswahrnehmung. Besonders bei der Video-Auftragsarbeit der Deutschen Annika Kahrs, die Tonskala und Akustik der Fabrikhalle auslotet: Kahrs filmte Sänger, Blasinstrumente und hämmernde Holzarbeiter in mehreren Sequenzen in einer Lyoner Kirche.

Schä(n)dliche internationale Abkommen

Eine der Ideen der Biennale-Macher, historisch kritikwürdige Fakten künstlerisch aufzubereiten, griff die New Yorkerin Taryn Simon mit riesigen Fotos von Blumenarrangements auf: Als Kontrapunkt zur gestylten Ästhetik denunzieren die in der Marge gedruckten Texte schä(n)dliche internationale Abkommen. Daher der Werktitel: „Papierarbeit und der Wille des Kapitals“. Mit Erwähnung der Galerie Gagosian.

Keineswegs alle gezeigten Werke werden in die Kunstgeschichte eingehen. Aber viele Besucherinnen und Besucher entdecken Kunst aus dem arabischen Sprachraum. Und erleben eine kohärente, gegen Kolonialismus kritische, also politisch untermauerte Schau, deren sinnliche Energie beschwingt.

Die Ausstellung „manifesto of fragility: 16. Biennale de Lyon Art“ läuft bis 31. Dezember.

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